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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Hameliz [Rezension]
Date
1902-06-27
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26 Die Wer Seite 11 ist ja die jüdische Tradition noch lebendig; die hebräische Sprache ist dort noch landläufig, und der EinfLuss der Sprache auf die Volkspsyche bedarf keines Nachweises. Auch die ökonomischen und sozialen Verhältnisse der dortigen Juden hindern diese nicht, sich offen zum nationaljüdischen Gedanken zu bekennen. Anders steht's damit im westlichen Europa. Dort ist die jüdische Tradition verblasst; die Kenntnis der hebräischen Sprache, welche den Geist unseres Volkstums in sich fasst, schwindet dort immer mehr, und was die ökonomischen und sozialen Verhältnisse betrifft, so liegen sie für die dortigen Juden weit günstiger. Die Gleichberechtigung, die sie in grösserem oder geringerem Masse geniessen und für die sie so viel gekämpft haben, ist ihnen überaus wertvoll, so dass selbst diejenigen unter ihnen, die in gewissem Sinne dem hehren Gedanken einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk im Herzen zugetan sind, Angst haben, dies offen zu bekennen, weil sie besorgen," dieses Bekenntnis möchte ihrem Schosskind, der „Emanzipation4*, zum Schaden gereichen . . . Allein trotz der erwähnten eigenartigen Umstände nehmen wir von Zeit zu Zeit Anzeichen wahr, die uns beweisen, dass der Zionismus schliesslich auch die westlichen Juden gegen ihren Willen überfluten wird und diese Anzeichen sind uns tröstliche Zeugnisse für die Allgewalt unseres Gedankens. Ein solches beredtes Symptom ist auch die Eede, die der Grossrabbiner von Frankreich, ein Mitglied des Zentralkomitees der „Alliance" und der „Ica", neulich in öffentlicher Versammlung, bei der Eröffnung der jüdischen Volksuniversität in Paris, hielt und in der er sich vor der Grösse des zionistischen Gedankens verbeugte und seinen Vorkämpfern in warmen Worten Anerkennung zollte." * ~ In Hazefirah (Nr. 117) tritt N. Sokoiw für die Einberufung einer Landeskonferenz der russischen Zionisten ein. In scharfen Worten geisselt er den individualistischen Hang der jüdischen Massen im allgemeinen und mancher Zionisten insbesondere, den verhängnisvollen Mangel an Gemeinsinn und Disziplin. Dieser psychische Defekt, der geradezu zu einem spezifisch jüdischen Erbfehler ausgeartet sei, trage schuld daran, dass wir ebenso rasch, wie wir uns für eine Sache erhitzen, wieder „kühl bis ans Herz hinan" werden, wenn wir nicht gleich handgreifliche Erfolge sehen, die wir mit der Krämerelle abmessen können. Die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes könne nicht erfolgen, ehe wir dieses Erbübel des Golus abgestreift haben. Darum müssen die Zionisten als eine ihrer. Hauptaufgaben die strenge Handhabung einer straffen Disziplin, die möglichste Stärkung des Gemeingefühls und die energische Bekämpfung des krankhaften, für grosse Gesichtspunkte blinden Superindividualismus ansehen. In demselben Blatte finden wir überaus interessante Betrachtungen zum Wochenfeste. Der Artikelschreiber gelangt zu folgendem Schlüsse: „Es ist leicht für moderne Prediger, das Fest der Erstlinge zu irgend einer „Allegorie", selbst zur Nutzanwendung für die Japaner umzudeuten, aber der einfache Sinn dieses Festes stempelt es zu einem jüdischen Erinnerungstage, zu einem Erntefeste, angepasst der. alten jüdischen Heimat. Wenn die Nachfahren eines alten Volkes jahrtausendelang auf ihren Wanderzügen ein solches Fest, feiern, das keinerlei Beziehung zu ihrem gegenwärtigen Leben hat, sondern einen deutlichen Hinweis auf das Leben ihrer Väter in der Heimat enthält, so ist dies ein Zeichen, dass ihre Volksseele, der Gemeingeist, der in ihnen waltet, zuweilen — ohne dass sie sich selbst davon Rechenschaft zu geben vermöchten — nach dem ursprünglichen natürlichen Zustande zurückstrebt. Jawohl, wir sind bestrebt, das Fest der Erstlinge wieder zu feiern. Durch dieses Bestreben, das sich in uns entwickelt, bekommen unsere Feste erst einen Zwelk, hören sie auf, ein Anachronismus zu sein . . . und werden wieder, was sie einst waren: Erhalter der Erinnerung an die Vergangenheit, Verkörperer eines würdigeren nationalen Daseins, die in uns die Pflicht und den Willen erwecken, zu einem solchen würdigen Volksleben zurückzukehren, zurückzukehren zum Felde, zum Lande, auch zum Sinai! Dort ist das Urbild des jüdischen Volkes und der jüdischen Lehre. Durch die Sehnsucht nach diesem Urbilde werden wir neugeboren werden. Das ist der Lebensgeist, der in allen den Bräuchen, Symbolen und Vorschriften unseres Festrituals schlummert. |\us de* J|c^egai)§. Gedenket des Schekels! Lodzer Rayonskonferenz. Am3. und 4. d. M. fand in Lodz eine zionistische Konferenz statt, zu welcher Delegierte aus den dem Lodzer Rayon angehörenden Ortschaften, wie Pabj anice, Z g i e s z, K o 1 o, Sosnowice, Petrikau, Radom, Kaiisch etc., sowie Abgeordnete aus den lokalen zionistischen Vereinen sich zahlreich einstellten. Nach der glänzenden, zu einem ernsten, leidenschaftslosen Meinungsaustausch anspornenden Eröffnungsrede des Aktions-Komitee-Mitgliedes Dr. J e 1s k i ergriff der ersteReferent das Wort, um einen eingehendenBericht über die gesamte zionistische Tätigkeit des Rayons zu erstatten. Redner entwarf ein detailliertes und erschöpfendes Bild der Gesarnttätigkeit. In Lodz existieren 21 zionistische Vereine, deren Wirken an Extensität unausgesetzt zunimmt. Die Vereine „Agudas Zion" und „B n e i J ac o b" leisteten in praktischer Richtung Hervorragendes; ersterer hat ausserdem eine glänzende Agitation für unsere Sache entwickelt und durch die Arrangierung von imposanten Diskussionsabenden eine Gährung und Umwälzung in den Geistern der gegen unsere Idee sich passiv und oppositionell verhaltenden Intelligenz herbeigeführt. Von den anderen Städten hat sich in erster Reihe Kolo durch eine verständnisvolle, zweck-und planmässige Arbeit hervorgethan; auch in Zawiecie, Sosnowice, Radom. Kaiisch, Noworadomsk, Bendzin etc. schlägt der Zionismus immer festere Wurzeln. Nur in K i e 1 c e hat unsere Idee noch nicht ihren Siegeseinzug gehalten; Kielce will das Mekka des Fanatismus und der Borniertheit sein. Die Schattenseiten des Bildes suchte Redner durch die feste Zuversicht zu verwischen, dass uns neue mächtige Vorkämpfer des Zionismus in der studierenden Jugend erstehen, die in alle Schichten des jüdischen Volkes den Gedanken der Rückkehr zum Judentum und der gemeinsamen Arbeit an dem Ausbau seiner Zukunft begeisterungsvoll tragen wird. Die einzelnen Delegierten vervollständigten diesen Bericht durch verschiedene nähere Erörterungen uncl Details lokaler Natur, sowie durch den an den Lodzer Rayon gerichteten Wunsch, des öfteren Zions-Redner nach den verschiedenen Städten abzuordnen. Daraufhin gelangte die Bankfrage zur Besprechung, der ein einschlägiger, von Herrn Epstein erstatteterBericht präludierte. In Lodz wurden für über 100.000 Rubel Aktien verkauft; ausserdem sind viele Aktien noch nicht voll bezahlt worden. Zar Eintreibung der rückständigen Raten hat die hiesige Kommission zur Förderung der Interessen der Jüdischen Kolonialbank speciell einen Inkassanten engagiert, was einen rascheren Einlauf der Gelder zur Folge hatte. Redner zieht daraus den Schluss, dass die Zionisten sich nach wie vor die Aufnahme von Subskriptionen auf Aktien angelegen sein lassen müssen; allein die Einziehung der Gelder, die in der Regel Umständlickheiten erheischt, sollte im Interesse der Sache bezahlten Inkassanten übertragen werden; Redner befürwortet die Gründung eines Inkasso-Bureaus. Sie wird mit der Ergänzung angenommen, dass auch den Zionisten die Pflicht obliegt, sich für die Eintreibung der Gelder von den säumigen Zahlern persönlich zu verwenden. In den dem Lodzer Rayon zugehörigen Städten wurde für zirka 50.000 Rubel Aktien verkauft. Der tiefe Ernst und das eindringende Interesse, die bei Besprechung der Bankfrage seitens der Delegierten an den Tag gelegt wurden, Hessen deren aufrichtig empfundenes Bedauern durchschimmern, für die Kolonialbank nicht in genügendem Masse Energie eingesetzt zu haben, und den innigen Wunsch, das Versäumte durch gesteigerte Arbeit nachzuholen. Es wurde der Beschluss gefasst, dass der obligatorische Ein- und Verkauf der Aktien seitens der zionistischen Vereine einen integrierenden Teil deren Aufgaben bildet. Ferner empfahl die Konferenz auf Anregung des Herrn Dr. S.-Lodz sämmtlichen Vereinen, von deren Mitgliedern ausser den monatlichen Beiträgen einen speziellen, für den Einkauf von Aktien für jedes Mitglied bestimmten Aufschlag einzuziehen. Auch der Schekelfrage wurde seitens der Konferenz ein weitgehendes Interesse zugewendet. Es wurden auf Anregung des Herrn Rak Resolutionen gefasst, die darauf abzielen, ein einheitliches, jegliche Komplikationen und Missstände ausschliessendes System der Schekelsamrnlung einzubürgern. Schekelbücher sollen nur organisierten Zionisten

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