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Die Welt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Article
Die Astarte von Dan
Date
1902-06-13
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24 „Die # Welt" Seite 15 Nicht Schild, nichtSchwert, nicht Thurm, nicht Mauerwarte Wird an vergessene Heldenzeit uns nmhnen. Nur eins blieb, das das Schicksal auferspaite, Es ist versenkt ins Felsgestein zu Dan Das alte, kalte Schandmal der Astarte. Wien. HugoZuckermann. So wollte es Gott! Erzählung von Hermann Bkmcnthal. I. Seitdem seine Mutter schwerkrank darniederlag, ging der kleine Simon vergrämt und traurig umher. Er war ein Bursch von dreizehn Jahren, zart und schmächtig, und hatte den Kopf voll wunderlicher Gedanken. Er Heute es, über jedes Bing, das ihm begegnete:, nachzugrübeln, und hatte über alles — wie man so zu sagen pflegt — seine eigene Meinung. Vor einem Jahre war er mit seinen Angehörigen aus einer kleinen galizischen Stadt nach Wien gezogen, und dieses Ereignis bildete die erste grosse Enttäuschung in seinem Leben. Der Vater war dort ein armer Landhausierer gewesen, der nur kärglich seine Familie — aus seinem alten Vater, seiner Frau und Simon bestehend — ernähren konnte. Eines Tages fasste er den EntschltisSj sein Glück in der weiten Welt zu versuchen, und ruhte nicht eher., bis er den Plan durchsetzte. Nun muss es anders werden, dachten alle, und der schwere Kampf ums Dasein wird aufhören. Die letzten Tage vor der Abreise ging Simon wie verzückt umher. Seine Phantasie erhob sich auf mächtigen Schwingen und er malte sich die Zukunft in den rosigsten Farben aus. Er hatte schon so viel über Wien gehört, und versetzte sich im Geiste in diese Stadt. Dort sind die Häuser so unerinesslich hoch, und die Strassen breit und endlos, und alle Menschen haben reichlich zu essen, sind reich und glücklich .. . So träumte er. Aber es kam anders. In der ersten Zeit betäubte ihn das inigewohnte Treiben und Lärmen der Grossstadt; doch rasch verscheuchte die nüchterne Wirklichkeit seine Illusionen. Sie wohnten wohl in einem grossen Hause, aber nur in einer kleinen Dachstube, deren Fenster auf einen grossen, schmutzigen Hof führten. Dort war Simon den ganzen grossen Tag wie eingesperrt und hatte nichts von all ücn Herrlichkeiten dieser Stadt. Nach vielen vergeblichen Versuchen musste der Vater wieder;:ur Hausiertasche greifen. Jede Nacht kam er spät nach Hause und warf sich, manchmal ohne auch nur ein Wort zu sprechen, ins Bett. Anfangs konnte es Simon gar nicht fassen, dass auch liier das Elend von ihnen nicht wich* aber bald sah er klar. Seine Hoffnungen schwanden dahin, und er ward still und traurig. Er erkannte, dass es in Wien viel ärger sei, als in Galizien. Dort war er immer glücklich gewesen, kannte die ganze Stadt, hatte; viele Kameraden und durfte frei herumlaufen. Hier hingegen erschien ihm alles kalt und fremd. In dieser traurigen Zeit schloss er sich nur mehr seiner Mutter an. Sie war ihm der Inbegriff all seines Denkens und Fiihlens. Den Vater bekam er ja nie zu Gesieht und der Grassvater sass immer in seinem Winkel, sagte entweder Gebete vor sich her, oder schimpfte auf die heutigen Zustände und lobte die alte, gute Zeit.... Endlich geTang es dem Vater, Simon in einem Geschäfte als Praktikant unterzubringen. Er war sehr glücklich darüber, stets folgsam und fleissig und sein Gemüth heiterte sich allmählich wieder auf. Doch nun war die Mutter krank. Ihr Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Simon sah es in den Mienen aller, dass man auf das Schlimmste gefasst sein musste« aber er wollte daran nicht glauben. Seine Mutter durfte nicht sterben, sonst war es mit allem für ihn vorbei — und zwar für immer. * Als Simon eines Abends, wie gewöhnlich, im Bureau seines Chefs aufräumte, rüstete sich dieser gerade zum Fortgehen und plauderte mit einem Herrn, der ihn abholte. Dabei durchsuchte er seine Taschen nach einer Zehnguldennote, die ihm abhanden gekommen war. Alles Suchen blieb erfolglos. Die beiden Herren entfernten sieh endlich und Simon blieb allein zurück. Als er mit seinen Verrichtungen fertig war, fand er unter dem Schreibtische die gesuchte Banknote. Hocherfreut legte er sie auf den Tisch, um sie am nächsten Morgen dem Eigenthiimer zu übergeben. Das Geschäft wurde gesperrt und Simon eilte heimwärts. Auf der Stiege begegnete er dem Arzt, den der Vater himmterhegleitete. Simon beugte sich über das Geländer, um etwas von ihrem Gespräche zu vernehmen. Der Arzt schien sehr erregt. „Wenn Sie meine RathsehTTige nicht befolgen, hat ja mein Kommen keinen Zweck," schrie er den Vater an. „Ich wiederhole Ihnen, Sie müssen die Medien - mente kaufen, denn sie sind unbedingt nothwendig." Der Vater antwortete sehr leise und traurig: „Wenn man aber nichts hat. Herr Doetor!? Seit zwei Wochen habe ich keinen Kreuzer verdient und die Ausgaben wachsen mit jedem Tage... Gott soll uns helfen — ich weiss mir keinen Rath mehr ..." Die beiden Männer gingen darauf schweigend die Stiegen hinunter. Simon ward es bei diesen Worten sehr traurig zunmthe. Es lag so viel imterdrückter Schmerz und Verzweiflung in dem, was der Vater sprach .. . Er betrat die Stube. Die Mutter rief ihn leise zu sich heran, streichelte ihn und sprach zu ihm sanft und liebevoll. Er aber konnte keine Silbe hervorbringen und würgte an den Thränen.------ Der Vater kam und sie giengen zu Bette. Aber Simon Jag lauge schlaflos da und gar vieles gieng durch seinen Kopf. Er musste immer an das belauschte Gespräch denken -md an seine Mutter, die sterben musste, weil sie so entsetzlich arm waren. Endlich' sehlief er ein. Ihm träumte., dass er seinen Chef in einem prächtigen Ballsaale sah. Um seinen Tisch sassen einige hübsche Damen, denen dieser Zehnguldennoten zuwarf. Die Damen lachten und sammelten die Banknoten. Da nähorte sich Simon seinem Chef und erzählte ihm von seiner kranken Mutter. Der Herr war sehr gerührt und gestattete!, dass er sich in seinem Comptoir die Zehnguldennote für Medicamente hole. Simon that. wie ihm geheimen, und die Mutter wurde bald wieder gesund. Silicon erwachte. In der Stube war es schwül und still; nur von der Mutier her kam zuweilen ein leises Stöhnen. Er richtete sich im Bette auf und sann und sann. Wie wäre es, wenn er den Zelmer des Chefs nehmen würde, um das Leben der Mutter zu retten. Sein Herr dachte an das (leid nicht mehr. Nur Gott sieht cs3 aber der wird ihm gewiss verzeihen. — Lange sass er da und kämpfte mit sich. Endlich beschloss er, von Gott sich ein Zeichen zu erbitten, ob er seine That billige. Er wollte bis dreissig zählen, und wenn bis dahin die Mutier stöhnte, dann durfte er das Geld nehmen. Nun begann er zu zählen und lauachte gespannt auf jeden Athemzng der Kranken. Kaum war er hei zehn angelangt, drang ein Seufzer über die Lippen der Mutter. Er athmete auf. Es ist Gottes Wille! Rasend vor Freude verkroch er sich unter die Decke und murmelte Dankesworte zum Allmächtigen. „Gott will es", wiederholte er sich einum das anderemal und schlief mit einem seligen Lächeln ein. IL Am nächsten Morgen kam Simon als erster ins Geschäft. Unbemerkt schlich er in das Chefzimmer und steckte die Banknote zu sich. Den Vormittag über war er zerstreut und ungeduldig.

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