Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Article
- Josef Kiss über den Zionismus
- Date
- 1902-06-20
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nfc 25 JDle Weit66 Seite 9 Dichters Urtheilsschärfe und seinem tiefen Verständnisse für unsere Bestrebungen Zeugnis ablegt. Wir werden vielleicht noch Veranlassung nehmen,, die Ausführungen Josef Kiss' vollinhaltlich wiederzugeben. Diesmal wollen wir bloss einzelne markante Stellen aus dem muthvollen Artikel anführen. Josef Kiss sagt unter anderem: „Endlich hat sich auch in Budapest ein zionistischer Verein unter dem Patronate eines nicht Geringeren als Armin V a m berys gebildet. Da ist es nur natürlich, dass gegen diesen verdienstvollen und tapferen alten Mann eine förmliche patriotische Treibjagd veranstaltet wurde. Es wäre vielleicht gerathen, ehe wir einander des Vaterlandsverrath es schuldig sprechen, doch einmal festzustellen, was denn der Zionismus eigentlich bedeutet. Die Antwort ist einfach: Der Zionismus erstrebt eine Zufluchtsstätte für die Heimatlosen, ein Vaterland für die, denen man das Vaterland vorenthält. Der Zionismus ist eine Wohlfahrtsaction .... für die russischen und rumänischen unemaneipierten Juden, wie auch für alle Juden der Welt, die das unwürdige Footballsystem erbittert, mit dem sie zwischen Entrechtung einerseits und der Anklage der Vaterlandslosigkeit andererseits umliergeschlcudert werden. Es fällt dem Zionismus nicht ein . . ., dem Juden., den der Engländer, Deutsche, Italiener, Ungar als seinen Bruder anerkennt, zu gebieten, dass er diese Brüderlichkeit nicht fühle . . . Ich vermag aber nicht einzusehen — ich bitte dies zur Kenntnis zu nehmen, ich denunciere mich selbst — Aveshalb ich, wenn es mir möglich ist, durch die modernen Einrichtungen der Organisation, des Zusammenschlusses, das Recht zu sichern (wenn ich es besitze), und zu erkämpfen (wenn ich es nicht besitze), auch Ehren zu gemessen, da, wo ich Pflichten erfülle — weshalb ich dieWaffen zur Erstreitung dieses mir angeborenen Rechtes wegschleudern soll aus Angst vor einer Verleumdung, die mir ohnehin anhaftet, so lange ich schwach bim, die ich aber in dem Verleumder ersticken kann, wenn ich nicht waffenlos dastehe. Gegen den Zionismus kann ausser der Dummheit derjenigen, die jede Phrase anderen gläubig nachbeten, nur die Gewissenlosigkeit sein. Die Gewissenlosigkeit . . . derjenigen Juden, die, wie die russischen und rumänischen reichen Juden, sowie die jüdisch-aiitisemitischen Streber der eivilisierten Länder sich auf Kosten der Haut ihrer Brüder Privilegien sichern wollen. Und da sehe ich wieder nicht ein, warum ich auf das Bewusstsein meiner Hechte . . auf die Würde meiner Individualität verzichten soll, bloss damit Herr Ludwig Hollo (ein antisemitisch-chauvinistischer ungarischer Politiker. Anmerkung der Redaction) nicht an meinem 'Patriotismus zweifle, Herr Ivolm ungestört Hofrath werden und seine Wuchergeschäfte mit der rumänischen Kegierung abseid iessen könne. Ein ehrenhafter Jude wird, wenn er die Sache bedenkt, kaum zu einem anderen Schlüsse gelangen, als der grosse englische Dichter, der auf dem letzten Zioni st encon grosse die Worte sprach: „Ich bin englischer Bürger und die Zugehörigkeit zu dieser grossen, edlen und freien Nation gibt mir Kraft zu diesem grossen Werke des Selbstbewusstseins und der Menschlichkeit." Natürlich haben die beherzten Ausführungen Josef Kiss' unter den Budapester Assimilationsjuden grosse Bestürzung hervorgerufen. Am ergötzlichsten wirkt in seiner Verlegenheit unser alter Freund Max Szabolcsi, der Herausgeber des jüdischen Wochenblattes ,,Egyeiilöseg". Getreu seiner alten Todtschweigetaktik, vergibst er in erster Reihe, den Namen Josef.Kiss' zu erwähnen und spricht beharrlich von einem „hervorragenden Schriftsteller", den die „ungarischen Agenten der Zionistenführer" irregeführt hätten. Er will sodann den armen irregeführten Josef Kiss über die „wahren Ziele" des Zionismus aufklären und faselt von einer Bank, in der die Zionisten grosse Capitalien so lange verzinsen wollen, bis sie das ganze Land Palästina dem Türken würden abkaufen können. In dieser läppischen Weise, die dem letzten Dorfkannegiesser nur ein Lächeln entlocken kann, unterfängt sich Herr Szabolcsi, die zionistischen Bestrebungen einem Manne wie Josef Kiss zu erklären. Hoffentlich wird dieser sich die originelle Belehrung in gehöriger Weise verbitten. Im übrigen tönt aus jeder Zeile der Szabolcsi'schen Ausführungen der verhaltene Schmerz darüber, class „die schönen Tage von Aranjuez4* nun wohl doch zu Ende sind, in denen man die Intentionen unserer Bewegung nach Herzenslust verdrehen und missdeuten konnte, ohne dass der gläubige Provinzleser jemals etwas anderes über den Zionismus zu lesen bekommen konnte, als die burlesken Kamiegiessereien des „Egyenlöseg". Herr Szabolcsi mag zusehen, wie lange die ungarische Grenzsperre wohl andauern wird, die er mit souveräner Geberde über den Zionismus verhängt hat. M. Z. Der deutsche Rabbiner-Verband und der Zionismus. „Für den 8. und 9. Juli d. J. hat der „Deutsche Rabbinerverband" eine Versammlung seiner Mitglieder einberufen, die recht zahlreich besucht zu werden verspricht. Von besonderem Interesse dürfte die Behandlung des Themas „Zionismus" sein, das auf die Tagesordnung gesetzt werden soll. Herr Rabbiner Dr. Gronemann-Hannover hat nämlich in einem Rundschreiben, an die Mitglieder des Verbandes um Revision des Standpunktes der Rabbiner zu dieser Frage gebeten, da der Zionismus seit jener bekannten Protestkundgebung der deutschen Rabbiner mehrfache wesentliche Aenclerungen erlitten habe. Man darf gespannt sein, wie sich die von den Zionisten so warm gehassten Herren „Protestrabbiner" nunmehr zu dieser Frage stellen wer den." So lautete ein Communique, das gleichlautend in allen deutsch-jüdischen zionsfeindlichen Blättern vorige Woche zu lesen war. Bekanntlich wurde der „Protest" gegen den Zionismus über Veranlassung des Rabbiners Dr. Werner in München — der vor Schreck darüber, dass der erste Congrcss in seiner Gemeinde hatte stattfinden sollen, ganz ausser Rand und Band gerathen' war — von den Rabbinern Maybaum, Yogistein und Lei.indörfer? die das begreifliche Bedürfnis hatten, ihren etwas junge]] deutschem Patriotismus sich offieiell bescheinigen zu lassen, verfasst, bevor das Baseler Programm die Ziele und Wege des Zionismus offen und authentisch dargelegt hatte. Etwas verurtheilen, bevor man es kennt, zeugt von wenig Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, und mancher Rabbiner hat inzwischen eingesehen, dass er sich von dem deutschen Patrioten aus Miskolez in Ungarn zu einer voreiligen Handlung hat hinreissmi lassen, die er umsomehr zu bedauern Grund hat, je mehr er von der Thätigkeit und — den Erfolgen des Zionismus sieht und hört. Jeder aufrichtige Rabbiner, der die Mission seines hehren Amtes ehrlieh auffasst, nmss sieh gestehen, dass die Zionisten bisher nichts gthan haben, was den Juden irgendwie Sehaden gebracht hätte, dass sie aber sehr viel gethan und erreicht haben, was für die Juden und das Judenthum bedeutungsvoll, ehrenvoll und von grossem Nutzen ist, dass es ihnen insbesondere gelungen ist, neues Leben im Judcntlmni zu erwecken und das Interesse für dasselbe, das die Rabbiner von Tag zu Tag mehr schwinden sahen, bis zur Begeisterimg zu liehen. Dass der Zionismus die studierende Jugnd, die bislang für das Judenthum sich zu verlieren schien, für das Judenthumenthusiasmierie ist allein eine That, für welche die Rabbiner den Zionismus segnen sollten. Und von Tag zu Tag und von da und dort hören wir auch, wie sich allmählich die Wandlung vollzieht, wie ein Rabbiner nach dem andern zu uns kommt und mehr oder minder offen oder gewunden zugesteht, class er im Irrthum