Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Article
- Capstadt [Nachricht]
- Date
- 1902-07-04
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nc. 27 „Die fr Wert*5 Seite 13 und S. Spiro; Ausschussniitglieder M. Zuckermann, J. B. Shacksi)ovis,S.Rostowsky, M. Grossberg, S. Romeiu, & Getz Und J. Selzowsky. Mit einem Dankesvotum an den Vorsitzenden und nach Absingung des Liedes „Dort wo die Ceder", wurde die Sitzung geschlossen. Capetown. In einer von der „Dorshei Zion-Gesellschaft" veranstalteten Versammlung hielt Mr. Stein einen Vortrag über „Judentum und Zionismus". Die Zionisten-Halle war zum Erdrücken voll, und diese grosse Versammlung folgte mit gespanntester Aufmerksamkeit den vom Anfang bis zum Ende interessanten Darlegungen des Redners. Nach dem Vortrage fand eine sehr lebhafte Diskussion statt. Bloemfontein. Die Zionisten unserer Stadt feierten den Friedensschluss durch Abhaltung einer jüdischen Volksversammlung, in welcher nach den patriotischen Reden und Voten Pf. St. 52,15,6 für den Jüdischen Nationalfonds gesammelt wurden. Opfergaben/) Von Max Schanzer. Der Morgen glimmt. Es breitet seine Aeste Der Wald, von Thau beschwert, und ragt empor; Der Adler rauscht aus schroffem Felsenneste, Es dringt sein Fittig durch der Wolken Flor; Der Hauch des Waldes regt die feuchten Schwingen, Die Lippe bebt, ein Opfer darzubringen. Ein Opfer wallt, ihr Lieder, durch die Thale, Als Flamme rauscht und lodert durch das Land! Die Nacht zerrinnet vor dem gold'nen Strahle; Mein Haupt wusch ich im Thau, und unverwandt Heft' ich den Blick gen Ost, die Emst voll Sehnen:- Der Morgen loht — und alles steht in Thränen. Bekenntnisse einer jungen Seele. Mit der jüdischen Poesie hat es eine eigene Bewandtnis. Jahrhundertelang, weit über ein Jahrtausend ging sie in traditionellen Bahnen. Lyrisch meditativ sah sie zu Gott empor und zu den Menschen herab, war sie theologisch und philosophisch, suchte sie das Verhältnis der Menschen zu Gott, zur I^atiir, zu den Mitmenschen in heissem qualvollen Denken zu ergründen. Die Qual des Ringens um Wahrheit und Weisheit gibt dieser Poesie das Gepräge. Sie steigt hinauf in die blauen eisigen Höhen der Spekulation, hinab in die gährenden, lohenden Tiefen der Leidenschaft. Sie durchforscht mit unermüdlichem Scharfsinn den wilden Garten des Erkenntnisses, der das menschliche Herz heisst, und sie geht auf den verschlungenen Wegen dieses Gartens bis zu der geheimnisvollen Pforte, hinter der die ewigen Geheimnisse liegen. Bald bricht die Poesie hervor, wie eine heisse Lavaflut, bald klingt sie wie die Harfe an der Weide, über deren Saiten der Wind streicht. Die Ekstasen aller Gefühle läutern sich zur Weisheit dieser Poesie. Liebe und Hass, Zorn und Verzweiflung, Melancholie und Frohsinn, Resignation und Kampfesmut, Zuversieht und Zweifel haben die Philosophie der jüdischen Dichter geboren. Aber wenn die Dichter mit ihren Gedanken und Gefühlen alle Grenzen der Welt und des Menschlichen zu erreichen und zu ergründen suchten,- das Nächste, gerade das, was die Dichter anderer Völker und anderer Länder zuerst anregt und beschäftigt, sehen sie nicht. Das Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung, zu den Ereignissen, die der Alltag bringt, zu den Vorgängen, durch die das menschliche Leben hindurchführt, blieb unerörtert. Der Jude sah alles unter dem Gesichtswinkel des an Gott Denkenden, des Weisheit Suchenden, des nach Läuterung Strebenden. Und wenn er diese charakteristische Eigenart seiner Dichtkunst aufgab und lyrisch, episch, dramatisch die Formen und Formeln übte, wie er sie bei den Dichtem anderer Völker und Kassen sah, gab er im gleichen Augenblick seine Eigenart als J*nde auf. Es blieb dem neunzehnten Jahrhundert vorbehalten, die Formeln arischer Dichtkunst auf das Judentum selbst anzuwenden. Aber die ersten Dichter, die als neue Pfadfinder auftraten und jüdisches Leben schilderten, gingen fast so vor, als wären sie Fremde, die ein unentdecktes Land durchforschen; als die Judenge schichte aufkam, wirkte sie in ähnlichem Sinne als Novum, wie die Bauerngeschichte. Sie wurde wie eine ethnographische Spezialität gepflegt. Das Milieu, das sie schilderte, war, wenn man so sagen kann, viel jüdischer als der Geist, in dem sie geschrieben war. Der Geist strebte ins Weite, war kosmopolitisch. Der Dichter stand hoch über seinem Stoffe. Und nun beginnt eine neue Poesie des Judentums sich zu regen. Eine neue Plia&e jüdischer Kunst. Der Jude bleibt echter, in der Rasse wurzelnder, im jüdischen Gedankenkreise feststehender Jude. Er betrachtet die jüdische Urwelt nicht mehr von aussen, als ein gleichsam nicht in der jüdischen Welt stehender Jude, sondern von innen, als einer, dessen Horizont nicht weiter reicht als sein Judentum. Diese Art der Betrachtung allerdings, diese Form der Darstellung hat er von Dichtern anderer Rassen gelernt. Nun macht er sie sich zu eigen: die jüdische Novelle, der jüdische Roman, das jüdische Drama machen ihre ersten tastenden Versuche. Von einem solchen Versuche will ich heute sprechen. Ich habe eben ein neu erschienenes Buch gelesen: „Passah" heisst es und „Erlebnisse einer jungen Seele" nennt es sein Dichter Moriz Hermann.*) Das Deutsch, in dem das Buch geschrieben, ist ungelenk und ungeschickt. Oft, sehr oft auch durchaus nicht einwandfrei. Ungelenk ist auch die ganze-Komposition des Buches. Was der üichicr sagen will, was seine Absicht und Tendenz war, was er bekennen wollte, was ihn erhob und was ihn drückte, das fühlen und ahnen wir mehr, als wir es sehen. Aber gerade das gibt dem Buche den Charakter der Beichte, wo alles aus dem Herzen sprudelt und von der Seele fliesst, unzusammenhängend und planlos. Der Stoff des Buches — von einer Handlung kann man kaum sprechen — ist sehr einfach. In einer kleinen polnischen Stadt wird das Osterfest gefeiert, und der Sohn des Kersch Bär, der in der Stadt das Gymnasium besucht, kommt auf Ferien nachhause. Die Schilderung des Seder, der Feiertagsstimmungen bis zum Ausgang des Festes und die Heimkehr des Jungen nach der Stadt — das ist alles. Offenbar wollte der Dichter schildern, wie sein junger Held sich losringt von seiner Jugend und dem engen Judentum. Wie er aus dem Ghetto hinaustritt in die Welt. Die acht Ostertage sind das Abschiedsfest einer ihm versinkenden Welt. Aber er kennt das neue Ufer, dem er zustrebt, noch gar nicht. Er weiss nicht, was draussen seiner harrt. Vor der Türe der „Welt" steht er. Das Buch schliesst in dein Augenblicke, wo er die Türklinke fasst. Wie die Frühlingsstimmung und die Osterstimmung ineinandergreifen, ist mit ganz merkwürdigen Farben geschildert. Freilich kann ich kaum unterscheiden, ob die Stimmung, in die mich die Schilderung versetzte, auf Konto des Dichters zu setzen ist oder auf Konto der Erinnerungen, die er in. mir erweckt hat. Soll aber darum das Verdienst des Verfassers geschmälert werden? Er räumt den Schutt weg, mit dem der Tag Längstvergessenes aus der *) Einleitung zu einem Cyklus jüdischer Gedichte. *) Verlag Hermann Seemann Nachf., Leipzig 1902.