Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Article
- Jaffa [Nachricht] / Benjaminsohn, Josua
- Date
- 1902-06-13
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315984--32822-3322104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
deutigen Vertröstungen nebst einer ermässigten Fahrkarte heimgeschickt werden. Wie lange wohl noch diese unerquicklichen Verhältnisse, die zum Kuin der Colonisation führen, anhalten werden?! Josua Benjaminsohn. Protestrabbinisches. Die edle Garde der Protestrabbiner stirbt aus, aber sie ergibt sich nicht. Wohl müssen die Ehrlichen und Einsichtigen unter den Rabbinern, die früher den Zionismus bekämpft haben, nunmehr das Gute, das unsere Bewegung gestiftet hat, anerkennen, und erst in der vorigen Nummer brachten wir die Aeusserungen Zadoc Kahns, des Grossrabbiners] von Frankreich, der anfangs ein Gegner des Zionismus war und jetzt rückhaltslos zugibt, dass der Zionismus allein dem modernen Judenthum Leben eingeflösst, dass er die jüdischen Gefühle, die zu erlöschen drohten, angefacht hat und dass lediglich ihm die Rückkehr der studierenden Jugend zum Juden thum zu verdanken ist. Allein die Ehrlichen und Einsichtigen unter den Rabbinern — das sind ja eben nicht die Protestrabbiner. Diese zeichnen sich vielmehr durch den völligen Mangel an Ehrlichkeit und Einsicht aus. Glücklicherweise stirbt die Species, wie gesagt, aus; doch kann man hie und da anch manches Prachtexemplar bewundern. In der grossen Synagoge zu Budapest wies kürzlich der Oberrabbiner Dr. Samuel Kohn in einer Predigt die „Absurdität des Zionismus" nach. Die ungarischen Juden — führte der Protestant aus — sind satt und glücklich, geniessen und verdauen alle bürgerlichen Rechte, und es fehlt ihnen nicht an mancherlei Beförderung. Sie haben in ihrer Mitte Ministerialräthe, Richter in hohen Stellungen, Abgeordnete und Mitglieder des Magnatenhauses, Officiere in den höchsten militärischen Graden u. s. w. «Wir haben nur ein Vaterland, das ist Ungarn; ihm weihen wir unser Leben und unser Vermögen/ Die Vaterlandsliebe der ungarischen Anti- Zionisten ist also, wie man sieht, eine gar satte Tugend, und von deren erhabenem Standpunkte aus ist der Zionismus, der bisher keinerlei „hohe Stellungen" zu vergeben hat, allerdings eine „Absurdiät". Logisch ist die Beweisführung des Herrn Dr. Kohn gerade nicht, aber sie ist durchdrungen— man könnte auch sagen gesättigt — von protestrabbinischer Ethik . . . Stiftung zu Ehren des Rev. Gottheil. Die Congregation des Tempels „Emanu-El" in New-York hat durch Sammlungen unter ihren Mitgliedern den Betrag von 15.000 Dollars aufgebracht, welche der Columbia-Universität in New-York gewidmet wurden zur Errichtung eines Stipendiums zu Ehren des Rev. Dr. Gustav [G o t th e i 1, der durch ein Menschenalter Prediger in dieser Gemeinde war. Das Stipendium soll zur Förderung des Studiums der orientalischen Sprache dienen. Vor einigen Jahren spendete der genannte Tempel derselben Universität eine äusserst wertvolle Bibliothek der rabbinischen Literatur. Assimilationsblüteii. (Amerikanische Rabbiner- Weisheit.) Ein amerikanischer Rabbiner, Dr. Sal e, hat das Bedürfnis gefühlt, den Zionisten gute Rathschläge zu ertheilen: »Die Führer des politischen Zionismus thäten gut daran, einen Cursus in jüdischer Geschichte zu nehmen. Sie würden dann einsehen, dass sie versuchen, die Zeiger auf dem Ziffer blatte der Zeit zurückzudrehen." Das ist billige Weisheit. Der Rabbi setzt aber weiter fort. „Als der jüdische Staat durch die Babylonier zerstört worden war, wurde die Mehrzahl der vornehmsten jüdischen Familien nach Babylon fortgeführt, während andere nach Aegypten flohen, wo sie dann auch verblieben." Der Rabbi vergisst aber in seiner Lection, zu sagen, dass der kleine Theil, welcher nach Palästina zurückkehrte und den Tempel wieder aufbaute, derjenige ist, der das Juden thum erhalten hat, dessen Nachkommen wir sind, während die Nachkommen der „Mehrzahl" unter den Völkern untergegangen und verschwunden ist. Der „Jewish World'4, welcher dieser weisen Predigt Erwähnung thut, fügt hinzu, dass sie ein höchst geeigneter Beitrag für eine Purim-Unterbaltung wäre. * Aus Sydney in Australien wird uns ein Vorfall berichtet, der ein charakteristisches Streiflicht auf die Rabbiner des fernen Welttheiles wirft. Dort häufen sich die Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden. Im Monate Februar fanden deren gleich vier hintereinander statt. Der zweite Rabbiner der Congregation, Rev» J. H. Landau, sah sich nun veranlasst, in seiner Predigt auf die Gefahr aufmerksam zu machen, welche den Juden aus den Mischehen drohen: Es würde der jüdische Stamm bald von den anderen Rassen verschlungen sein. Der Oberrabbiner Rev. A. B. Davis fand das Vorgehen seines Collegen für übertrieben, indem ja auf zehn jüdische Ehen nur (!) eine Mische entfalle! Und der Grund dieser Concilianz? Eine der letzten Mischehen gieng die Tochter eines der hervorragendsten Gemeindemitglieder ein, und der Trauung in der unitarischen Kirche wohnte der gesammte jüdische Gemeindevorstand bei. Da ist es natürlich, dass der Rabbi die Mischehen nicht zu verdammen sich berufen fühlt, und dass er Antizionist ist! W<il--QbFoi)ik. Eine kälte Douche. Am 31. Mai besuchte der römischkatholischeBischof Georg M e s z 1 e n y i auf einer Visitationsreise die Stadt Marmaros-Sziget. Unter den empfangenen Deputationen befand sich auch eine der jüdisch-sephardischen Gemeinde, deren Führer — bekannt wegen seiner Zionistenfresserei — den Kirchenfürsten in einer von magyarischem Chauvinismus überquellenden Ansprache begrüsste. Als dieser seine Diction beendigt hatte, klopfte ihm der Bischof freundlich auf die Schulter und fragte, woher er denn so schon ungarisch sprechen könne, und ob er schon lange in Ungarn weile? War das eine kalte Douche für den „jüdischen Magyaren", für den nach des Budapester Oberrabbiners Ausspruch Ungarn Palästina und BudapestZion ist j Ausweisung jüdischer Journalisten aus Rumänien. Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir, dass die rumänische Regierung den Beschluss gefasst hat, sämmtliche in Rumänien lebende jüdische Journalisten und Redacteure, auch solche, welche in Rumänien geboren und erzogen worden sind, auszuweisen. Diese drakonische Massnahme soll eine Antwort der Bukarester Regierung auf die in der auswärtigen Tagespresse erschienenen Artikel und Berichte über die Drangsalierung der Juden in Rumänien sein. Die weise Regierung des Herrn Stourdza glaubtfdaöurch, die Lage der Juden in Rumänien der Controle der öffentlichen Meinung der civilisierten Staaten und Länder entziehen zu können. Von den einheimischen und nichtjüdischen Journalisten erwartet Herr Stourdza offenbar, dasssie sein Programm? die Ja den Vernichtung in Rumänien, nicht verrathen würden ... Elisabethgrad. DerDirector des Gymnasiums zu Elisabethgrad hat, wie die „Odesskija Nowosti" melden, sämmtlichen Juden, welche sich zu den im Mai stattfindenden Anfnahmsprüfungen angemeldet hatten, die Documente zurückgestellt mit der Benachrichtigung, dass heuer eine Aufnahme von Juden in das Gymnasium überhaupt nicht stattfinden wird, weil die Zahl der im Gymnasium bereits anwesenden jüdischen Schüler die festgesetzte zehnpercentige Norm überschreitet. Dadurch wurde eine neue Ordnung geschaffen: Bis jetzt wurde die jährliche Aufnahme von Juden in das Gymnasium nicht von dem Percentsatz der im Gymnasium bereits anwesenden jüdischen Schüler, sondern von der Zahl der neueintretenden christlichen Zöglinge abhängig gemacht.