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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Um das liebe Brot
Date
1902-06-27
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26 „Die # Weif* Seite 15 Frau und Kinder hungrig sind, sieht ruhig zu, wie sie sich still und traurig schlafen legen, und das Herz krampft sich ihm zusammen! .. . Höchstens sagt seine Frau zu ihm: „Verzweifle nicht, Wolf! Gott verlässt uns nicht, er schickt uns noch ein grosses Glück!" Ihre zitternde Stimnie wiederhallt von Mitgefühl und Liebe und ihre Güte verwundet sein Herz wie stechende Dornen: Viel lieber wäre es ihm, sie riefe ihm böse Worte zu, wie es viele andere Frauen tun, die solche untüchtige Männer haben ... Es wäre ihm leichter zumute, hätte ihn die verdiente Strafe getroffen; er litte nicht so viel wie jetzt. . . Dann überwältigt ihn der „böse Trieb" und flüstert ihm zu: Gott ist allmächtig, barmherzig! Kann er diesen unschuldigen Kleinen nicht einmal ein Stückchen Brot geben? Er fühlt, welche grosse Sünde er mit seinem Murren gegen Gott begeht; aber Unser frommer Reb Wolf vermag nichts gegen den „bösen Trieb" in solchen verzweiflungsvollen Stunden. * Unter allen seinen Kindern liebt Wolf Rachel am meisten wegen ihrer wunderbaren Aehnlichkeit mit seiner seligen Mutter. Wenn er seine Blicke auf ihrem heiteren, verständigen Gesichtchen ruhen lässt, steht seine verstorbene Mutter leibhaftig vor ihm, ihre sorgen durchfurchte Stirne, ihre Güte und Zärtlichkeit. Als sie noch lebte, machte sich Wolf keine Sorgen um den Unterhalt seiner Familie; den ganzen Tag sass er im „Beth Hamidrascha und forschte emsig im Talmud und wenn er am Abend nachhause zurückkehrte, erwartete ihn seine Freida und in der Wiege sein reizendes Kindchen Rachel ... Ach! Er erinnert sich an ihr kindliches Lachen, an alle die unverständlichen Laute, die sie gelallt, an ihre grossen, leuchtenden Augen ... Später starb seine Mutter, der Schwiegervater verarmte und Reb Wolf musste selbst, so schwer es ihm auch fiel, sein Brot verdienen. Es begann für ihn eine schwere Leidenszeit. Er hatte nichts gelernt. Den ganzen Tag rannte er nun umher wie ein Wahnsinniger und versuchte sich an allen möglichen Unternehmungen, wie ein Ertrinkender klammerte er sich an jeden Strohhalm. Er quälte sich ab, brach fast zusammen. So wurde Wolf Kaufmann. Und Rachel wuchs heran, nahm von Tag zu Tag an Schönheit zu. Ihre Augen wurden sprechender, seelenvoller; zwei lange goldblonde Zöpfe fielen ihr über die Schultern auf das ärmliche gestickte Kleidchen ... Als nun einmal der Sabbath nahte, der heitere Tag der Ruhe, an dem man alle Sorgen vergisst, sass die schöne Rachel in dem niedrigen Stübchen ihrer Eltern, schaute hinaus auf die von Menschen wimmelnde Strasse, sah alle ihre Freundinnen vorbeigehen, jede im Feiertagsstaate mit neuen blanken Schuhen, jede zufrieden und vergnügt — nur sie musste zuhause bleiben; sie schämte sich auszugehen in ihrem verschlissenen Kleide, sie schämte sich ihrer zerrissenen Schuhe . . . Reb Wolf blickte verstohlen zu ihr hin; er merkte, was in ihr vorging. Er trat auf seine Frau zu und zeigte auf Rachel. Sie raunte ihm etwas zu. Er schüttelte energisch den Kopf; sein durchsichtiges Gesicht wurde bleicher . . . Nein! Nimmermehr! rief er aus. Um alles in der Welt nicht! . . . Die Frau aber redet eifrig auf ihn ein: „Lass doch Rachel ins Cafe gehen, wenn man es ihr anbietet. Es ist doch dort nicht viel zu tun, sie hat nur die Gäste zu bedienen und kann so viel verdienen. Sie wird sieh ihre Aussteuer schaffen, heiraten können; was soll denn sonst aus ihr werden?a Nach einigen Wochen hatte Rachel eine Anstellung in einem Cafe* des jüdischen Stadtviertels gefunden. * Allabendlich versammeln sich im Cafe die jungen Handelsgehilfen, um eine fröhliche Unterhaltung zu pflegen, Karten zu spielen, Zeitungen zu lesen. Alle Tischchen sind besetzt. Rachel geht hin und her, bedient, trägt auf, muss Witze hören und darüber lachen, darf sich nicht wehren, wenn sie jemand an der Hand fasst, ja selbst ihr Haar streichelt ... Allmählich gewöhnt sich Rachel an dieses neue Leben. Das Geschwätz im Caf<§ beginnt ihr zu gefallen. Nicht ungern hört sie die vielen Schmeicheleien. Sie lacht gefallsüchtig, wenn man ihr einen Kosenamen zuruft. Sie geizt nicht mit verführerischen Blicken. Von Tag zu Tag bewegt sie sich freier . . . Jeden Abend besucht Reb Wolf das Cafe, setzt sich an ein Tischchen im Winkel, stützt seinen Kopf in die Hände und betrachtet mit angstvollen Blicken jede Bewegung seiner Tochter. Scham und Wut röten seine Stirne Behandelt man so seine Rachel, sein einziges Kind, sein Licht und Leben?! Ein Gast, dem sie Geld herausgibt, ergreife ihre Hand und hält sie lange, lange in der seinen . . . Ach! Eine Ewigkeit hält er sie fest. Dann wieder nähert sich ihr keck ein junger Mann halb ironisch wendet er sich an sie und sagt mit unverschämtem Lachen: „Rachel, willst Du meine Braut sein?u Sie sieht kokett zur Seite und alle brechen in schallendes Gelächter aus . . . Da — was ist das? Welches Gepolter! Die Gäste im Cafe sprangen erschrocken von ihren Plätzen auf, niemand weiss, was Wolf gesehen war, denn plötzlich kreischte er entsetzlich auf, stiesa ein Tischchen um und stürzte wie von Sinnen auf Rachel zu, fasste sie mit eisernem Griffe und tobte: „Nachhause! Nachhause, Rachel! Ich will nicht Ich will nicht . . .B Und wieder sitzt die schöne Rachel zuhause, der Sabbat kommt, alle Mädchen gehen spazieren, alle sind in Feiertagskleidern, nur sie sitzt zuhause. Jetzt lässt Freida Wolf nicht mehr in Ruhe. Sie tröstet ihn nicht mehr, wenn er mit leeren Händen nachhause kommt, jedesmal macht sie ihm mehr Vorwürfe. „Im Cafe" — klagt sie — „hätte Rachel nicht gehungert wie bei Dir, gewiss hätte sie schon ein schönes Sümmchen von Rubeln." Nach einigen Wochen kommt die Vermittlerin, sie spricht lange mit Freida . . . Rachel geht mit ihnen fort. Nach einer Stunde kehrt Freida zurück — allein, „Wolf! Hörst Du, Wolf! Rachel ist im Cafe geblieben." Wolf antwortete nicht . . . Er nimmt sich vor, nicht ins Cafe zu gehen; er will nichts sehen, aber eine unwidersteliche Macht raubt ihm den Frieden und wenn er hungrig und müde heimwärts geht, treibt es ihn nicht zum Essen, nicht zur Ruhe, nur dorthin! Dorthin zu seiner armen Rachel! Und wieder sitzt Wolf im Winkel des Cafes. Er sieht alles, aber er will es nicht sehen! Er verbirgt das Gesicht in den Händen, das Bild verschwindet nicht! Er hört die losen Reden der jungen Leute, hört, wie Rachel in das Lachen einstimmt . . . Jetzt kneift man sie in den Arm, dass sie einen Wehruf ausstösst. Alle lachen. Rachel vergisst ihren Schmerz und lacht mit . .

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