Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 24 (13.6.1902)
- Article
- [Nachricht] / Herzl, Theodor
- Date
- 1902-06-13
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Gibt es auf der Welt ein Volk, das unsere Arbeit nicht ausgebeutet hat, gibt es auf der Erde einen Punkt, der nicht mit unserem Blute getränkt worden ist? Und was haben wir dafür? Wir wissen nicht, wohin wir unser müdes Haupt niederlegen sollen; überall werden wir davongejagt, alle verachten uns, wir werden gar nicht als Menschen betrachtet. Es ist Zeit, zur Vernunft zu kommen, die Sorge für andere aufzugeben. Bis jetzt haben die Juden auf allen Gebieten gearbeitet und diese Arbeit in die allgemeine Masse menschlicher Arbeit geworfen, jetzt aber beginnen wir, unsere Arbeit in einen besonderen Haufen zu legen. Palästina wird unser Centrum, unser Lagerplatz sein; wo wir unsere geistigen Schätze aufbewahren werden. Palästina wird jenes LicTit seio, das die ganze Welt beleuchten wird.... Die moderne jüdische Intelligenz hasse ich. Das ist die farbloseste Intelligenz der Welt, das jüdische Volk hat von ihr nichts. Eine Schande ist es, eine Intelligenz zu haben, welche dem Volke Fleisch und Blut entnimmt und nur trachtet, die Existenz dieses Volkes sobald als möglich zu vergessen." Diese herrlichen Worte, welche der frühzeitig verstorbene russische Erzähler Pruschanskij durch die Zionistin Rachel, die Heldin einer seiner dem unmittelbaren Leben entnommenen Novellen, an die Ässimilanten richtete, charakterisiert die Ideen am besten, welcHe gegenwärtig die heranwachsende jüdische Generation in Kussland beherrschen. In seinem berühmten Romane „Väter und Sohne" hatte Turgenjew den Ausbruch der nihilistischen Aeia in Russland verkündet; in seinen, streng realistischen Era&hlungen aus dem Leben der Juden in Russland hat nun Pruschanskij den Niedergang der Assimilations-Bestrebungen und den Sieg der zionistischen Idee unter den Juden in Russland sozusagen entdeckt und diese Erscheinung blutwarm dargestellt. Es verlohnt sich jedoch, diese lebenswahre Erscheinung in ihrer Entstehung und Entwickelung näher zu beleuchten und auf jene Faktoren hinzuweisen, welche den Bankerott der AssimilationsbestreLungen unter den Juden in Russland früher oder später herbeiführen müssten. Wir besitzen. noch unbekannte Actonstiieke von grosser Bedeutung, welche über die Stellung der Juden in Russland reines Licht verbreiten und deutlich beweisen, dass sogar in den Zeiten der sogenannten wohlwollenden Politik den Juden gegenüber die Assimilations-Bestrebungen der russischen Juden nirgends im Czarenreichc Anklang fanden, dass die Werbungen der russischen Juden um die Liebe ihrer christliehen Mitbürger bald in mehr oder weniger höflicher, bald in schroffer Form zurückgewiesen wurden. Die Ässimilanten glichen in dieser Beziehung den Affen: es gelang ihnen wohl, manche Sitten und Gebräuche der Nichtjuden getreulich nachzuahmen, gleichwertig mit den Nachgeahmten aber wurden sie niemals befunden. Als melkende Kuli wurde der russische Assimilations-Jude oft und gern gebraucht und ausgenützt, seinem Versuche aber, eine Annäherung herbeizuführen, wurde stets das „Wohin?" entgegengedonnert. Der bekannte Eisenbahnbau-Unternehmer Samuel Poljakow hatte sieh durch grosse Geldspenden für den Bau russischer Kirchen vom Ozar Alexander II. den Rang eines Staatsrathes erbettelt, war jedoch als Jude nirgends geduldet, geschweige denn geliebt. Das Wörtchen „Wohin?", Russisch „Ruda", stellte sich den Assimilations-Juden in Russland überall entgegen, und von Kaiserin Jelisaweta Petrowna angefangen, welche den Besehluss des Senates, Juden den Besuch der Jahrmärkte zu gestatten, mit den bekannten Worten: „Von den Feinden Christi will ich keinen Nutzen*'' zurückwies, bis auf den heutigen Tag war der Jude in Russland ein res nullis ... Und weder die ökonomische Isolierung noch die rechtliche Ausnahmestellung der Juden vermochten den Assimilationsgedanken so zu disereditieren, wie es die beständige Degradierung des Menschen im Juden getlian hat. Als die Adelsversammlungen in Russland vor geraumer Zeit den Besehluss gefasst hatten, die Aufnahme von Juden in den Adel zu verweigern, da erfuhren die sogenannten Ässimilanten, dass man sie um ihrer" selbst willen nicht will. Den Anspruch auf die Aufnahme in den Adel konnten nach dem bestandenen Gesetze nur Juden von akademischer Bildimg erheben, welche durch besondere Verdienste vor dem Vaterlande einen gewissen Rang oder aitia ppwissp Ana*.