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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Nationalisierung der jüdischen Schulen in Russland
Date
1902-06-27
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 26 viel tausende von Briefen kommerziellen Inhalts inhebräischer Sprache täglich in Odessa allein eintreffen. Und findet sich irgendwo eine Zeitung in lateinischer Sprache? Der Vergleich der hebräischen Sprache mit den klassischen besteht also vor keiner Kritik. Auch die Behauptung, dass die Schule nur als Werkzeug des Kampfes ums Dasein dienen müsse, ist nicht stichhältig. Die in solcher Tradition erzogenen Kinder wissen nicht, was sie mit dem Judentum verbindet und warum sie leiden müssen. Die jetzigen Schulen geben den Kindern gar keine Stütze im bevorstehenden Kampfe ums Dasein. Was wir aber verlangen, ist eben die Lebensfrage dieses Kampfes. Wir richten deshalb an die Versammlung den Appell: Die Frage berührt die tiefsten, teuersten und vitalsten Interessen unseres ganzen Volkes. Das nationale Gefühl, in seiner mächtigen Bewegung um sich greifend, stürzt sich zu allererst auf das Unterpfand seiner künftigen Entwicklung und Kräftigung — auf die Erziehung. Ihr werdet Euch der absterbenden Richtung nicht anschliessen, sondern der einen Strömung entgegengehen, welche dem jüdischen Volke eine lichtvolle Zukunft verheisst." Die mit grossem Beifall aufgenommene Rede A c h a d- Haams hatte die Gegner der Nationalisierung der jüdischen Schule in die Enge getrieben; völlig zerknirscht standen sie aber da, als ihr ehemaliger Gesinnungsgenosse, der bekannte Historiker S.D ubnow, A chad-Haam unterstüzte und in seinen Ausführungen ebenfalls für die Nationalisieruug der jüdisehen Schule energisch eintrat. „Nicht aus Parteirücksichten", rief D u b n o w den Assimilanten zu, „sondern gemäss unserer ganzen Weltanschauung, welche sich in drei Jahren folgerichtig entwickelt hat, verlangen wir die Nationalisierung der Schule." Die Abstimmung über diese wichtige Frage musste jedoch vertagt werden, weil die Opposition nach berühmtem Muster einen Skandal provozierte, um den Schluss der Sitzung zu erzwingen. Aber wie immer die Entscheidung ausfallen möge, eines unterliegt keinem Zweifel mehr: Die nationale Bewegung unter den Juden Russlands greift immer mehr um sich, die Führer dieser Bewegung stehen unentwegt auf -der Wacht der kostbarsten Güter des jüdischen Volkes. Unter dem Drucke dieser Tatsache hat das Petersburger Komitee der Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Russland sein Schulprogramm bereits in nationalem Sinne geändert und dem Ministerium des Innern sogar ein Gesuch um Erlaubnis, zwei jüdische Lehrerbildungs-Institute in Russland eröffnen zu dürfen, unterbreitet. Früher oder später wird somit das Schulprogramm der jüdischen Nationalisten in Russland durchgeführt werden. Und es unterliegt keinem Zweifel, dass dieses Programm den Hauptfaktor in der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes abgeben wird. Der deutsche Schulmeister hat im deutsch-französischen Kriege von 1870/71 gesiegt; der jüdische Schulmeister wird im Frieden siegen. Gt. Beiträge zur Kenntnis Palästinas. Mittheilungen des „Agronomisch-culturtechnischen Bureaus für Palästina". Von A. Aaronsohn und Dr. S. Soskin. (Fortsetzung.) Von hier nach Nabulus wird die Bevölkerung dichter, die Cultur intensiver. Alle Hügel sind mit Oelbäumen bepflanzt. Der grösste Theil derselben ist schon alt, sie sind von schönem Wüchse, 15—20 Meter nach allen Richtungen voneinander entfernt, mit schön abgerundeten Kronen, die trotz der grossen Abstände sich gegenseitig berühren. Zwischen den Bäumen wird eine Zwischen cultur von Gemüse getrieben, obgleich der Boden kreidiger Natur, also mager ist und die Düngung noch nicht zu den Gewohnheiten der einheimischen Landwirte gebort. Die ausgebreitetste Cultur ist die von Zwiebeln; man sieht sie überall unter allen Oelbäumen in breiten und tiefen Furchen, die auf eine sehr rationelle Weise bewässert werden. Wir können den Einwohnern von Barka, Sebastieh etc. eine gewisse Geschicklichkeit nicht absprechen, bei einer logischen Einrichtung der Rieselungscanäle Wasser zu leiten. Bei En-Nakurah („Die Felsenhöhle") bemerken wir unter anderen Culturen auch einige Beete mit Curcuma, welches von den Arabern wegen seiner mannigfachen Benützung in ihrer Küche und auch in ihrer Medicin sehr geschätzt wird. Indes wird diese Pflanze, soweit uns bekannt ist, nicht im Grossen zu Handelszwecken angebaut. Die Nacht beginnt ihren Einzug, bevor wir noch Nabulus sehen können. Die Culturen in der Umgebung gewähren noch denselben Anblick: viele grosse Oelbäume, weit voneinander entfernt, gut und rein aufgeackert und von Unkraut gesäubert (falls keine Zwischencultur von Feldgewächsen getrieben wird, wie es auf den Höhen der Fall ist) und Flächen, die mit Gemüse bestellt sind, namentlich mit Zwiebeln, wenn sie nach dem Thal gerichtet sind, wo es Quellen gibt. Noch volle anderthalb Stunden reiten wir in der Nacht zwischen diesen Culturen, und können mit der Zeit immer weniger die Natur der Bäume und Gemüsepflanzen, noch weniger die des Bodens unterscheiden. Wir haben aber das Gefühl, uns in einer bevölkerten, gut cultivierteh Gegend zu befinden. Von Zeit zu Zeit erschallt das sanfte Plätschern einer kleinen Quelle, ein matter Feuerschein von einer Cigarette oder einem Narghile (Wasserpfeife) schimmert aus der Hütte eines Wächters hervor, aber keine Bewegung von Menschen ist wahrnehmbar. Beim Sonnenuntergang zieht sich der Araber in seine Hütte oder in sein Zelt zurück, und es müssen schon gewichtige Giünde mitspielen, wenn er nachts seine Behausung verlasst. Mag nun der Araber auf Raub ausgehen oder zu anderen Zwecken die Nacht ausserhalb seiner Behausung zubringen, so wird er es zu vermeiden suchen, allein zu sein. Der Ghul (Dämon) oder der Ibliss (Teufel) könnten ihm einen bösen Streich spielen, und um sich davor zu bewahren, bildet der Araber in solchen Fällen Gruppen. Zu dieser Gespensterfurcht gesellt sich noch für die Nabuluser Gegend die Angst, die sich diese Bevölkerung gegenseitig einflösst, da sie durch ihren Muthwillen und ihre Streitsucht bekannt ist. Bald gelangen wir an die grosse und breite Chaussee von Jaffa, die Lichter von Rafidieh haben uns beinahe irregeführt, wir schlugen schon die Richtung nach diesem Dorfe ein, als wir das Geräusch von schnellen Pferdetritten vernahmen und uns in Hut nahmen. Wer kann denn hier in der Nacht umherschweifen — es wären denn jüdische Reiter — wenn es nicht Menschen sind, die schlechte Absichten haben? Schliesslich fanden wir uns einem jungen Manne gegenüber, der als Effendi gekleidet, auf dem Kopf den weissen Turban des „Scheich" (dieses Wort bedeutet nicht allein Führer, sondern hat auch den Sinn von „alt", „Aeltester" und wird zuweilen denjenigen verliehen, die bis zu einem gewissen Grade theologische Studien getrieben haben), auf einer schönen Stute zu reiten kam. Er macht einen vertrauenerweckenden Eindruck. Er begibt sich ebenfalls nach Nabulus, wo er seinen Wohnsitz hat, und beschleunigt den Schritt seines Pferdes, denn des Nachts, so meint er, sei es vorzuziehen, sich.unter einem Dache zu befinden. Unterwegs macht er gewisse Eigenschaften geltend, denen zufolge wir geneigt sind, in ihm eine Art von Banditen zu erkennen, aber einen Banditen höherer Art. Es ist nämlich ein „Multezem", ein Pächter des Oschew, des Zehnten. Es ist ein Unternehmen, welches fast unfehlbar

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