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Die Welt · 1902-06-27 · 26 (27.6.1902) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
26 (27.6.1902)
Article
Die Frage der Judenwanderung
Date
1902-06-27
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 26 „Die # Welt" Seite 3 Ein Hauptgrund für den Ausschluss farbiger, d. h. billiger Arbeitskräfte ist jedoch sicherlich in dem Bestreben der Arbeiterpartei zu suchen, die Löhne auf ihrer jetzigen, in vielen Fällen exorbitanten Höhe zu halten. Die Zukunft des Commonwealth ist ohne Frage vielversprechend und hoffnungsvoll. Viel hängt natürlich von den ersten Staatslenkern ab und ihren erfolgreichen Bemühungen, sieh im Interesse der Nation im ganzen über provinzielle Sonderbestrebungen und Vorurteile zu erheben. Im. Interesse einer raschen, gesunden volkswirtschaftlichen Entwicklung sollte vor allem die Idee fallen gelassen werden, dass die Einwanderung von Europa im Interesse des Landes zu erschweren sei, eine Idee, die besonders von der Arbeiterpartei, offenbar aus Furcht vor Konkurrenz und einer möglichen Erniedrigung der Löhne, vertreten wird. Für einen unentwickelten Kontinent, der 40 Millionen Menschen ernähren könnte und nur eine Bevölkerung von 4 Millionen besitzt, würde die beste und weiseste Politik die sein, dem Beispiele Kanadas folgend, die Einwanderung in jeder Weise zu ermutigen: nur durch ein solches Vorgehen kann Australien hoffen, seine hohe Aufgabe als die herrsehende Macht der Südsee in würdiger Weise zu erfüllen. Nationalisierung der jüdischen Schulen in Russland. Dieser Tage fand in Odessa die General-Versammlung der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden* unter grossartiger Beteiligung der Judenschaft statt — es waren mehr als 1000 Personen anwesend. Ein von einer sehr grossen Zahl von Mitgliedern eingebrachter Antrag stand auf der Tagesordnung: Ob in den von der Gesellschaft subsidierten Schulen die nationale Erziehung der jüdischen Jugend durch verstärktes Studium der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte anzustreben sei? v Aber weder der Ausgang der Debatte noch die jesuitischen Kniffe der Gegner dieser Vorlage boten so viel Interesse, wie die Tatsache an und für sich, dass die Frage von der Nationalisierung der jüdischen Schule in einer Korporation aufgerollt weiden konnte, welche noch vor kurzem der Tummelplatz der Assimilanten vom reinsten Wasser war. Zur Charakteristik der Strömungen im modernen Judentum in Russland bot somit die Odessaer Debatte das kostbarste Materiah In erster Linie lieferte die Debatte den untrüglichen Beweis für die mächtige Erstarkung des jüdischen Nationalbewusstseins in Russland, welche, wie ein hervorragender Redner bemerkte, in den letzten drei Jahren, somit in der Zeit der Erstarkung der zionistischen Idee im Zarenreiche, sich vollzogen hat Andererseits aber hat die Debatte auch gezeigt, dass den jüdischen Assimilanten in Russland der Boden unter den Füssen immer mehr und mehr entschwindet. Die von zionistischer Seite eingebrachten Anträge fanden einen grossen Gegner in dem Advokaten Margulies, welcher in langer und heftiger Rede den Standpunkt verteidigte, dass die Schule vor allem der Jugend eine allgemein menschliche Bildung geben müsse. Eine nationale Schule sei ein zu enger Begriff. Der Redner war in seiner Entgegnung zu beweisen bestrebt, dass die bereits längst toten Sprachen — damit meinte er das Hebräische —• zu neuem Leben nicht mehr erweckt werden können. Nach Herrn Margulies ergriff Achad-Haam (U. Ginzberg) das Wort. Massvoll und nur von tiefer Liebe zu der von ihm vertretenen Sache geleitet, beleuchtete Achad-Haam die hohe Bedeutung der Nationalisierung der jüdischen Schule für die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes und entfesselte durch seine Ausführungen den Beifall der Zuhörer. Achad-Haam sagte unter anderem: «Die Frage, über welche wir heute beraten, ist so ernst, dass ich die Ausfälle der Gegner ohne Antwort lassen werde. Wenn unsere Gegner aufrichtig sind, so mögen sie den Mut haben, öffentlich, in Gegenwart aller Vertreter der jüdischen Presse, ihr Glaubensbekenntnis abzulegen. Ich ersuche deshalb alle Kollegen, welche nach mir das Wort ergreifen werden, nur zur Sache sprechen zu wollen. Die heutige Sitzung ist der Beratung über eine Denkschrift gewidmet, welche das System der jüdischen Erziehung zum Gegenstande ihrer Betrachtungen hat. Die Denkschrift sucht die Möglichkeit und Realisierbarkeit unseres Ideals nachzuweisen. Die von uns verlangte nationale Erziehung besteht darin, dass das Kind alles Wissenswerte in nationaler Form empfangen soll. In Sprache und Literatur drücke sich zu allererst die Idee der Nationalität aus. Die moderne Wissenschaft erblickt in der Sprache nicht nur ein Werkzeug, sondern auch das Wesentliche. Einige Gelehrte behaupten sogar, dass nicht das Volk, sondern die Sprache den Gedanken schuf. Die nationale Literatur eines jeden Volkes — das ist eben das Beste, was das betreffende Volk in nationalen Ideen zum Ausdrucke bringt. In der russischen Schule werden die allgemein menschlichen Ideale nach Puschkin und Lermontow gelehrt, während Goethe und Shakespeare in allgemein menschlicher Bedeutung höher als sie stehen. Niemandem wird es jedoch einfallen, zu verlangen, dass in der russischen Schule die Kinder nach den Werken dieser grossen Schriftsteller unterrichtet werden sollen. Unsere Gegner behaupten, wir hätten uns in Widersprüche verwickelt. Wenn sie uns bei Widersprüchen wirklich ertappt haben, warum bezeichnen sie diese nicht? Mögen sie nur öffentlich unsere Widersprüche nennen, wir werden dann sehen, wer von uns sich in Widersprüche verwickelt hat. Im Judentum herrscht eine bedauernswerte Strömung, nach der die Erhaltung der jüdischen Nationalität unerwünscht sei. Die Anhänger dieser Strömung sind wenigstens aufrichtig . . . Aber die Mitglieder des Odessaer Komitees billigen diese Strömung nicht. Sie wollen die jüdische Nationalität erhalten. Wenn sie aber diesen Wunsch hegen, so ist eine nationale Erziehung das unumgänglichste Mittel zur Verwirklichung dieses Wunsches. In der modernen jüdischen Schule stösst der Knabe auf Ideen, welche dem nationalen Geiste widersprechen. Alle Bedingungen unseres traurigen Lebens paralysieren die Möglichkeit einer wirklich nationalen geistigen Entwicklung unserer Kinder. Nur die Schule bietet einen schmalen Ausweg aus dieser Lage. Das Hauptmittel der nationalen Erziehung aber kana nur die hebräische Sprache sein, welche vom Anbeginn mit allen Idealen des jüdischen Volkes eng verknüpft war. Man hält uns die Tatsache vor, dass der Talmud nicht in rein hebräischer Sprache geschrieben wurde. Aber das geschah deshalb, weil die jüdische Sprache dazumal die abstrakten Begriffe nicht ausdrücken konnte. Und dennoch wurden die in arabischer Sprache verfassten Bücher ins Hebräische übersetzt und unter dem Volke verbreitet. Maimonides sehrieb in beiden Sprachen, Arabisch und Hebräisch. Und obwohl einige Uebersetzu^gen äusserst schlecht waren, so zog das Volk sie den arabischen Originalen dennoch vor, weil ihm seine Muttersprache am teuersten war. Das Wesentlichste aber ist, dass die jüdischen Kinder die allgemein menschlichen Ideale aus den Quellen der jüdischen Literatur schöpfen sollen. Wir verlangen nur, dass unsere Kinder alles Beste aus eigenen literarischen Denkmälern, hauptsächlich aus der Bibel, nicht aber aus fremden literarischen Denkmälern schöpfen sollen. Die jüdischen Gegenstände dürfen nichtals veraltet, nebensächlich und unnötig, sondern als Hauptsache betrachtet werden. Wer die hebräische Sprache studiert, atmet auch den Geist derselben ein. Die lateinische Sprache ist tot, die hebräische lebt. Man versuche, in den Postanstalten zu erfahren, wie

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