Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Article
- Der alte Jude
- Date
- 1902-06-20
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315985-3322244--33079-3322336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr.. 25 „Die # Welt" Seite 15 Boden besitzt er . .. Er Jiat Wälder ausgerodet, Gärten vernichtet, hat wie ein Tartarenehan gehaust, von den Bauern den dreifachen Pachtschilling erpresst, hat alle an den Bettelstab gebracht, hat sie alle geknechtet.. . Ein jeder verflucht ihn . .. Und wer verflucht ihn, den alten Juden? Weshalb sollte man ihm, dem alten Juden, fluchen? Etwa deshalb, weil er einer Gutsbesitzerin eine goldene Brosche abgekauft hat, die sie, als Sjemien Illarionowitsch ihren ganzen beweglichen und unbeweglichen Besitz in Beschlag nahm, aus dem Schiffbruch gerettet hatte? Und wenn es ihm vor der Feilbietung gelang, einen freien Käufer zu finden, dann fluchte Sjemien Illariono witsch und war bereit, den alten Juden auf Stücke zu zerreissen. ,,Diese Juden richten uns zugrunde!" pflegte er dann auszurufen. Im ganzen Gouvernement gibt es aber kaum zehn Juden, und man kann die Reichthümer von allen um einen Häring kaufen . . . und doch ist das ganze Gouvernement vernichtet . . . Wendest Du aber etwas dagegen ein, so will man die Wahrheit nicht hören . . . „Du willst kritisieren? Na, warte nur, Du verdammter Jude, mit Dir werden wir noch fertig werden . . ." Dann wuchsen die Kinder auf, haben viel gelernt, haben begonnen, für Zeitungen zu schreiben : da wurden die anderen noch erboster, alles fiel auf seinen alten Kopf ... Da gab er denn alle Geschäfte auf, hat ein Grundstück gekauft, wollte wirtschaften, wie sein Grossvater es einst gethan, als er in Wölhynien Güter gepachtet hatte ... Damals war's noch ein Leben! Man brauchte kaum die Erde durchzupflügen und das Getreide wuchs prächtig und üppig auf ... Ein Arbeiter bekam zwanzig Kopeken . . . Da konnte man wirtschaften ♦ . . Die Zeiten haben sich geändert, alles ist theurer geworden und die bebaute Erde will nichts mehr hervorbringen ... Andere Leute leben jetzt, andere Gesetze, die er gar nicht kennt . . . Früher kam man zu ihm um Geld, jetzt sucht er selbst nach Geld — er findet keines. Das ganze Geld ist verloren, verschwunden und nirgends mehr zu sehen . . . „Ach — ach — ach! . . ." So dreht sich alles auf der Welt Nach fünfundzwanzig Jahren im Exil lässt ihn eines Tages der Präsident des Cameralhofes zu sich rufen. „Es ist Ihnen Gnade zutheil geworden . . . Ein Manifest . . . Amnestie .... Sie sind kein Deportierter mehr. Sie haben alle Rechte wieder erlangt, darum müssen Sie jetzt zur Grenze Ihrer Ansässigkeit zurückkehren." Er lacht dazu ... „Ich habe aber ein Grundstück erworben ... Das ganze Geld liegt aber im Boden, in der Wirtschaft. Wer wird das Grundstück zum richtigen Preise kaufen, da er weiss, dass es zur Licitation kommen muss?;c Was fragt die Polizei darnach? Er wollte sich als Kaufmann .erster Gilde einschreiben, um das Wohnrecht zu erlangen; auch das gieng fehl, denn er hatte einmal vor Gericht gestanden. Da gieng er zu Sjemien Illarionowitsch. „Sjemien Illarionowitsch/ flehte er, „der Pristaw (Stadttheilaufseher) wohnt in Ihrem Hause; sagen Sie ihm, er möge mir erlauben, noch einige Zeit hier zu bleiben, bis ich meine Geschäfte hier geordnet haben werde. Er wird Ihnen gerne gefällig sein . . ." „Ich kann hier nichts thun," antwortete Sjemien Illariono wisch, „und könnte ich es auch, ich thäte es nicht. Wie schreibt doch Dein Salotno? Schlage den Feind. Du aber warst nicht mein Freund und wirst es nicht sein," Der alte Jude gieng traurig fort. Verstohlen wie ein Dieb kehrt der alte Jude zu seinem Besitz zurück. Unerwartet will er hereinfallen, will sich vor allem überzeugen, will selbst das Getreide einheimsen und selbst alles verkaufen ... Wie soll er aber alles einheimsen und verkaufen, wenn alles verfaulen wird? Am Ende hat der Verwalter gar schon geerntet, um seine Taschen rascher füllen zu können? Vielleicht hat er schon alles verkauft oder verkauft es jetzt, diesen Abend noch, im selben Augenblicke, da er sein Haus betreten wird? ... „Ach . .. Fahr* schneller, Du fährst ja wie ein Todter . .. Und Deine Pferde sind so mager und Dein Wägelchen rüttelt so . . ." Der Wagen rüttelt, und seine Leber schmerzt ihn, er spürt schon wieder die Steine kommen; der Arzt hat ihm das Fahren verboten, hat ihm Ruhe verordnet. Aber nun — in seinem vierundsiebzigsten Jahre — ist er zum zweitenmale deportiert worden und kann keine Ruhe finden!. . . Der alte Jude betritt spät abends ganz krank sein Gutshaus. Er schimpft nicht auf den Verwalter, er lässt ihn nicht einmal holen. Er stöhnt vor Schmerz in dem kalten, düsteren Hause. Sein Stöhnen verklingt in den hohen Räumen, die brennende Kerze unterbricht kaum die Dunkelheit des grossen, leeren Zimmers. Endlich schläft der alte, gebrechliche Jude ächzend und stöhnend ein. Er träumt einen bösen Traum: jemand bricht die Thür ein, will ihn bestehlen. Vor Schrecken erwacht der alte Jude und kann nicht mehr einschlafen; erhorcht: man klopft wirklich an seiner Thüre. „Wer ist dort?" „Machen Sie auf: die Polizei ist da!" „Was soll das heissen? Weshalb die Polizei?" Die Thüre ist geöffnet. Leute, Polizeimänner stehen vor derselben. „Zeigen Sie Ihre Erlaubnis zum Herkommen." „Was soll das heissen? Was für Erlaubnis? Ich bin hier der Herr und habe das Recht ..." „Kleiden Sie sich an." ,Warum ankleiden? Weshalb ankleiden?" „Um fortzufahren. Der Wagen wartet schon." „Wa—as?! Marsch hinaus! Ich werde nicht wegfahren! ..." „Dann werden Sie abgeschoben werden, die Leute sind schon dazu da . . « „Was für Leute? Ich bin ein kranker Mann . . Wie dürfen Sie es wagen?! . . . Ich werde beim Gouverneur Klage führen, ich w^rde dem Minister telegraphieren! . . Was glauben Sie denn? . . ." „Dann wird man Sie mit Gewalt ankleiden, desto ärger für Sie . . „Was soll das heissen?! Da hast Du, nimm . . Und der alte Jude kriecht barfuss wankenden Schrittes zum Bette, zieht unter dem Polster einen schmutzigen Geldbeutel hervor, entnimmt demselben einen Rubel und reicht ihn dem Polizeimanne. „Ihr seid Zeugen, er will mich bestechen,* wendet sich dieser zu den Bauern. „Was soll es heissen?" wiederholt mit tonloser Stimme der alte Jude, verworren um sich blickend: „Ich bin krank, bin alt . ♦ . Herrgott, wofür dieses alles?" Er fällt auf einen Stuhl, die Bauern und die Polizeimänner senken schweigend den Kopf: „Was können wir machen? Das Gesetz . . In der Thüre zeigte sich, jetzt der rothhaarige Verwalter.