Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 25 (20.6.1902)
- Article
- Ein Vorstand, der unsterblich werden will
- Date
- 1902-06-20
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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1 . Seite 4 „Die # Welt" Nr. 25 »Allianee« und ihrer Institutionen zu machen, ohne an den Statuten zu rütteln. Sorgt dafür, dass die Wähler beizeiten über den Wahltermin unterrichtet werden, gebt ihnen Gelegenheit, über die Candidaten Erkundigungen einzuziehen, gebt allen denen, die die Wähler aufklären wollen, die Möglichkeit, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, und ohne Statutenänderung wird ein Vorstand zustande kommen, der den Anschauungen der Wähler entspricht und der bei allen seinen Handlungen auf die Majorität der Vereinsmitglieder sich stützen kann! Den jetzigen Wahlmodus durch die Cooptation ersetzen, hiesse das Kind mit dem Bade ausschütten. Eine Wahl und sei sie noch so anfechtbar, ist immer noch besser, als keine Wahl. Cooptierte Vorstandsmitglieder, die ohne Contact mit den Wähler sind, würden noch viel weniger als die jetzt gewählten im Sinne einer Vereinsmajorität arbeiten und werden noch weniger als die jetzigen Machthaber das Vertrauen der Vereinsmitglieder besitzen. So lange der Vorstand gezwungen ist, die Candidaturen, die er aufstellt, der jüdischen Oeffentlichkeit, wenn auch in noch so geringem Masse, bekanntzugeben, so lange wird er sich hüten, eine grössere Anzahl Namen in Vorschlag zu bringen, die im Judenthum keinen guten Klang haben. Er wird wohl fortfahren, dem Protzenthum die grösste Zahl der Vorstandsstellen zu reservieren, doch er muss, wohl oder übel, Einzelne nominieren, die sich Verdienste um das Judenthum etworben haben oder deren Persönlichkeit dem jüdischen Namen Ehre macht. Hört die Controle auf, kann der Vorstand nach freiem Ermessen schalten und walten, so wird er die Maske vollständig abwerfen und noch mehr, als es bis jetzt geschehen ist, die »Allianee« für Classeninteressen benützen. Manche Vorstandsmitglieder, die bis jetzt nur in ihrer Eigenschaft als Privatleute die religiöse Assimilation predigten, können dann ungeniert, ohne dass der Verein noch die Möglichkeit hat, sein Veto einzulegen, den Verein selbst als Sturmbock gegen unserere religiösen Anschauungen benützen. Manche Vereinsmitglieder werden sich bedanken, zahlen und schweigen zu dürfen. Doch die Abnahme der Zahl derselben scheint den Vorstand nicht zu stören. Ein Verein, dessen Vermögen auf etwa 20 Millionen Mark zu beziffern ist — das ist die ungefähre Höhe der Hirse h'schen Legate — der braucht, nach ihrer Ansicht, keine Mitglieder mehr. Wir haben die Ueberzeugung, dass die Statutenänderung ä tout prix durchgeführt werden soll, weil diejenigen, die über die Macht verfügen, die die »Allianee« repräsentieren, sich als die unumschränkten Besitzer dieser Macht betrachten. Sie sind seit Jahren gewohnt, keine oder nur lückenhafte Auskünfte zu geben; sie haben nie an die Möglichkeit gedacht dass die Wählerschaft andere an ihre Stelle treten lassen könnte. Sie haben den Contact mit den Mitgliedern bis jetzt möglichst vermieden und lebten in dem Wahne, wie die vierzig der Akademie, eine unsterbliche Körperschaft zu bilden. Bisher haben sie ihren Traum durch Verletzung der Statuten realisiert. Nachdem die Statutenverletzung an den Pranger gestellt wurde, kommen sie mit der Statuten-Modifikation. Doch die Gründe, die s i e veranlassen, die Statuten zu modificieren, die bewegen uns, dafür einzutreten, dass sie intact bleiben. Wir dürfen auf keinen Fall zugeben, dass dem Vorstande ein Unsterblichkeitspatent ertheilt werde. Der Wählerschaft muss die Möglichkeit gewarirt bleiben, ihn zu bestätigen, wenn er Tüchtiges geleistet, oder ihn zu ersetzen, wenn seine Leistungen nicht genügen. Es handelt sich für uns nicht nur darum, es zu verhindern, dass die »Allianee« auf ewige Zeiten als Waffe gegen den Zionismus gebraucht oder missbraucht werde, sondern wir wollen in erster Linie Sorge tragen, dass der »Allianee« ihre wertvollsten Hilfskräfte nicht verloren gehen. Die Macht des Geldes reicht nicht aus, um das Ziel zu erreichen, das die „Allianee" erreichen soll. Um das Judenthum in jeder Beziehung zu heben, um der Judennoth zu steuern, bedarf sie des Vertrauens und der Mitarbeit des ganzen jüdischen Volkes. Dieses Vertrauen und diese Mitarbeit können nur gewonnen werden, wenn dem Volke kein Misstrauen entgegengebracht wird. Den demokratischen Principien entsprechend, kann auch in der „Allianee" das, was für das Volk geschieht, nur durch das Volk geschehen. 1872 wurden auf Cremieux' Anregung die Statuten modificiert. Wie der damalige Referent Herr Leonce Lehmann im Auftrage Cremieux' ausführte, scheint es, um den Juden aller Länder ein grösseres Interesse einzuflössen, riothwendig, ihnen einen grösseren Antheil in der Leitung der Arbeiten zu gewähren und sie noch mehr als früher an den Berathungen des Central-Comites theilnehmen zu lassen. Die Gründe, die 1872 C r e m i e ux veranlassten, die Statuten zu ändern, die machen wir uns zu eigen, um jetzt der vom Vorstande gewünschten Veränderung entgegenzutreten. Soll das jüdische Volk die Bestrebungen der „Allianee" unterstützen, so muss dafür gesorgt werden, dass sein Wille in der „Allianee" zum Gesetz werde. Dem Volkswillen kann jedoch nur dann Geltung verschafft werden, wenn Massregeln getroffen werden, dass die jetzigen Vergewaltigungsversuche der „Alliance"- Leitung zum Scheitern gebracht werden, und den jetzigen Machthabern der „Allianee" zum Bewusstsein gebracht wird, dass auch das Judenthum eine Demokratie bildet, die ihrer Rechte und ihrer Kraft bewusst ist. Die Nothlage der Juden in Odessa Die von uns in knappen Worten bereits besprochene Broschüre „Die jüdische Armut in Odessa" von J. Borod 0 w s k i 3 verdient eingehender gewürdigt zu werden. Es ist wohl der erste Versuch, die ökonomische Lage unserer Stammesgenossen in der handelsreiclien Stadt Odessa ziffermässig darzustellen und in die Welt der drückendsten Noth und unbeschreiblichen Armut unserer Brüder tiefen Einblick zu gewähren. Das Bild, welches Boroclowskij mit Zuhilfenahme statistischer Belege des Armenamtes des Odessaer Gemeinderathes entrollt, ist' in seiner Gesammtheit sowohl wie in seinen Einzelheiten tief erschütternd und herzbeklemmend. Von den 150 000 Juden, welche in Odessa leben, stehen 48 549 Personen, ungefähr 32.26 Percent der Gesammtbevölkerung, unter dem Zeichen unsäglicher ISToth und drückendster Armut. Aber diese Ziffer ist unvollständig, denn viele Familien wiesen die ihnen angebotene öffentliche Hilfe aus Schamgefühl zurück. Aus dem Leben dieser „verschämten Armen" theilt Borodowskij Thatsachen mit, welche tief bewegend, zugleich aber auch herzerhebend sind. Der Controlor des Armenamtes erschien an einem Wintertage, wo ein grimmiger Frost herrschte, in der Wohnung einer armen Jüdin, um ihr Kohlen anzubieten. Mit einem Kinde am Arme begegnete