Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Article
- Der deutsche Rabbiner-Verband und der Zionismus
- Date
- 1902-06-20
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Weit" Nr. 25 war, und dass er sich über den Zionismus eines besseren besonnen habe. Aber eines müssen wir feststellen und betonen: Wenn in diesem Comniunique davon die Eede ist, dass der Zionismus „seit der bekannten Protestkundgebung mehrfache wesentliche Aenderungen erlitten habe", so müssen wir diese goldene Brücke für die Protestler leider zerstören. Der Zionismus hat sich seit Festsetzung des Baseler Programmes absolut nicht geändert, in keinem Einzelpunkte und nicht in seiner Gesammtrichtimg. Wenn einstige Gegner und Bekämpf er des Zionismus durch dessen Wirken belehrt worden sind, dass dieses Wirken ein segensreiches und nicht tadelnswertes ist, wenn sie einsehen, dass ihr TJrtheil über den Zionismus vorschnell und ungerecht war, und nun sich um unsere Fahne, die Fahne des lebendigen Judentliums scharen wollen, so können wir sie versichern, dass wir sie mit offenen iVrmen empfangen werden und kein Bodensatz in uns zurückbleiben wird über die Prügel, die sie uns in unserer schwersten Zeit, der Zeit des Beginnes, zwischen die Füsse warfen. Denn das g a n z e Judenthum soll es &ein! Allein diese Bekehrung muss eine ehrliche und offene, ohne jeden Vorbehalt und ohne jede — Bemäntelung, sein. Und das ganze Judentlium w i r d es sein mit, aber auch — ohne die Protestrabbiner, * ^i*ibüi)e. Danksagung. Aus Anlass des grossen Verlustes, den ich durch den Tod meines Vaters, Herrn Jacob H e r z l, erlitten habe, sind mir aus den Kreisen unserer Gesinnungsgenossen von nah und fern so viele Theilnahmskundgebungen zugekommen, dass ich den Einzelnen nicht mehr danken kann. Ich bitte daher all die lieben Freunde, meinen innigsten Dank in dieser Form entgegenzunehmen. Wien, 18. Juni 1902. Dr. Theodor Herz 1. HHHHMHHHHHHHHHHHHHHHHH^ * An die jüdischen Abiturienten Böhmens! Nur ungern folgen wir dem allgemeinen Brauche und richten an Euch, solange Ihr noch in der Mittelschule seid, einige beherzigenswerte Worte. Hier in Prag an den deutschen und böhmischen Hochschulen, wie an allen Hochschulen Oesterreichs und Deutschlands besteht eine scharfe Scheidung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Studenten. Trotzdem die ersteren überall bestrebt waren, im Deutschthum, resp. Slaventhum ganz aufzugehen, dem nationalen Chauvinismus huldigten und von ihrem eigenen Volke, den Juden, nichts wissen wollten, wurden sie doch mit Hohn und Spott von den Nichtjuden abgewiesen und aus den Vereinen, deren Begründer sie ort waren, ausgeschlossen. Die Juden sind keine Deutschen, keine Slaven, sie sind ein Volk für sich. Darin waren alle einig, bis auf die Juden, die weiter fortfuhren, den fremden Nationen Lakaiendienste zu leisten, um für ihre lächerliche und schmähliche Zudringlichkeit die gebürende Verachtung einzuheimsen. Statt offen und ehrlich für ihr verschmähtes und zurückgesetztes Volk zu kämpfen, steckten sie gleich dem Vogel Strauss den Kopf in den Sand, sobald man ihnen „Jade" zurief und glaubten, indem sie unter dem Namen Liberalismus ihre Kämpfe austrugen, unerkannt zu bleiben. Doch das Mass der Erniedrigung ist voll. Sollen wir uns einer Gesellschaft aufdrängen, die uns in ihrer Mitte nicht dulden will? Sind wir denn wirklich so tief gesunken, dass wir uns nicht auf eigene Füsse stellen können? Sind wir vielleicht nicht deshalb so verachtet, weil wir uns selbst als Juden nicht achten? Der stetig anwachsende Antisemitismus macht die Beantwortung dieser Fragen leicht. Auf dem Grundsatze fussend: „Die Juden waren und bleiben ein Volk für sich, vermöge ihrer Abstammung, ihrer Geschichte, ihres Denkens und Empfindens", besteht schon seit Jahren in Prag der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle jüdischen Studenten, gleichviel welcher Muttersprache, in seiner Mitte zu vereinen. . Man wird versuchen, Euch durch materielle Vortheile Eurem Volke abwendig zu machen, Euch durch schöne Versprechungen für irgendeine Partei zu ködern. Jüdische Abiturienten! Wahret Euere Ehre, zeiget, dass Ihr selbst- und ehrbewusst für Euer Volk zu kämpfen gewillt seid. Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" bietet Euch Gelegenheit, Euer Wissen durch eine wohlausgestattete Bibliothek, durch Zeitschriften und Journale auf allen Gebieten zu bereichern, und so klein wir noch sind, wir haben es doch schon zu einem Unterstützungsfonds für unbemittelte Collegen gebracht; auch Zuweisung von Lectionen ist uns möglich, da viele unserer Freunde sich bei Besetzung von Hauslehrerposten an uns wenden. Brüder! Ueberleget und besprechet den Inhalt dieses Aufrufes; nicht Phrasen sind es, nicht leere Worte, sondern unverfälschte Worte aus Freundesmund. Wäget sie — und waget es dann, mit uns zu gehen. Im Juni 19J2. Der Ausschuss des Vereines jüd. Hochschüler „Bar Kochba" in Prag, Wenzelsplatz 22. Anregungen für den Nationalfonds. Ich erlaube mir, folgende Beschlüsse der Lodzer Rayon-Conferenz als Anregungen für den Nationalfonds vorzuschlagen : 1. Jeder Verein soll ein ßetriebscapital in Nationalfondsmarken haben. 2. Die Vereine sind verpflichtet, sich in das goldene Buch einzutragen. 3. Wirken auf wohlhabende Personen, dass sie sich in das goldene Buch eintragen sollen. 4. Vertheilung der Marken in Geschäften, behufs Verbreitung derselben. 5. Briefe der Vereine, sowie Privatbriefe müssen mit Nationalfondsmarken versehen sein. 6. Spenden beim Aufruf zur Thora, 7. Gratulations-Depeschen zu Hochzeiten etc. sollen durch Spenden für den Naiionalfonds ersetzt werden. 8. Vertheilung von Büchsen zu gelegentlichen Sammlungen. Mit Hochachtung und Zionsgruss:' Im Namen der Lodzer Nation alfonds-Commission S. Horodischz. Jüdischer Nationalfonds. Das goldene Buch. Verein „B n o t h Z i o n" in S o s n o w i c e 100 Rubel. II. österreichischer Zionistentag am 18# und 19. Mai 1902 (bereits im Spendenverzeichnisse der Nr. 22 der „Welt" ausgewiesen) 240 Kr. Zum Andenken an den verewigten Herrn Jacob Herzl die Mitglieder des Actions-Comitcs Dr. Kokesch, Architekt Marmorek, Dr. Kahn und Ingenieur Jon. Kremenezky 240 Kr. Correspondenzen und Telegramme. Zur Lage der Juden in Russland. Rostow am Don. Da der Hetman der Donkosaken und der Chef des Dongebietes den jüdischen Musikanten den zeitweiligen Aufenthalt im Dongebiete untersagt hat, wurden auf Befehl des Polizeimeisters von Rostow binnen acht Tagen 28 jüdische Familien, deren Mitglieder im Orchester des Handels-Clubs und im Alexander-Garten als Musiker thätig waren, ausgewiesen.