Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Article
- Das goldene Buch [Nachricht]
- Date
- 1902-07-04
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Die £ Welt«« Seite 9 Libau. Am 15. v. ^gieng der dänische Dampfer „Hengest" von Libau in See, um *J 55 jüdische Emigranten über London nach Amerika zu bringen* * Moskau. Wie der „Wostoschny Westnik* mitteilt, ist den Juden die Ansiedlung in der Mandschurei verboten und selbst die Durchreise nur auf Grund eines Auslandspasses gestattet. Aus Galizien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sie haben in Ihrem geschätzten Blatte vom 13. v. M. in Nr. 24 Bade-, Kur-, Erholungsorte^und Hotels in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz angeführt, welche sich jüdischen Besuch verbitten. Es wäre von Wichtigkeit, nachträglich noch Bad Eymanöw, welches dem Reichsratsabgeordneten Grafen Jan Potocki gehört, anzuführen und die Juden vor dem Besuche dieses Kurortes zu warnen- Der Herr Graf sagte, als er vor zwei Jahren in Sanok seine Kandidatenrede hielt, unter anderem': „Ich bin nicht überzeugt, dass die Israeliten kein Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen." Er sagte „Israeliten" und nicht Juden, weil er zu seiner Wahl jüdische Stützen brauchte. Und tatsächlich wurde ihm diese Stütze seitens des einflussreichen Wunderrabbis und seitens des Kultuspräsidenten aus Rymanöw zuteil. Der Herr Kultuspräsident Salomon Seelen freund agitierte im Auftrage des Wunderrabbis und gab jedem zu verstehen, dass Graf Jan Potocki ein Judenfreund sei. Womit Graf Potocki bei Herrn Seelenfreund sich revanchierte weiss ich nicht, nur der Wunderrabbi Herr JosefFriedmann hat seinen Lohn pünktlich bekommen. Als er voriges Jahr in Bad Rymanöw zur Erholung weihte, haben ihn christliche Studenten mit Steinen beworfen und der Herr Graf hat lächelnd zugesehen. Zur Quelle hat der Herr Graf zwei Zugänge machen lassen, nämlich einen für Juden und einen für Christen, und als sich voriges Jahr ein Jude erlaubte, den Christensteg zu betreten, hat ihn ein Aufseher davongejagt. Der Jude fühlte sich beleidigt, er fuhr weg und schrieb an die Badedirektion, man solle ihm seine Kurtaxe zurückzahlen. Die Direction schickte ihm per Post seine Kurtaxe zurück mit dem Bemerken, dass sie kein jüdisches Geld und keine jüdischen Badegäste brauche. Dem jüdischen Badearzte, der dort schon sechs Jahre seine Praxis ausübt, ist es verboten worden hinzukommen. Kein jüdischer Hausierer oder Krämer darf hinkommen. Für Juden sind einige Baracken aufgestellt, wo ihnen für teures Geld Wohnungen vermietet werden, denn in Wohnhäusern darf kein Jude wohnen. Als vor 21 Jahren der Badeort entstand, verpachtete man das Wirtshaus einem Juden. Vor kurzem starb dieser und Hess Frau und Kinder zurück. Nun begann der Graf die Witwe und die Waisen zu verfolgen. Dieselben Hessen über sich alles ergehen, trotzdem sie kaum ihr armes Auskommen hatten, denn wohin soll sich eine arme Witwe wenden? Der Graf aber ruhte nicht, bis er im Jänner d. J, die arme jüdische Familie, nachdem sie sich 21 Jahre in seinem Wirfeshause geplagt hatte, durch seine Knechte hinauswerfen Hess. Nun aber gehört dem Grafen nur das Lokal, das Ausschankrecht hingegendemRymanöwerKultuspräsidenten. Die Witwe wandte sich an den letzteren, damit er ihr das Ausschankrecht verpachte, sie werde sich bei einem Bauern eine Stube mieten, wo sie die Getränke feilbieten werde. Aber unser Kultuspräsident hat es für vorteilhafter gefunden, das Ausschankrecht für den Badeort Rymanow einem Christen zu verpachten* D.M. Personalnachrichten. Mr. Claude G. Montefiore in London, Mitglied des Direktoriums der „J. C. A.Ä und Präsident der Anglo Jewish Association, hat sich mit Miss Florence Fitz Brevita Ward, früheren Vize-Direktorin des Julian-College in Cambridge, verlobt. Mr. Montefiore ist Witwer, Miss Ward eine Christin, die zum Judentum übergetreten ist. * Wien. Die akademische Verbindung „Libanonia" teilt ihren Freunden und Bekannten mit, dass ihr 1. i. a. B. techn. Heinrich W e i n w u r m die Ingenieursprüfung am 28. d. M. abgelegt hat und zum A. H. ernannt wurde. * Wien. („BarKo ch b aa, V er e inig'ung jü dis ch er Hochschüler aus Galizien.) In der am 28. Juni stattgefundenen Plenarversammlung wurden die Herren Ingenieur Josua Weingrün und Ingenieur Nathan Kuckuck zu A. H. der Vereinigung jüdischer Hochschüler aus Galizien „Bar Kochba" ernannt. Welt-SbroDlk- Antisemitische Propaganda mit jüdischem Gelde betreibt die „Ungarlän discheLan dwirtschaftliche Vereinigung" („Orszägos Magyar Gazdasägi Egyesület")- Diese Körperschaft, die ihrer Judenfeindschaft ein agrarisches Mäntelchen umhängt und an der Spitze der sogenannten „antiraerkantilistischen" Bewegung einherschreitet, welche durch Schaffang antisemitischer Konsumgenossenschaften tausende von jüdischen Existenzen auf dem flachen Lande zugrunde gerichtet hat, besteht zu einem Viertel aus jüdischen Mitgliedern. Nicht weniger als 800 Juden gehören, dem „Egyenlöseg" nach, dieser Vereinigung an, ohne dass deren offen betätigter Antisemitismus diese 800 Mitglieder zum Ausritte oder auch nur zur Beschwerdeführung veranlasst hätte. Die jährlichen Vereinsbeiträge der jüdischen Mitglieder belaufen sich auf 16.000 Kronen, die zu gutem Teile judenfeindlichen Zwecken dienen. Praktischer Sozialismus. In einer jüngst zu Berlin abgehaltenen Versammlung referierte der Sozialist Bernstein über die Lage in Armenien. Im Verlaufe des Vortrages teilte er mit, dass in armenischen Kreisen in Berlin und Paris Nachrichten verbreitet seien, welche von bevorstehenden Greueln in Müsch sprechen. Der französische Minister des Auswärtigen Delcasse hätte, als er hiervon vernahm, Vertrauensmänner nach Müsch gesendet, damit ihm über die dortigen Verhältnisse referiert werde. Wie wäre es, wenn Bernstein für die verfolgten Juden eintreten möchte? Oder fürchtet er sich etwa vor den arischen Parteigenossen? Die erste Uhrmachergehiifin in Oesterreich. Sonntag wurde Frl. Gisela Eibuschitz, ein Mündel des gleichnamigen Advokaten, als erste Uhrmachergehiifin in der Monarchie freigesprochen. Bemerkenswert ist, dass Frl. Eibuschitz eine Jüdin ist und dass ihr Vormund zahlreiche Schwierigkeiten überwinden musste, ehe er von der Wiener Genossenschaft ihre Freisprechung erzwang. Statistisches. Nach amtlichen Zählungen betrug die Einwohnerzahl des Gouvernements Wilna am 1. Februar 1901 1,706.357 Seelen, darunter 254.771 Juden, die des Gouvernements Czernigow 2.491.714 Seelen, darunter 119.383 Juden. Vom Ghetto in New-York entwirft ein Korrespondent des „Matin" eine sehr interessante Schilderung, der folgendes zu entnehmen ist: New-York hat mehr russische Juden als irgend eine Stadt in Kussland. Seit zwanzig Jahren strömen sie in das freie Land, in dem sie sich ausbilden können. Sie sprechen einen deutschen, mit slavischen Wörtern untermischten Dialekt, den sie mit hebräischen Schriftzeichen schreiben. Zwei Theater spielen täglich Dramen in ihrer Sprache, fünf Zeitungen erscheinen mit ihrem biblischen Alphabet gedruckt, und überall sieht man semitische Schilder. Die Ziegelhäuser mit ihren eisernen Treppen und Rettungsbalkons sehen wie rostige Käfige aus. Die Hochbahnen, die breiter als der Fahrdamm sind, machen daraus einen halbdunklen Tunnel, und wenn die Schnellzüge die Fassaden streifen, zittert das Gitterwerk. Hier ist die Stadt des Wiederverkaufens und Geschwätzes. Die glücklichsten Insassen sind Trödler. Die anderen, Männer oder Frauen, nähen auf Stück. Sie arbeiten im Zimmer bis in die Nacht hinein; sie schlafen zu-