Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Article
- Vom Ghetto in New-York [Nachricht]
- Date
- 1902-07-04
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die # Welt4« Nr. 27 sammcngekauert auf ihren Stücken als Matratze, und man hat. Mädchen gefunden, die mit fieberroten Augen liegend nähten. Bei diesem Sw'eatingsystem „saugen" die Zwischenmeister den ganzen Gewinn. Das Leben jeder Familie ist eine Tragödie, so wie Zangwill sie in seinem Drama 3,Kinder des Ghetto" auf die Bühne gebracht hat. Die Generation der Eltern bewahrt die Sitten der russischen Ghettos. Die Generation der Kinder ist dagegen ganz amerikanisch. Sie bilden die Elite der Freischulen, das Publikum der öffentlichen Klubs und die Elite der städtischen Demokratie. Sie schwingen sich zu den freien Berufen auf, bringen sieh in den Grosshandel lünein, und während das Ghetto sich mit neuen Eingewanderten bevölkert, entvölkert es sich von den Söhnen der alten, die die reiche Stadt erobern. Die Juden New-Yorks sind das ergreifendste Beispiel einer Demokratie, die massenhaft zu einem neuen Lose aufsteigt. Aber die unvermittelte Anpassung der Kinder an die Idee der neuen Welt schafft zwischen ihren Eltern und ihnen ein Missverständnis, das mit einem Fluch der alten und mit einem Achselzucken der jungen Generation endet. Das Xew-Yorker Ghetto hat auch seinen Dichter, der in der Sprache des Ghetto schreibt. Sein Name ist Morris Hosen fehl. Er ist in Polen geboren, 39 Jahre alt, war Schneiderlehrling hi England, Diamantensehleifer in Holland, und handhabte in New-York das Bügeleisen in einer Plätterei., bis es ihm, trotzdem er eine Frau und vier Kinder hatte, an der Kraft fehlte, den Lebensunterhalt zu erwerben. Da versuchte er, für einen Cent die Zeile in den hebräischen Zeitungen zu schreiben. Seine Gedichte erzählen von seinen Leiden. Lodz. (Assimilationsblüten.) Die niedrige Kolle, welche die jüdischen Assimilanten im Weichsel-Gebiete spielen, beginnt schon sogar den Polen selbst zu missfallen. In Warschau starb unlängst der jüdische Architekt Stern und vermachte sein ganzes bedeutendes Vermögen (man sagt 2,000.000 Rubeln) katholischen Institutionen. Wenn aber der wackere Stern geglaubt hatte, durch diese grosse Schenkung die Liebe der Katholiken zu erkaufen, so hatte er sich gewaltig geirrt: viele Polen verurteilen den Juden Stern scharf, der für seine unglücklichen Brüder kein Herz hatte und zur Linderung ihrer Not nichts tun wollte. Eine nicht minder nichtswürdige Tat haben die jüdischen Assimilanten von Lodz unlängst begangen. Der «Verein der Handlungsangestellten" von Lodz, dessen Mitglieder beinahe lauter Juden sind, hat an die Verwaltung das Ersuchen gestellt, die kleine Zahl der jüdischen Bücher in der Vereinsbibliothek zu vermehren. Die Debatte über diesen Antrag zeigte zur Genüge, wie niedrig und nichtswürdig die jüdischen Assimilanten denken und handeln. Sie wiesen den Antrag zurück, sich über die jüdische Sprache in Worten äussernd, welche dem ärgsten Antisemiten Ehre gemacht hätten. Ein der Versammlung beiwohnender Christ konnte sich nicht enthalten, den Assimilanten zuzurufen: „Wie können Juden der jüdischen Sprache so feindselig gegenüberstehen!u Der „Verein jüdischer Lehrer" von Lodz hat deshalb beschlossen, eine jüdische Buchhandlung zu eröffnen, um dem Bedürfnisse der Massen nach guten Büchern in jüdischer Sprache zu entsprechen. Deutsche, Juden und Polen. Das „Berliner Tagblatt" vom 26. Juni bringt folgende Korrespondenz aus Schroda im Posenschen: „Zur Illustration^ der schönen Worte über Förderung des Deutschtums in den Ostmarken, die anlässlich der letzten Polen-Debatte gefallen, und als Beweis, wie in einzelnen Kreisen die geübte Praxis von der Theorie abweicht, werden uns folgende Vorkommnisse mitgetheilt: Als hier vor einiger Zeit neue Telephonleitungen angelegt wurden, liess der die Arbeiten leitende Postbeamte das angekommene Material von dem erst seit kurzer Zeit hier etablierten polnischen Spediteur von der Bahn holen, obgleich es in Schroda seit langer Zeit zwei deutsche Spediteure gibt, von denen der eine amtlicher Bahnspediteur ist. Des Pudels Kern ist, dass beide deutsche Spediteure J u d e n sind. Zu dem am 19. und 20. Juni hier stattgehabten Oberersatzgeschäfte trafen am Abend des 18. mehrere O ffi zi ere in Schroda ein, stiegen in Posners Hotel ab, dessen Pächter Jude ist, erhielten aber bald darauf die schriftliche Weisung, nach Hüttners Hotel, dessen Besitzer Pole ist, zu kommen, da für sie dort Zimmer bestellt seien. Ob solche Vorkommnisse zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken beizutragen geeignet sind, mag dem allgemeinen Urteil überlassen bleiben. Dass die hiesigen Juden gut deutsch gesinnt sind, hat sich abermals bei den letzten Stadtverordneten wählen im November erwiesen, indem sie Mann für Mann in der zweiten Abtheilung für den deutschen Kandidaten stimmten, welcher dadurch mit einer Stimme Mehrheit über den polnischen Kandidaten siegte." Wenn das „Berliner Tagblatt" weniger Juden in seiner Redaktion hätte, würde es vielleicht weniger naiv sein. Der Schah Nasr-ed-din über die Lösung der Judenfrage. Die Berliner „Israelitische Rundschau" teilt in ihrer Nummer vom 27. Juni einen Auszug aus dem Tagebuche des Schah Nasr-ed-din von Persien, des Vaters des jetzigen (gegenwärtig in Karlsbad zur Kur weilenden) Regenten, mit, welcher zeigt, wie selbst fernestehende Menschen von klarem Verstände über die Judenfrage und ihre Lösung denken. Schah Nasr-ed-din, der 1848 die Regierung angetreten hatte, fasste 1873, anlässlich der Wiener Welt- Ausstellung, den kühnen Entschluss einer Europa-Reise. Erb esuchte alle europäischen Grossstädte und führte darüber ein Tagesbuch, in dem sich aus Paris folgende Eintragung findet: „Der bekannte Rothschild, welcher sehr reich ist, hatte eine Audienz. Eine Unterhaltung fand statt. Er vertrat die Sache der Juden sehr warm und sprach über die Juden Persiens und bat, dass man ihnen Frieden gewähren möchte. Ich aber antwortete ihm: „Ich habe gehört, dass Ihr Bruder 1000 Kurur (das heisst 500 Millionen Mark) Geld hat. Ich halte für das beste, dass Sie fünfzig Kurur (das heisst 25 Millionen Mark) irgendeinem grossen oder kleinem Staate geben, dafür eine Provinz kaufen und die Juden der ganzen Welt dort sammeln, selbst die Fürsten derselben werden und über alle friedlich regieren, damit sie nicht so zerstreut und urahergetrieben werden." Darüber wurde sehr gelacht. Eine Antwort aber gab er nicht. Darauf teilte ich ihm mit, dass ich allen fremden Stämmen, welche in Persien wohnen, Schutz angedeihen lasse." Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. In der weitverbreiteten dänischen Tageszeitung „Christeligt Tagblad" in Kopenhagen publiziert Pastor em. A'schlund einen Artikel über die „Wiederaufrichtung desJudenvolke s", in welchem er den Zionismus als eine eminente Aufgabe der Christen proklamiert. Der Artikel ist voller Verständnis für die Bestrebungen des Zionismus und es wird hier wieder einmal die von uns oft beobachtete Erscheinung bestätigt, dass jede Sympathie für diese ideelle Bewegung der Juden zugleich Sympathien für die Juden selbst wachrufen muss. Nun ist in dem „Christeligt Tagblad" auch eine dänische Uebersetzung des 1. Kapitels der Nordau'schen Broschüre „Der Zionismus" erschienen. Der Verfasser der Uebersetzung ist Pastor Aschlund. Mit der Uebersetzung ist dem Zionismus in Dänemark eine grosse Schwierigkeit aus dem Wege geräumt worden, da bisher eine weitgehende Agitation durch die Schwierigkeiten der Sprache als fast ausgeschlossen erschien. In der dieswöchentlichen Nummer des „Mevasereth Zion" schildert Herr Horia Carp einen Besuch bei den „Verzweifelten". Es sind dies 52 Handwerker-Familien die ein Bettel-Manifest mit „Die Verzweifelten" unterzeichnet haben. „Es ist ein fürchterlicher Anblick", schreibt Herr H. C, „das unbeschreibliche Elend dieser jüdischen Handwerker anzusehen. Man kann so etwas niemals schildern und wer sich einmal in diese Höhle, wo diese Büsser ihres Judentums wohnen, gewagt hat, der ist ein gebrochener Mann." In kleinen, die Brust beklemmenden Mansarden wohnen zwei bis drei dieser Familien, die meistens reichlich mit Kindern gesegnet sind.