Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Article
- Mevasereth Zion [Rezension]
- Date
- 1902-07-04
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 JDle & W<eltöt Seite 11 „In einem Keller fand ich acht Personen. Als einziges Möbel ^ein Bett, mit>(drei, schmutzigen Kissen und zwei Bilder : Moses und Äaron. Xn einer Mansarde einen im 1877er Kriege zweimal (bei Rahova und Smirdan) dekorierten Korporal." Im Zimmer war nichts als ein Bett, ein Tisch und an der Wand ein Papierdrache („Mein Knabe macht sie," sagte der Unglückliche, und dann „und wann verkauft er einen an die Nachbarskinder, dann haben wir Brot!") Man sieht alte, gebückte Frauen mit 25 und 29 Jahren, hungernde Wöchnerinnen, bleiche verhungerte Säuglinge. Diese Beschreibung zeigt uns deutlich was die „Allianz"' und „Ica"-Unterstützung zu bedeuten hat. Die „Ica4* votiert 30.000Frcs. für Schulen, damit die hungernde Jugend ihren Magen mit allerlei moralischen Sprüchlein stillen solle und die „Allianz" schickt einen Bevollmächtigten hinaus insBarbarenland, der nach Gutdünken zu beurteilen hat, wer wert ist und wer nicht, im Pferdewaggon nach Amerika zu reisen. Die „Allianz" und „Icau-Unterstützung ist und will als Almosen betrachtet werden, die der Bevollmächtigte für Rumänien nach allerlei seltsamen Berücksichtigungen zu verteilen hat 56 Handwerker-Familien, die im vollsten Sinne des Wortes vor Hunger sterben, sind — Gott weiss aus welchem hohen Gesichtspunkte betrachtet — nicht zu berücksichtigen! N. * In der jüngsten Nummer des Organs für ungarisches Assimilations-Judenthum „Egyenlöseg" wirft Nikolaus H aj du im Hinblick auf die Notlage der Juden in Rumänien die Frage auf, ob es den ungarischen Juden gestattet sei, für die notleidenden ausländischen „Glaubensgenossen" öffentlich Interesse zu bezeigen. »Die Frage scheint einfach zu sein" — führt der Artikelschreiber aus — „allein das Einfache leuchtet nicht jedem ein, und unter den Berufenen gibt es wahrlich viele, die die Frage verwirren und komplizieren. Die Berufenen (gemeint ist der neugegründete „Verein zur Unterstützung verfolgter Juden" in Budapest) hielten vorige Woche eine Sitzung ab und umkreisten diese Fragen mit umständlichen Besorgnissen. Was ich von dieser Sitzung höre, das hat viel Erfreuliches an sich, aber auch viel Tadelnswertes, das unseren Feinden willkommenen Stoff darbietet. In der Enquete der zur Unterstützung verfolgter Juden gegründeten Kommission diskutierte man darüber, ob wir wohl den rumänicchen Juden offen zu Hüte kommen sollen, oder ob wir die Hilfsaktion unter uns, in vertraulicher Weise durchführen sollen? Sollen wir vor der grossen Oeffentlichkeit an die Menschenfreunde appellieren, dass sie zu den Zwecken der Uebersiedlung der Verfolgten Beiträge spenden mögen, oder sollen wir uns den Geldkassen im Wege brieflicher Diskretion nähern? Es ist eine Erfahrungstatsache, dass die öffentliche Sammlung grössere Erfolge aufweist und edle Zwecke besser fördert. Und dennoch einigte man sich nicht auf diese gewöhnliche und leichte Form. Es siegte eben die „umsichtige" Behutsamkeit und die unbegründete Angst. Die Anhänger aller dieser Tugenden betonten, dass die in der Oeffentlichkeit organisierte Aktion zu vielen Missverständnissen Anlass geben könnte. Man könnte sagen : Schau, schau, der ungarische Jude hat auch über die Landesgrenze hinaus Interessen. Darum wurde also beschlossen, briefliche Aufforderungen zur Beitragsleistung zu versenden. Wenn ich diesen Beschluss für eine Weile von der Angelegenheit der rumänischen Juden trenne, so muss ich gegen die Begründung Protest erheben. Meine beratenden Herren, Ihre Meinung von den Christen ist falsch. Die Ethik des Christentums hat die Liebe, die Barmherzigkeit und die Wohltätigkeit kodifiziert. Warum fürchten Sie also das Urteil der Christen? Wohl könnte sich ein verblendeter Feind finden, der uns des Kosmopolitismus, des Bestrebens der Neubildung (!) einer Nation, der Vaterlandslosigkeit und ähnlicher Dinge beschuldigt, aber deswegen zurückschrecken ist ein Unrecht. Die ungarische Judenheit — das betonen wir mit Nachdruck — will die rumänischen Juden ebensowenig auf ungarischem Boden ansiedeln wie die ungarische Regierung. Sie will bloss, dass es den Notleidenden ermöglicht werde, auszuwandern, die Reise zu den kanadischen und argentinischen Niederlassungen zu unternehmen. Hier sollen sie das Land bebauen, Gewerbe und Handel treiben und sich eine Kultur schaffen. Wer zu diesem Ziele sein-Scherflein beiträgt, der ist weder ein Kosmopolit, noch ein Vaterlandsverräter, sondern ein human denkender Mensch." ZumSchlusse gibt der Artikelschreiber seiner Hoffnung Ausdruck, dass das „berufene" Komitee schliesslich doch zur offenen Action übergehen wird, da es andernfalls keine nennenswerten Erfolge erzielen werde. — Der Artikel ist ein äusserst charakteristisches Dokument für die würdelose Leisetreterei des offiziellen Assimilations-Judentums wie für die gesunde Reaktion, die ein derartiges Vorgehen bei jedem einigermassen selbstbewussten Juden hervorrufen musp, mag er sich auch noch nicht zur Höhe zionistischer Anschauungsweise durchgerungen haben. M. Z, $fas der föc\^egut)g. Gedenket des Scheitels! London. (Eine zionistische Wohlfahrtseinrichtung.) Sonntag den 22. Juni fand in London die Eröffnung eines jüdischen Freiquartiers durch Sir Francis Montefiore statt. Das Gebäude hat die Bestimmung, aus der Provinz zugewanderten armen Juden ein Obdach für je eine Woche zu bieten. Es hat Schlafraum für 30 Personen, einen Speisesaal und einen Betsaal. Lange vor derfür die Feier festgesetzten Stunde erwartete eine grosse Menschenmenge vor dem Hause 5, North East Passage, Cable Street im Osten von London, die Ankunft Sir Francis', der präzise 3 Uhr in Begleitung von Mr. Joseph C o w e n, Governor der Jüdischen Kolonialbank, erschien. Mit einem vergoldeten Schlüsse], der ihm vom Komitee dargereicht wor den war, öffnete Sir Francis das erste Zimmer, in welchem der Chor der Cannon Street Road-Synagoge unter Leitung des Rev. J. Lipschitz den Psalm 30 sang. Dann sprach Sir Francis einige Worte. Es konnte ihm keine grössere Ehre und Freude bereitet werden, als die, für unsere armen Brüder ein Asyl eröffnen zu dürfen. Das Institut sei noch klein, aber er hoffe, es sei nur der Kern zu einem grossen Institute, das dem Wohle des armen jüdischen Volkes dienen werde. Mr. Joseph Co wen, der den Speisesaal eröffnete, hielt eine kurze herzliche Rede in deutscher Sprache. Es sprachen noch Dr. B. Morris und Mr. S. Alexander, worauf Mr. Slobolinsky, Herausgeber des „Hajehudi" die Synagoge eröffnete. Das Gebet für den König wurde gesprochen und die englische Volkshymne gesungen. Dann wurde Sir Francis Monte^iore zum Ehrenpräsidenten des Institutes ernannt. Unter Hochrufen auf den neuen Ehrenpräsidenten schloss die würdige Feier. Voranzeigen. Behufs Stellungnahme zum internationalen Studentenkongresse, der Ende September in Budapest tagen wird, veranlasste der Verein jüdischer Hochschüler aus Rumänien„Esez-Israel* eine Zusammenkunft der Wiener nationaljüdischen Verbindungen, die auch am 1. Juli im Saale des Kongressbureaus stattfand. Es erschienen: als Vertreter der „Bar-Koehba" die Herren Haas und Leuchter; als Vertreter der „Kadimah" die Herren Schubert und Kauf; als Vertreter der „Libanonia" Herr Hugo Zuckermann; die „Vereinigung zionistischer Hochschüler" wurde durch ihren Präsidenten Herrn Herszlikievicz vertreten. Als Gast erschien Fräulein Rabinovici. Nach eingehender Debatte wurde die Teilnahme sowie zahlreiche Beschickung beschlossen und ein Arbeitsaussehuss gewählt. Esergehthiermitan alle jüdischnationalen Hoch schüler die dringendste Bitte, sich raschestens mit dem Arbeitsausschusse in Verbindung zu setzen. Briefe können gerichtet werden an Herrn cand. jur. Haas, Wien, III., Kolonitzgasse 7, 1. Stiege, 1. Stock. Berichte. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Einzelverein Wien des „Ziontt veranstaltete am 24. d. M. im Restaurant Fischer, IL, SchifTamts-- gasse<20, einen Vortragsabend. Herr S. Fried aus Pressburg sprach beifällig über die Mendelssoh n'sche Aufklärungsperiode. An der sich daran schliessenden Diskussion beteiligten sich in hervorragender Weise die Herren Bankier Fischer, Dr. Grill, M. B a u m, stud. M e i s e l und stud. theol. W. Füchsel aus Pressburg. Der Abend." dei von vielen fremden Gästen besucht war, verlief in angeregtester Stimmung. Deutschland. Frankfurt a. M. Nachdem in den letzten Wochen einige kleinere zionistische Besprechungen stattgefunden hatten, wurde von der hiesigen zionistischen Vereinigung am Mittwoch abends, den 18. Juni eine grössere Versammlung einberufen, zu welcher besondere Einlalai