Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Article
- So wollte es Gott!
- Date
- 1902-06-13
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ^Die'$c Welt" Nr. 24 Als endlich die Mittagsstunde schlug, eilte er in die Apotheke, wo er auf Grund der Recepte, die er zu sich gesteckt, die Medicamente anfertigen Hess. Dann gieng er in eine Delicatessen-Handlung, kaufte zwei Flaschen Wein und Orangen und kam schwerbeladen naehhause. Seinen Angehörigen erzählte er, dass er das Geld von seinem Chef geschenkt erhielt. Alle waren an diesem Tage sehr froh und betrachteten das Ereignis als eine Fügung Gottes, und als Gewähr, dass nunmehr alles UnKeil von ihnen weichen werde. * Aber der Wein und die Medicamente nützten nichts mehr. Der Mutter gieng es immer schlechter, und weder die Mühe des Arztes, noch die vielen Gebete des Vaters, Grossvaters und Simons halfen ihr. Nach langem Todeskampfe hauchte sie an einem herrliehen Frühlingsmorgen ihre Seele aus. Simon hatte Tage und Nächte hindurch beim Krankenlager gewacht und mit Gott unterhandelt. Er versprach ihm, sein Leben lang zu beten und seinen Namen zu preisen, aber Gott erhörte ihn nicht.-- Simon brach unter diesem Schlage fast zusammen. Die Sonne schien ihm für immer verblasst, und die Welt nur ein öder Trümmerhaufen. Stundenlang war er von einem Weinkrampf befallen, und jetzt sass er still und traurig da. Der Grossvater trat zu ihm, um ihn zu trösten. Er sprach von der unermesslichen Güte und Weisheit Gottes . . . „Wir dürfen nicht murren, nur immer in Gott ergeben sein und alles geduldig ertragen, denn wir sind nur sündige Menschen." Aber Simon konnte sich nicht bezwingen: „Sie war immer fromm und zufrieden," rief er, „warum mnsste Gott gerade sie sterben lassen?" „Vergesse Dich nicht," sprach der Grossvater streng. „Wir sündigen oft, ohne es zu wissen. Vielleicht soll ihr Tod eine Strafe für uns sein, weil wir sie alle so lieb hatten." Bei diesen Worten erwachte in Simon plötzlich ein Gedanke, der 'ihn bald ganz erfüllte. Er musste Gewissheit haben, wenn er in seinem ganzen Leben nur noch eine ruhige Minute haben sollte. „Grossvater," begann er, „wenn man etwas Schlechtes thut, aber nur um ein Unglück zu verhüten, ist das auch Sünde?" „Eine Sünde bleibt immer eine Sünde," antwortete der Grossvater bestimmt. Erregt rief ihm jedoch Simon entgegen: „Wenn man aber etwas Schlechtes thun muss . . . um dadurch zum Beispiel ein Menschenleben zu retten?" Zornig unterbrach ihn der Grossvater: „Wie Du nur so sprichst! In der Hand Gottes liegt es, ein Unglück zu verhüten, und durch eine schlechte That können wir eine gute Sache nur verderben, denn die Sünde kann nur Sünde zeugen." Ganz langsam, um nicht umzusinken, sehlug sich Simon in eine Ecke, wo ihn niemand beobachtete, und dort fiel er nieder, von einem gewaltigen Schmerze übermannt. Eine furchtbare Erkenntnis bemächtigte sich seiner und verdrängte alle Einwendungen und 'Vernunftsgründe. Mit jeder Minute ward es ihm deutlicher, dass er an dem Tode seiner Mutter schuldtrage. Von Entsetzen geschüttelt, lebte er sich in diesen Gedanken hinein. 0, er war der Mörder seiner Mutter! Gott wollte er auf die Probe stellen und wurde für sein W'agnis bitter bestraft. Ganz klar stand all dies vor seiner Seele und liess sich nie mehr hinwegwischen. Lange sass er da, in dumpfes Sinnen verloren. Der Schmerz bohrte in seinem Innern, und das Gewissen nagte und nagte. Endlich erhob er sich und gieng aus dem Hause — ohne Ziel. Es war einer jener wunderbaren Maitage, der alle Leute aus den Häusern lockt. Finster und öde lag das Geschehene hinter ihm und er war zum Sterben müde. Viele Menschen bewegten sich auf den Strassen. Alle waren lustig und vergnügt, nur er war tief, tief unglücklich. Die Dämmerung brach an, als er auf dem Prajterstern anlangte. Die Schatten vergrösserten sich zusehends, bald kam die Dunkelheit und hüllte alles ein. Der Prater erstrahlte in einem Meere von Licht. Volksmassen fluteten durcheinander und von allen Ecken ertönte Musik. Simon gieng die stille Hauptallee hinunter, bewegt von seinem grossen Schmerze, den niemand lindern konnte. Gebrochen fiel er auf eine Bank, und durch die abendliche Stille drang zu ihm gedämpft und leise aus einem nahen Etablissement ein Walzer herüber. - Sanft und leise wiegten sich die Weisen durch die laue Luft und verklangen in welter Ferne. Simon war wie berauscht von der Melodie. Sie versetzte ihn in eine wehmüthige Stimmung, lullte ihn ein, und er schlief ein. Simon hatte lange Stunden geschlafen. Als er erwachte, regnete es in Strömen, und tiefe Finsternis hüllte ihn ein. Vor Kälte ziternd und ganz durchnässt lief er durch die verlassenen Laubgänge des Praters. Kein Laut liess sich vernehmen, nur der Regen plätscherte immerfort. In der Tasche hatte er noch an drei Gulden, die ihm von den Einkäufen übriggeblieben waren, und die Münzen klirrten und klangen gegeneinander. Bei der Sophienbrücke blieb er tief aufathmend stehen, dann gieng er langsam das Ufer des Donaueanals entlang. Endlich konnte er nicht weiter. Er kroch die Böschung hinab und setzte sich auf einen Stein, nahe dem Ufer. Behutsam zog er Münze um Münze aus der Tasche und warf eine nach cler anderen in den Fluss. Wie das gluckste und gurgelte, und dann rasch und lautlos versank! Da unten muss es gut zu liegen sein. Man ist weit weg von allen Menschen, und auch die Schmerzen können einem nichts mehr anhaben...... Da — was tanzt nur dort über die Wogen, immer näher und näher kommencT? Erst ist es blutigroth, dann blau, als wäre es aus Zelmguldennoten geformt — und dann ganz weiss, wie (He Mutter, da sie kalt und bleich dalag .... Doch jetzt hat es der Strudel gepackt und mitgerissen. Aber bevor es verschwindet, schreit es Simon etwas zu. Es sind nur drei Worte, und sie hallen wdeder im Kauschen des Flusses und im Rieseln des Regens. „Dieb! Mörder!" tönt es von allen Seiten. Wie Donner gellt es in seinen Ohren. — Da unten ist es still. Man liegt weich und ruhig, und alle Qual nimmt ein Ende. — — — — — Er schloss die Augen und liess sieh in den dunklen Fluss hinabgleiten..... Die Fluten erhoben sich und zischten und schäumten — aber nur einige Augenblicke . . . Dann glätteten sie sich wieder und flössen weiter, als wenn nichts geschehen wäre .... Zweierlei Juden. Roman von Man Viola. (Schluss.) Am nächsten Tage gab es in Lobenstein furchtbare Aufregung. Baron Wiesenberg hatte Wort gehalten, er hatte seinen Altknecht, den rothen Jank, mit allen seinen übrigen Knechten nach Lobenstein gesandt, um die Juden „auszuräuchern wie die Hamster". Im Wirtshause gieng es hoch her, der Wein floss in Strömen, denn die Leute waren mit Geld versehen, und alsbald hatte sich auch das lichtscheue Gesindel des Ortes den Lärmenden angeschlossen. Beim Einbrüche des Abends machten sie sich an die Arbeit. Zuerst Wurde der Laden Meier Kohns geplündert, dann kam Awrom Hirschfeld an die Reihe und hierauf Rüben, Beer. Die Juden hatten sich ängstlich in ihre Wohnräume verkrochen und wagten sich nicht auf die Gasse, so dass die Horde einen grossen Theil ihres Zerstörungswerkes bereits vollendet hatte, als Paul an der Spitze von zwanzig Muthigen auszog, um ihnen entgegenzutreten. Der kleine Trupp hielt auf die Schulgasse zu, hatte sie aber noch nicht erreicht, als er auf Salme Goldnex stiess. Hände-