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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Die Samaritaner
Date
1902-06-27
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 gDie # Welt Nr. 26 verbot diese und verlangte Scheidung der bereits eingegangenen Ehen. Der Enkel des Hohenpriesters Eliasih, Manaseho. welcher die Tochter des samaritanischen. Führers Sanballat geheiratet hatte, wollte sieh nicht fügen und ging ganz zu den Saina ritanern über. Sein Schwiegervater erbaute ihm nun auf dein Har Garizim einen eigenen Tempel, in dem er opferte. Durch die Priester erhielten die SamaritaniT genaue Kunde vom jüdischen Gesetz, dass sie alier nur sklavisch nach dem Buchstaben befolgten. Die zwei Sealigerfschon Briefe, die Morimns veröffentlichte, enthalten im Saccus die Eeligionsverschiedenheiten zwischen den »Juden und Sainaritanern. Sehr strenge halten letztere die Sahbatruhe ein. so dass sie nicht nur kein Feuer anzünden, sondern am Samstag überhaupt nichts unternehmen, nicht einmal das Haus verlassen. Ihr wichtigstes .Fest ist rassah, das sie nur sielxm Tage feiern. Sie zählen fünfzig Tage vom Samstag, der im Fassah ist, bis zum ..Woehenfest", das bei ihnen immer am Sonntag beginnt und eine Woche dauert. Am Versöhnungstage fasten alle, ausser der! Säuglingen, während bei den Juden die Kinder unter T Jahren nicht fasten dürfen. Sie gehen nur einmal eine-Ehe ein. Die Tochter des Bruders zu heiraten, ist bei den Samaritanern gestattet. Sie glauben nur an. (lOtt, .Moses und den Berg Garizim, den sie vtura Ma bracht atk (Berg des Segens) nennen. Ihre Regierung ist eine Theokratie im vollen Sinne des Wortes, denn ihr Hob erpriest er, der von Pineehas abstammen soll, ist nicht nur Priester, sondern auch Richter und Staatsleiter. Trotz der Geringheit — bei den orientalischen Juden geht die Sage, in einer Stadt könnten nicht mehr als 10 sa maritanischer Familien wohnen — und strengen Abgeschlossenheit dieser Sekte vermochten sie sich doch nicht ganz den Einflüssen des Judentums zu verschliessen. So haben sie von uns die Lehre vom Tahih, d. h. „Zurückbrmger'\ wie sie den Messias nennen, nachgebildet, wenngleich sie sonst alle unsere Propheten für nicht kanonisch halten. Jn der Geschichte spielt dieses Völkehen eine ganz untergeordnete Polle. In historisch bedeutenden Momenten, wie zur Zeit der MaJvkabüer, beim Bar-Kochba-Aufstände usw. pflegten die Samaritanor anfangs mit den Juden Hand in Hand zu gehen, um sie dann bei der erstbesten. Gelegenheit zu verraten. Sie waren ganz „moderne Juden", d. h. »luden, so lange sie. meinten, dass es ihnen zum Vorteile gereichen könne. Alexander dem Grossen konnten es die Samariluner nicht verzeihen, dass er den Juden gewisse Privilegien erteilte und ihnen nicht. Jn ihrer Erbilterung gingen sie so weit, dass sie den von ihm in Sa marin, für Goelesv rien eingesetzten Statthalter Andromaebus töteten, was Alexander an ihnen bitter rächte. Von. den Römern wurden die Samaritaner gleich den Juden behandelt. Unter Flavius Vespasianus durften sie Sichern, das Ityrkan zerstört hatte, wieder aufbauen. Sie nannte]; es dem römischen Kaiser zu Ehren Flavia. Neapolis, ein Name, der sich im arabischen „Nablus" von heute erhalten hat. Procop erzählt, dass sie unter Kaiser Zeno viel zu leiden hatten, weil sie sich in ihren Religionsgelüsten wieder einmal einfallen Hessen, „Freiheit" zu spielen, und eine Anzahl Christen am Pfingstfeste grausam mordeten. Von den Mohammedanern und Kreuzfahrern wurden sie besser behandelt. Ihre Geschichte verlor sich dann in höchst unbedeutenden Einzelheiten, bis sie um 1(100 n. Chr. Josephns Scaliger zu neuem historischem Leben erweckte. In unseren Tagen beschäftigt man sich wieder mit der samaritanischen Frage, die für Linguisten und Gelehrte Interesse hat, und erst vor einiger Zeit wurden in London in der „Society of BibTical Areheology" interessante Mitteilungen.' über den Fulnd eines neuen samaritanischen Pentateuch -Manuskriptes gemachL Um das liebe Brot. Von S. Asch. Aus dem Hebräischen von Abraham Glücksmann. (Leipzig*). Herr aller Welten, schau herab auf das Elend Wolfs, des Sohnes der Sarah Deborah. Er ist doch Dein Geschöpf, Deiner Hände Werk, das Du Dir zum Ruhme und zur Freude erschaffen hast; Dein treuer Diener, der Deinen Namen lobt und in Deinen Wegen wandelt. Du grosser Schöpfer, Herr und König, weshalb hast Du es just auf Wolf, den Sohn der Sarah Deborah, abgesehen? Du unterwirfst ihn den schwersten Prüfungen, führst ihn in Versuchung, bürdest ihm die grössten Leiden auf, schickst ihm alle Not und Pein zu, die Dir in Deiner Hölle zu geböte stehen und all dies, um zum tausendstenmal zu erproben, ob er diese schmerzlichen Heimsuchungen ertragen oder Deinen heiligen Namen lästern wird. Siehe doch: noch hält Wolf fest an seinem Glauben und ist nicht wankend geworden! ... Er bietet seine Brust den Pfeilen Deines Grimmes dar und ruft: Richte auf mich, allmächtiger Vater, alle Deine Geschosse! Ich bin bereit sie in Demut zu empfangen, denn ich weiss, dass Du nur meine Standhaftigkeit auf die Probe stellen willst und nehme willig Deine Prüfungen als Zeichen Deiner Huld und Gnade hin. Es trifft sich aber, dass Reb Wolf, wenn er den ganzen Tag fruchtlos umhergestreift ist und sich am Abend mit leeren Händen auf den Heimweg zu seiner hungrigen •Familie macht, doch von seiner Zuversicht im Stiche gelassen wird, dann entringt sich seinem geängstigten Herzen eine sündige Bitte: Herr! Ich weiss, dass Du für den Gerechten nicht die Vergnügungen dieser Welt geschaffen und uns im Jenseits genug himmlische Freuden aufgespart hast, die uns für unser Erdenleid tausendfach entschädigen werden. Deshalb wird auch der gewaltigste Sturm mein Glaubensschiff nicht von der rechten Fährte lenken und in den Strudel des Zweifels und Unglaubens treiben. Aber eine kleine Bitte habe ich an Dich, o Herr, leicht erfüllbar für einen mächtigen König, gleich Dir: Nur ein trockenes Stückchen Brot spende mir doch für Frau und Kinderchen, nur ein wenig Kleidung gib, ihre Blosse zu bedecken . . . Für mich bitte ich nicht. . . Nur für sie! für sie . . . Und wenn Wolf ein paar Kopeken nachhause bringt, laufen ihm die Kinder mit Jubelrufen entgegen; sie lesen auf seinein strahlenden Gesichte; seine leuchtenden Augen sagen ihnen, dass er heute einen „glücklichen" Tag hatte. Und er legt das verdiente Geld mit einem gewissen Stolz auf den Tisch vor seine Frau hin und sagt: „Hier, Freida, nimm! Gott hat gegeben" ... Die Frau verlässt eilends das Haus, kauft Mehl und knetet einen Nudelteig an. Die Kinder tanzen um die Mutter und spielen vergnügt. Reb Wolf setzt sich an den Tisch, ruft seine Aelteste Rachel, und trunken im Angesichte seines Familienglückes, lässt er ihre goldblonden Haarflechten durch seine Finger gleiten . . . Aber recht häufig kommt es vor, dass Reb Wolf, wenn er am Abend nachhause kommt, gebeugten Hauptes, wie ein Verbrecher, durch die niedere Thür schleicht, sich in einen Winkel setzt und es nicht wagt, das Haar seiner Tochter zu streicheln, denn er weiss, dass er es nicht wert ist, dass er eher Strafe verdient, ja, er möchte, dass seine Frau und Kinder ihn bestraften. Und wenn ihm auch niemand zuruft: vGib uns Brot," und wenn sich auch niemand über sein Ungeschick beklagt, er weiss doch, dass *) Mit Genehmigung des Autors.

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