Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Article
- Der Zionismus in Italien
- Date
- 1902-06-13
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24 „Die 2$c Welt** aeiie ö noch in der moralischen Verbannung, künftig auf dem geheiligten Boden des Glaubens Israels; heute Sclaven im Geiste und in unseren Empfindungen; in Zukunft freie Männer, welche stolz sind auf ihre Abstammung. — Nein, liebe Brüder, die Hoffnung Israels ist keine trügerische, Gott hat unsere Väter nicht umsonst aus Aegypten geführt, nicht vergebens waren unsere zweitausendjährigen Leiden." — So wirbt die sieghafte Kraft des Zionismus von selbst stets neue Anhänger. Die Lauterkeit der Bewegung und deren Nothwendigkeit muss erkannt werden und überall dahin dringen, wo Juden wohnen. Was Italien betrifft, so ist es das unvergängliche Verdienst eines edlen Mannes in Israel, den Zionismus in Italien begründet zu haben. Der vor sechs Monaten leider zu früh verstorbene Professor an der Universität in Modena, Carlo a Conigliani, hat, trotz seiner vielseitigen Berufspflichten als akademischer Lehrer, Staatsbeamter, Schriftsteller etc. mit der ganzen Kraft seiner grossen Seele sich der Verbreitung des Zionismus in Italien gewidmet. Er gründete die Monatsschrift „L'Idea Sionista", er schuf sich einen tüchtigen Stab von Mitarbeitern, er hielt zionistische Versammlungen ab, da — inmitten seines segensreichen Schaffens, in der Blüte seiner Jahre, entführt ihn plötzlich ein rascher Tod!--Was er aber geschaffen, geht nicht verloren; seine Nachfolger arbeiten fort an dem Befreiungswerke, im Geiste ihres unvergesslichen Meisters. Was er Italien, was er seinem Volke gewesen, davon zeugt die allgemeine Trauer um den Verstorbenen in ganz Italien. Die Zionisten haben sein Andenken in zahlreichen Trauerkundgebungen geehrt und vor kurzem eine Todtenfeier in Ancona veranstaltet, bei welcher einer der geistvollsten und genialsten Vorkämpfer des Zionismus in Italien, der Advocat Roberto As coli, eine ergreifende Gedächtnisrede hielt, in welcher er die unsterblichen Verdienste des Heim gegangenem um den Zionismus hervorhob und dieselben durch folgende Schlussworte charakterisierte: „Ich habe irgendwo gelesen, dass sich im Libanon alte arabische Vermächtnisse vorfinden, iii welchen der Verblichene seine guten Thaten verpflichtet, dereinst an sein Grab zu kommen, um ihm, wenn der Traum seines Lebens in Erfüllung gegangen ist, davon Kunde zu bringen. Ich weiss wohl, wie die Botschaft lauten müsste, welche die Asche unseres tief beweinten Freundes vor Freude erbeben machen würde, könnte man sie ihm ins Grab flüstern! Wenn man ihm dereinst verkünden könnte, alle seine Stammesgenossen haben ihre ganze Willenskraft zusammengenommen, die Flamme der Begeisterung zu nähren, fest im Glauben an ihre Bestimmung auszuharren; wenn man ihm verkünden könnte, das jüdische Proletariat habe nach den unsäglichen Leiden den Frieden gefunden auf dem geheiligten Boden, der dem Herrn so, theuer. ist, und dass alle Juden, welche über der ganzen Erde zerstreut sind, sich würdig zeigen der göttlichen Sendung; wenn man ihm diese Botschaft, bringen könnte, dann wäre Carlo Coniglianis grosse Seele getröstet.", Florenz, Anfang Juni 1902. Tobias Markus. Ist das jüdische Volk degeneriert? Von Dr. Max Jungmann. Dass clie Judenheit degeneriere, wird nicht nur von Assimilanten zur Bekräftigung ihres Standpunktes angeführt, sondern seltsamerweise auch von vielen. Zionisten geglaubt. Einen Zustand von so vernichtender Tragweite sollte man. jedoch nicht anerkennen, ohne erschöpfende Belege dafür zu besitzen. Man klammert sich allerdings an den Trost, dass die Entartung nur unter den Bedingungen, unter denen die Juden bisher lebten, vorschreiten und schliesslich zur Auflösung führen müsse, dass aber ein Process der Regeneration dann einsetzen werde, wenn die zionistische Idee zur That wird. Durch gelehrte medicinische Deductionen versuclit man darzuthun, dass die Neurasthenie, der Diabetes mellitus (Zuckerharnruhr) — vielleicht auch die Hämorrhoiden? — NationalkranRheiten der Juden sind und construiert die Lehre von der Degeneration. Um aber einen derartigen Schluss ziehen zu dürfen, müsste man wenigstens den Beweis erbringen, dass die Ausdehnung dieser Gehrechen bei uns von einer Generation zur anderen zunimmt und dass die Zunahme hier einen relativ grösseren Percentsatz darstellt, als bei Nichtjuden. Eine in diesem Sinne abgefasste stichhaltige Sta'tistik existiert aber noch nicht. — Ein anderes, wichtigem Moment in der Beurtheilung der Degeneration einer Kasse, nämlich die zunehmende Unfruchtbarkeit, dürfte ebenfalls, was die Juden anbelangt, die Prüfung nicht bestehen. Wir wollen wünschen, dass es der Statistik nicht gelingen möge, unsere Hoffnungen zu zerstören; denn ein Entartungsvovgang, dessen Ursprung hinter achtzehn Jahrhunderten zu suchen wäre, müsste bereits so festgewurzelt sein, dass man an eine Rettung nicht mehr glauben könnte. Die angeblich vorhandene Disposition der Juden für gewisse Krankheiten, . hesonders die des Nervensystems, wäre schreckenerregend, wenn man sie auf das Conto der nationalen Entartung zu schreiben hätte. Aber für so pessimistische TJeberzeugungen fehlt bisher jegliche Begründung, man dürfte vielmehr der Wahrheit näher kommen, wenn man jene pathologischen Erscheinungen gewissermassen als Gewerbekrankiheiten, als Folgen ujnzweckrnässiger Lebensweise bezeichnete. Die grosse Masse der Judenheit ist nicht „nervös", es sei denn, dass man lebhaftes Temperament der Nervosität gleichsetzt. Üagegcn wird man der Krankheit bei den Juden der grösseren. Städte auf Grund ihrer Erwerbsart verhältnismässig häufig begegnen, und dann vor allem bei solchen Personen, die unter un günstigen, socialen Verhältnissen geistige Arbeite verrichten. Es handelt sich dabei lediglich um individusde Üntartung, nicht um den Verfall der ganzen Nation. . Einen sehr interessanten und lehrreichen Beitrag zur Kenntnis dieser Frage findet man in Gobineaus Rassenphilosophie.*) Wenn man die Auffassung dieses Philosophen billigt, so ist das Judenthum unter den modernen Culturnationen die einzige, die nicht entartet ist. Er nämlich nennt nur dasjenige Volk entartet, „in dessen Adern infolge mannigfacher Mischungen und Kreuzungen nicht mehr das Blut seiner Vater fliesst". Fast alle Völker des Alterthums sind auf der Höhe ihrer Civilisation diesem tödtliclien Process zum Opfer gefallen, und die meisten Nationen Europas gehen nach Gobineau dem gleichen Schicksale entgegen. Der Verfall des Römerthums setzte gerade da ein, wo die Civilisation des Volkes auf einem hervorragenden Stadium angelangt war, d. h. als es im höchsten Grade tolerant wurde gegenüber der Mischung mit fremdem Blute. In derselben Weise endete das Ferserreich nebst vielen anderen Culturvölkem der Vorzeit, während die trotz ihrer Civilisation ungemischt gebliebenen Cfiinesen, Juden ete, bis auf den heutigen Tag weiterleben* Der Reinheit seines Blutes verdankt also das Judenthum die dauernde, zähe Existenz. Wie unser Volk, so würde auch kein anderes in sich selbst absterben, „wenn die ursprünglichen Elemente seiner nationalen Kraft stets unverändert, von Mischung unberührt blieben". Und was versteht man unter diesen „ursprünglichen Elementen"? Das ist der speeifisehe Geist, das sind alle die seelischen Triebe und Eigenschaften, deren Träger das Blut ist. Von dem Charakter dieses Blutes, von den angeborenen und unverändert vererbten Fähigkeiten allein ist auch clie culturelle Thätigkeit eines Volkes abhängig, nicht etwa von der geographischen Lage seiner Seholle. An der Hand überzeugender Thatsacheh führt Gobineau den Beweis, dass verschiedene Nationen unter den gleichen örtlichen Verhältnissen doch eine verschiedene, *) Gobineaus Rassenphilosophie. Dargestellt von Dr. Paul Kleinecke. ,