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Die Welt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Article
Der Bankerott der Assimilations-Bestrebungen in Russland
Date
1902-06-13
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 24 Zeichnung erreicht haben. Bei Juden dieser Kategorie kann doch von ökonomischer Schädlichkeit und anderen üblichen Schlag-' "Worten keine Rede sein, weil sie all dem fern stehen; wenn sie dennoch als Aussätzige behandelt werden,- so muss der Grund hierfür anderswo zu suchen sein. Wo? Darauf gibt uns der verstorbene Senator Baranow eine vielsagende ^Antwort. Senator Baranow war zur Zeit der Jiutenkrawalle in Russland Gouverneur von Nischnei-Nowgorod. Diese berühmte Messestadt an der Wolga war bekanntlich anfangs Juni 1883 der Schauplatz ernster Demonstrationen gegen die dort in äusserst spärlicher Anzahl lebenden Juden. Viele Juden, darunter auch Weiber und Kinder, wurden bestialisch ermordet, die Wohnungen der Juden demoliert und verwüstet, das Hab und Gut geplündert und geraubt. Die Anführer der anti-jüdischen Bewegung waren bekanntlich intelligente Personen, die mit den Juden niemals im Verkehre standen, von Rache oder Hass gegen die Juden konnte also bei ihnen keine Rede sein. In seinem erst unlängst publicieiten „Rapporte"'4 an den Minister des Innern vom 11. Juni machte Senator Baranow, wohlgemerkt, kein Judenfeind, den Versuch, die Ursachen der anti-jüdischen Bewegung zu beleuchten. Und in diesem Rapporte schrieb Baranow wörtlich: „Im Volke herrscht die Üeberzeugung, dass die schwersten Verbrechen, wenn sie nur gegen Juden begangen werden; völlig straflos sind. Weder begründeter Hass noch religiöser Fanatismus waren an den Unruhen schuld, sondern die allgemeine Üeberzeugung von der Straflosigkeit der gegen die Juden begangenen Verbrechen/*' Der kluge und aufrichtige Baranow hat in knappen Worten die Quelle aller Uebel im Leben der Juden in Russland erschlossen, zugleich aber auch den Assimilanten gezeigt, dass ihre Bestrebungen nie und niemals in einem Lande festen Boden fassen würden, wo der Jude, als Menseli verachtet und missachtet in den Augen aller als Wild gilt, für das es keine Schonzeit gibt. Und wie tief die Missachtung des Juden als Mensch wurzelt, das mochten die russischen Assimilanten aus den in Petersburg unlängst publicierten Denkwürdigkeiten des (russisch-jüdischen Bildhauers Günzburg erfahren haben. Was Günzburg über die von ihm als Jude gemachten Erfahrungen erzählt, ist erschütternd. In der Schule zu Petersburg wurde er verhöhnt, verspottet und verlacht; die christlichen Mitschüler pflegten ihn an die Mauer zu drücken und ihm ein Kreuz vorzuhalten mit der Forderung, es zu küssen. Sogar in den Strassen von Petersburg riefen ihm Knaben und Jünglinge das verächtliche „Zid" zu und gaben ihm keine Ruhe____ Die Assimilanten in ihrer Lakaienhaftigkeit wollten den wahren Sinn dieser Erscheinungen nicht begreifen. Sie, die für ein Linsengericht ihre menschliche Würde und das Glück ihrer Brüder stets zu verkaufen bereit waren, betrachteten die täglichen Beleidigungen und Demüthigungen als eine vorübergehende Erscheinung, als eine Laune dieses oder jenes Machthabers... Die heranwachsende jüdische Generation aber hat die Lage der Dinge richtig erfasst und den Assimilanten, ihren Vätern, den Krieg erklärt. Sie will die Rolle von Lakaien nicht mehr spielen, sie will die Bedientenuniform nicht mehr tragen, sie will frei sein. Die Assimilanten räumen der neuen Bewegung den Weg, denn diese Bewegung verkörpert in sich das Edelste, was schon unter vielen Völkern Wunder bewirkt hatte: nationale Wiedergeburt und Selbstachtung. Rachel, die Heldin der Prusehanskij'sehen Erzählung, ist die Wortführerin dieser Bewegung, um welche sich die neue jüdische Generation in Russland schart. „Menschen, weiche zur Verteidigung ihrer menschlichen Würde nichts unternehmen und ruhig zusehen, wie man ihnen ins Anlitz spuckt, verdienen den Namen Mensch nicht, wohl aber verdienen sie, dass man ihnen ins Gesicht spucke." Das ruft Rachel der lauschenden Menge zu. Aber die neuen Menschen wollen die Lage der schrecklichen Erniedrigung abschütteln, welche die Assimilanten sich bis jetzt gefallen Hessen. Sie wollen die Stätten ihrer tiefen Demüthigung für immer verlassen, um sieh frir ihre geistigen Schätze ein neues Centrum zu schaffen. Der Weg ist bereits vorgezeiehnet. Wohin? Rachel, die lebende Gestalt unter den neuen Juden in Russland, hat dieses Centrum ungescheut bei seinem richtigen Namen genannt. Auf den Trümmern der Assimilations-Bestrebungen in Russland erhebt sich nun ein neues Gebäude, das den müden jüdischen Wanderer heranwinkt : dieses Gebäude ist der Zionismus mit seiner vielverheissenden Zukunft. Nur unter der Fahne des Zionismus werden die Juden anfangen, Menschen zu sein, nur dann werden sie die Achtung aller, auch ihre Selbstachtung wieder erobern. Gt. Der Zionismus in Italien. In einem Lande, wo die Jaden in derart günstigen Verhältnissen leben, dass sie von antisemitischen Verfolgungen fast nichts wissen; in einem Lande, in welchem die Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ihre Fähigkeiten fast unbehindert bethätigen können; in einem Lande endlich, wo erst in jüngster Zeit ein Jude zum Kriegsminister ernannt wurde, da könne es — man sollte meinen — für die zionistische Bewegung keinen gedeihlichen Boden geben. Mit umso freudigerer Genugthuung muss daher die Thatsache erfüllen, dass man auch in Italien an manchen Orten einer richtigen Erfassung des zionistischen Gedankens, sowie einer ernsten Bethätigung desselben begegnet. Dermalen existieren zionistische Vereinigungen in Ferrara, Modena, Mailand, Ancona und Neapel, deren publizistisches Organ, die in Modena herausgegebene, trefflich geleitete Monatsschrift „Lldea Sionista" über alle Vorkommnisse der Bewegung ihre Leser auf dem Laufenden erhält. Die sachlichen und sehr gediegenen Aufsätze in derselben zeigen, mit welcher Freudigkeit die Propagatoren .an der Lösung der sich selbst gestellten Aufgaben arbeiten, sowie dass der Zionismus in Italien Wurzel gefasst hat und sich nach und nach im ganzen Lande ausbreitet Zu dieser Auffassung berechtigt der Umschwung, welcher hier in Florenz wahrzunehmen ist. Der sehr gelehrte und hier hochgeschätzte Rabbiner-Maggiore der hiesigen grossen sephardischen Synagoge Dr. S. H. Marguli es, welcher bisher dem Zionismus kühl und misstrauisch gegenübergestanden, hielt am ersten Pessachtage in dem dichtgefüllten Gotteshause eine vom zionistischen Geiste erfüllte Predigt, welche er ,,Die Hoffnung Israels" — „La Speranza d'Israele" — betitelt. Von den Bedrückungen unserer Vorfahren durch die Pharaonen ausgehend, kommt der vortreffliche Kanzelredner auf die grausamen Verfolgungen, welche neun Zehntel unserer Stammesgenossen noch heute, zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, in den meisten Ländern der Erde erdulden müssen, zu sprechen; wie eine falsche Civilisation tausend Ausflüchte und Winkelzüge findet, um sie ihrer Rechte zu berauben und wie heimatlose Sclaven zu behandeln; wie sie verachtet, gehetzt, gejagt, von Land zu Land zu wandern gezwungen sind, einen Fleck suchend, wo sie frei athmen, arbeiten und ihre Familien erhalten könnten. Er fordert dann die Gemeindeangehörigen auf, das Mitgefühl für ihre unglücklichen Brüder nicht zu verbergen, sich vielmehr mit ihnen solidarisch zu fühlen und ihnen zu helfen, damit ihre Hoffnung, in das Land ihrer Väter einzugehen, endlich in Erfüllung gehe, und fährt fort: „Obgleich wir so glücklich sind, ein Vaterland zu besitzen, das wir mit Begeisterung lieben können und für welches wir Gut und Blut zu opfern bereit sind, und obgleich wir uns alier Rechte in demselben erfreuen, sind wir dennoch moralisch unfrei, und ist es doch so, als ob wir in moralischem Sinne Sclaven im Exil wären; denn viele unter uns erschrecken, wenn sie vom Zionismus und vom Heiligen Lande sprechen hören, es könnte daran erinnern, dass auch sie Juden seien; als ob es eine Schmach wäre, von den Patriarchen, den Propheten, den ruhmvollen Märtyrern der Wahrheit abzustammen, als ob dies ein geringerer Vorzug wäre, als die Abstammung von irgend einem Raubritter des Mittelalters. Wahrlich, in diesem Sinne haben auch wir Grund zu beten: riwb ttsn Knien -» nian natob "nw *rwn «man n*an Heute

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