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Die Welt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-06-13
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24 Die g Welt" Seite 15 ringend kam er einher und rief: „Zu Hilfe! Um Gotteswillen helft; sie sind bei meinem Bruder; sie bringen ihn um!" „Wie, Sie sind hier auf der Gasse und Mirjam ist allein zuhause?" fragte Paul entsetzt. „Eilen Sie zu ihr, weichen Sie nicht von Ihrer Seite." 3Ieh habe meinem Bruder helfen wollen," rief Reb Salme. „Seine Köchin ist zu mir gekommen und hat geschrien, sie wollen ihn umbringen," schloss er schluchzend. „Kehren Sie zu Mirjam heim und überlassen Sie die Rettung Ihres Bruders mir," rief Paul, dann stürmte er mit seiner kleinen Schar nacii dem Wohnhause Dr. Goldners. Sie fanden dort den rothen Jank und seine engsten Freunde, etwa zwanzig Knechte und Vagabunden. Dr. Goldner galt als der reichste Mann in Lobenstein, und so war es nur selbstverständlich, dass ihm der rothe Jank einen Besuch abstattete. Als aber der Ueberfallene behauptete, er habe wenig Geld im. Hause und könne ihnen bloss einige Kronen geben, da schleppten sie den armen Gelähmten in den Hof räum, legten ilin dort auf die Erde und begannen ihn zu schlagen und zu. stossen, damit er das verborgene Geld herausgebe. Als Paul anlangte, befand sieh der Kranke, in den Händen von vier Männern, die auf ihn losschlugen. Paul eilte mit seinen Leuten hinzu, entriss ihn seinen Peinigern und trug ihn. ins Haus. Das war das Werk weniger Augenblicke, denn als der Kampf im Hofe begann, befand sich Paul bereits wieder an der Spitze seiner Schar. Der rothe Jank war über die Kühnheit der Juden, die ihm den Dr. Goldner zu entreissen gewagt hatten, derart verwundert, dass er eine Weile unthätig zusah. Doch «r besann sieh bald. „Ich muss die Juden auffressen," schrie er, „auffressen!" und stürzte sich auf Ephraim Hirsch, den er am Halse fasste und zu würgen begann. Aber schon hatte Josef Perlhefter seinen schweren Stock mit beiden Händen erfasst und Hess ihn auf Janks Kopf niedersausen. Betäubt von dem wuchtigen Sehlage liess er die Hände sinken, stürzte sich aber alsbald mit wildem Gebrüll auf Perlhefter und fasste diesen beim Halse. Paul eilte herbei und drückte die Handgelenke Janks mit eiserner Kraft, vermochte sie aber nicht vom Halse Perlhefters zu lösen. Da riss er diesen beiseite und schlug im selben Augenblicke Jank mit solcher Wucht auf den Magen, dass er zusammenknickte und wie ein verwundeter Ochse zu brüllen begann. Nun entspann sieh ein allgemeiner Kampf, doch dieser währte bloss wenige Minuten, denn das Hausthor wurde geöffnet und der Eichter erschien mit zwei Genieindeältesten und vier Gendarmen. Der Richter liess das Hausthor sehlie-ssen und forderte die Gendarmen auf, die Excedenten zu versammeln, die Renitenten zu fesseln und nach dem Gemeindehause zu bringen. Auf diese Worte suchten die Strolche das Thor zu erbrechen, allein die Gendarmen jagten sie mit aufgepflanzten Bajonnetten zurück. Der rothe Jank hatte sich mittlerweile erholt. Er sah die Gefahr, in welcher er mit seinen Genossen schwebte, ergriff einen Knüttel und führte mit demselben einen so heftigen Schlag nach dem Kopfe eines Gendarmen, dass dieser blutüberströmt zusammenbrach. Er hauste wie ein Berserker, er schlug nach rechts und links, noch einen Gendarmen gelang es ihm, zu verwunden, und er war eben dabei, diesem die Waffe zu entreissen, als er Pauls ansichtig wurde, der ihn so übel zugerichtet hatte. Er liess den Gendarmen, ergriff einen Stein und sehlug mit diesem Paul so wuchtig auf das Haupt, dass er zu Boden stürzte und das Blut sein ganzes Antlitz bedeckte. Er warf sieh auf den auf der Erde Liegenden und wollte ihn erdrosseln, ein Gendarm stürzte aber herbei und stiess ihm das Bajonnet bis an das Heft in den Leib. Ohne mehr einen Laut von sich zu geben, fiel er neben Paul zu Boden. Der rothe Jank war todt, und seine Genossen liessen sieli ohne Widerstreben fesseln und nach dem Gemeindehause escortieren, wahrend die Juden nach ihren verwundeten Glaubensgenossen zu suchen begannen, um sie zu ihren Familien zu bringen. Unter den Verwundeten befand sich auch Paul. Nachdem ihm das Antlitz vom Blute gereinigt und die Wunde verbunden worden war, wurde er von Josef Perlhefter und Wolf Schlesinger nach hause geleitet. XV. Paul lag in seiner Stube bei Finkelstein zu Bette. Bald nachdem der Arzt sich am nächsten Morgen entfernt hatte, war er in einen unruhigen Schlummer verfallen, aus welchem er jedoch bald wieder erwachte. Der Kampf vom gestrigen Abend zog durch seinen Sinn. Gestern war er mit Blut ans Judenthum gekittet worden, und der aus Blut erzeugte Kitt ist stark. Nicht seine Geburt, nicht seine Liebe bildeten solche Fesseln, wie der Kampf, den er gestern gekämpft. Gestern war er selbst einer dieser geachteten Juden, und mit dem Knüttel in der Faust musste er sein Leben und das anderer Unschuldiger vertheidigen. Er hat gestern mit den Männern seines Stammes gelitten, er hat mit ihnen vereint gekämpft, und wird abermals kämpfen, wenn sie in Gefahr sein werden, denn er ist Jude. Und dieses Bewusstsein ist nicht mehr zu erschüttern. Nichts auf Erden wird ihn seinem Stamme auch bloss in Gedanken mehr entfremden. Er sann und sann, da pochte es an die Tinire; sie öffnete sich und herein trat Tante Minna, gefolgt von Reb Salme Goldner und Mirjam. Er traute seinen Augen nicht. Strahlendes Glück verklärte sein Antlitz, als er der Geliebten ansichtig wurde. Er streckte beide Arme nach ihr aus, doch hinter dem Rücken ihres Vaters legte sie bedeutungsvoll den Zeigefinger an die Lippen. Reb Salme trat an das Bett heran, blickte Paul ins Antlitz und strich ihm mit der Rechten leise über die Wangen. Dann hob er die Hand höher, legte sie behutsam, um den Verband nicht zu berühren, auf sein Haupt und sprach aus tiefein Herzen den Segensprueh: „Jeworechecho adonai wejisclnnerecho, joer adonai ponow elecho wichuneko; jisso adonai ponow elecho wejossem lecho scholamn." Als er geendet, trat er vom Bette zurück, und nun erst eilte Mirjam auf Paul zu. Sie küsste ihn nicht. Sie barg das Haupt;ui seiner Brust und er umschlang ihren Nacken mit beiden Armen und drückte sie an sich. Und nun segnete Reh Goldner fluch seine Tochter. Als er aber seine Hand von ihrem Haupte nehmen wollte, da er fasste Paul sie und drückte fromm und ehrfürchtig einen Kuss darauf. Ende. Von unserer Voiksbildungsbewegung. Jüdische Volkshochschule in Paris. (Universite Popuiaire Juive ä Paris) 33, Rue Saint-Antoine. Programm für den Monat Juni: Sonntag den 1. Juni: Die Principien des Zionismus (Dr. Alexander Marmorek). Sonntag den 8. Juni: Das Schebuothfest (N. Slou chz). Sonntag den 15. Juni: Kaleb ben Jephum (Herr Spanier). Sonntag den 21 Juni: Literarischer Abend. Sonntag den 29. Juni: Hebräische Vorlesung. Montag den 2,, 9., 16., 23. und 30. Juni: Hebräischer Sprachunterricht (B. Schapir a). Dienstag den 3. und 24. Juni: Gesundheitspflege (Frau Dr. Kritschewsky). Mittwoch den 4. und 25. Juni: Die jüdischen Kriege gegen die Römer. — Bar Kochba (D. Jacobsohn). Mittwoch den 18. Juni: S. D. Luzzatto (N. Slouchz). Donnerstag den 5., 12., 19. und 26. Juni: Französischer Sprachunterricht (die Herren Lunz u. Scher es che wsky)- Samstag den 7. Juni: Generalversammlung. Samstag den 14. und 28. Juni: Unterricht in Geographie. Samstag den 21. Juni: Conference von Frau Dr. Kritschewsky. Mittheilungen des österreichischen L-C. 1. Bureaustunden täglich von 6—8 Uhr abends im Congressbureau. Die Mitglieder des L.-C. sind jeden . Montag um diese Zeit durt zu sprechen. 2. Arbeitskalender: Juni: 16. 30. Juli: 14. 28. August: 11. September: 1. 15.

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