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Die Welt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Article
[Ohne Titel] / Zelotes
Date
1902-06-13
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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la „Die & Welt" Seite d und gewunden ausdrückte, um bei keiner Seite Anstoss zu erregen, erklärte zwar, die Gleichberechtigung der jüdischen Commilitonen nicht antasten zu wollen* glaubte aber, ihnen dringend bescheidene Zurückhaltung ans Herz legen zu müssen. Die äusserst erregte Debatte brachte deutlich zum Vorschein, dass die weitaus überwiegende Mehrheit durchaus auf antisemitischem Boden steht. Die wenigen philosemitischen Kedner, die zu opponieren wagten3 mussten unter schallendem Hohngelächter abtreten. Im übrigen war man sich darüber einig* dass die Juden frage „gegenwärtig" noch nicht zu lösen sei; mit anderen Worten, man will jetzt, wo der Finkenschaftsgedanke noch mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, sich der jüdischen Unterstützung nicht berauben und erst später die jüdischen Commilitonen an die Thür setzen. Am antisemitischesten jedoch — und das wird das ewig Beschämende für die jüdische Studentenschaft bleiben — geberdete sich ein jüdischer Leipziger Student Dombrowski. Während die antisemitischen Redner den Gegensatz zwischen arischen und semitischen Commilitonen dem aufdringlichen, frechen Benehmen der jüdischen Studenten zuschreiben zu müssen glaubten, gab Dombrowski mit feierlichem Pathos im Namen der jüdischen Commilitonen die Erklärung ab, dass es das Judenthum wäre, das im unauflöslichen Gegensatze zu dem deutschnationalen Gedanken stände. Die jüdischen Studenten wollten daher mit Freuden' dem Judenthum Valet sagen. Dieser hoffnungsvolle junge Mann, der aus Kattowitz gebürtig ist, führte noch Folgendes aus: Den meisten Commilitonen fehlt oft jeder Masstab dafür, wo das speeifisch Jüdische anfängt. Eine beliebte Redensart ist, dass das Judendeutsch ein Kennzeichen sei.. Jedoch jeder Germanist weiss* dass dieses sogenannte Juclendeutsch sich organisch aus der mittelhochdeutschen Sprache heraus entwickelt hat. (Nach Dombrowski führt also das Judendeutsch zu Unrecht seinen Namen. Es hat nichts Jüdisches an sich und ist lediglich ein organisches Glied der deutschen Sprache! Wir möchten noch bemerken, lass der Jargon, vielleicht abgesehen von den polnischen Gebietstheilen, wo Herr Dombrowski zu Hause ist, überhaupt unter den Studenten nicht gesprochen wird und dieser Vorwurf (?) auch noch nie von antisemitischer Seite erhoben worden ist.) Auch die Abstammungslehre ist wissenschaftlich schwer zu begründen» Denn welche Ergebnisse würde es wohl zeitigen, wenn man der Abstammung mancher Arier nachgehen wollte? (Dombrowski will also glauben machen, dass zwischen Juden und Germanen kein Unterschied der Rasse besteht!) Eine Culturgeschiehte des neuen Judenthums datiere erst von dem Momente an, da sich die Thore des Ghettos öffneten und ein Mann, wie Moses Mendelssohn, den Pentateuch in die deutsche Schriftsprache übersetzt habe, um seinen Stammesgenossen (also doch nicht bloss Glaubensgenossen!) die Assiniilierung zu ermöglichen. Der moderne Antisemitismus r^rgisst immer, dass nur 50 (!) Jahre seit dieser Zeit verflossen seien. (Dombrowski glaubt also.. Moses Mendelssohn habe erst in der Mitte des 19.Jahrhunderts gelebt!) Selbstverständlich habe das Judenthum in dieser kurzen Zeit (?) nicht alle seine Fehler abstreifen können. Wir sind auch heute noch nicht ein Bestandtheil der deutschen Nation geworden! (Zuruf: Na also! Heiterkeit und Beifall.) Behandelt man aber auf der anderen Seite unsere Fehler., die wir abzustreifen wünschen, mit einer gewissen Nachsicht? Oder wünscht man dort überhaupt nicht, dass wir uns assimilieren? (Zurufe: Nein! ) Nun, trotzdem werden wir uns bemühen, immer mehr zu Deutschen zu werden und unser Judenthum abzustreifen. Dann werden nicht mehr die Makkabäer, sondern die Uohenzollern unsere Nationalhelden sein, dann werden nicht mehr Jesaias und David, sondern Goethe und Schiller unsere Dichterheroen sein. Und deshalb geben die jüdischenCommilitonen hier die Erklärung ab, dass sie mit Freuden bereit sind, ihr Judenthum zu Gunsten des deutschnationalen Gedankens und im Vertrauen auf das Entgegenkommen der arischen Commilitonen aufzugeben/' Es ist* im höchsten Grade für das Ansehen der jüdischen Studentenschaft bedauerlich, dass niemand gegen die unerhört dreiste Anmassung des Herrn Dombrowski, sich als Vertreter der jüdischen Commilitonen auszugeben, auf das schärfste protestierte. Sehr bedauerlich ist es auch, dass kein zionistischer Redner hingesandt worden ist, trotzdem schon vorher als besonderer Clou des Congresses die Judenfrage angegeben wurde, umso mehr, als in der Debatte Ansichten über den Zionismus geäussert wurden, die eine vollkommene Unkenntnis der zionistischen Ziele zutage legten. Aufs bitterste hau sich wieder einmal der Mangel einer straffen, alle zionistischen akademischen Bürger umfassenden Organisation gerächt. Hoffen wir, dass möglichst bald Schritte unternommen werden, um die für die zionistische Agitation so nothwendige Organisation ins Leben zu rufen! Leipzig. Zelotes* Welche Namen sollen wir unseren Kindern geben? Von Gustav Seidemarin (Prijedor, Bosnien), „Die Nachricht von der glücklichen Geburt Deines Kindes hat uns sehr gefreut. Wir wünschen Dir aus aufrichtigem Herzen viel Glück. Möge das Kind gedeihen', glücklieh werden und Glück bringen. Unser Bedenken sprechen wir aus., dass Du Deinem Kinde einen hebräischen Namen gegeben hast, dass Du ihn gewissennassen fürs ganze Leben stigmatisierst..." In diesem Sinne ungefähr sind die meisten Glückwunschschreiben gehalten, die ich erfreulicherweise wiederholt bekomme. Mein Standpunkt in dieser Sache nach reiflicher Ueberlegung ist folgender: Abgesehen davon, dass es eigentlich selbstverständlich ist, wenn ein bewusster Jude, der seine Kinder nicht zur Taufe vorbereiten, sondern zu aufrechten, treuen Söhnen seines Volkes erziehen will, ihnen keine fremdnationalen Namen gibt, sprechen für die Wahl jüdischer Namen insbesondere auch Nützlichkeits-Erwägungen. Wenn ich bei meinem eigenen Falle bleibe, so stellt sich die Sache folgendernmssen dar: Ich bin geboren in einer czechisehen Stadt aufgewachsen in einer rein deutschen Gegend und lebe gegenwärtig in Bosnien. Ich theile also das Los wohl der meisten Juden. Welche Namen sind wohl unter diesen Umständen für das Fortkommen meiner Kinder am zweckmäßigsten? Hierzulande leben Croaten, Serben* Türken. Welcher Nation sollte ich nun meine Kinder assimilieren., wenn ich etwa die Absicht hätte, derartiges zu thun? Was darf ich sein', um meine und meiner Kinder Existenz nicht zu untergraben? Hier in Bosnien ist jedenfalls das ethisch Richtige auch das Praktische und einzig Ungefährliche: Als Jude laufe ich hier nicht Gefahr, für eine der nationalen Parteien verfolgt und geprügelt zu werden. Für alle Juden, die nicht in einsprachigen Gegenden leben, ist es geradezu ein Gebot der Selbsterhaltung, dass sie in nationalen Fragen neutral bleiben, und logischerweise können sie mir dann als neutral angesehen werden, wenn sie sich als Juden erklären, den Besitz einer eigenen Nationalität documentieren, demnach einer anderen nicht angehören können. Aber auch diejenigen Juden, die in Gegenden mit homogener nationaler Bevölkerung wohnen, müssen mit der Möglichkeit, ja häufig mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, dass ihre Kinder in Länder gerathen, wo ein anderes Volk oder mehrere Nationalitäten leben; sie werden dann ewig als Fremde, unter Umständen als Feinde betrachtet weraen. Denn „der Name" —- war jüngst im Feuilleton eines deutschfortsehrittlichen Weltblattes zu lesen — „gibt zugleich auch die Vorstellung des Landes, woher er stammt, er malt den Hintergrund, er bestimmt das Milieu. Namen sind Farben, Namen sind Wegweiser." Und selbst wenn wir den günstigsten Fall setzen, dass nämlich ein jüdisches Geschlecht in einer einsprachigen Gegend erbgesessen ist und dort feste Wurzel gefasst hat, so wäre die Wahl anderer als jüdischer Namen auch für diese Juden nicht unbedenklich. Der Jude hat nun einmal Rasseeigenthümlichkeiten, die ein sofortiges Erkennen ermöglichen. Taufe und Assimilation haben noch keine krumme Nase gerade gestreckt. Und es braucht von dieser Stelle niern: erst hervorgehoben zu werden, dass die zeitweiligen Ausbrüche des Antisemitismus auch die völlig assimi-

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