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Die Welt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-06-06
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 25 „Die & Welt" Seite 15 sollen mich kennen lernen, Sie und die ganze jüdische Bagage von Loben stein. Ich werde Euch schon zeigen, wo ]hr hingehört. Paul zuckte die Schulter, warf die Pistole ins Gras und gieng zu Archibald Tulpenihal. dem er Gaston behutsam aufrichten half. Gegen ihre Erwartung vermochte der Verwundete ganz gut zu gehen, doch den Wagen zu besteigen war er nicht imstande, Mit Hilfe des Verwalters hoben sie ihn hinein, betteten ihn so bequem es eben gieng, Salomon Tulpenthal nahm neben ihm, der Verwalter gegenüber Platz, und nun fuhren sie langsam auf Loben stein zu. Paul blieb allein. Er hielt nach dem Arzte Umschau, der aber war mit seinem Collegen noch immer eifrig um den Grafen beschäftigt; so bestieg er den leerstehenden Wagen und fuhr, in der Erwartung, dass man dem Aizte in Ebersdorf einen Wagen zur Verfügung stellen werde, allein nachhause. Der Weg war kurz, und doch durchstürmten ihn, während er ihn zurücklegte, mehr Gedanken und Empfindungen, als sonst in Tagen. Jetzt hatte er den „schlagenden" Beweis erhalten, dass sein Volk von Andersgläubigen als ein verächtliches angesehen wird und dass er untrennbar zu diesem Volke gehörte. Im Atelier, in der Künstlerkneipe hatte er den Unterschied nicht bemerkt, doch draussen im Leben wurde er immer wieder daran erinnert, dass er nicht zur grossen Gemeinde gehöre, sondern zu dem gehöhnten Stamme. Einem Christen wäre sicherlich nicht begegnet, was er heute erfahren musste. Der hochgeborene Baren Wiesenberg hätte es sich zweimal überlegt, einen Mchtjuden ins Gesicht zu schlagen, auch wenn er ein Bürgerlicher gewesen wäre. Aber bei einem Juden machte man nicht viele Umstände; man prügelt ihn wie einen Knecht, und droht dann noch, ihn auszuräuchern wie einen Hamster. Und es gibt keinen Unterschied; man frägt nicht, ob der Jude ein guter Mensch sei oder ein schlechter; Jude bleibt Jude. Der Wucherer, der Betrüger, der in unredlicher. Weise Millionen erworben hat, wird mit dern selbstlosen Juden, der seiner Kunst, seinen Idealen lebt, der niemals einen Schritt von der Gerechtigkeit abwich, in einen Topf geworfen. Dann wundern sie sich, dass die Juden zusammenhalten. Wer trägt die Schuld? Wenn es an Beleidigung, an Verfolgung geht, dann kennt man keinen Unterschied; der anständige und der unanständige Jude theilen dasselbe Schicksal. So wird eben auch der ladellose Jude verbittert und duldet es, dass sich ihm der Wucherer und Blutsauger, den er bisher gemieden und gehasst hat, anschliesse. Sieht er doch darin, dass auch er selbst verfolgt wird, dass die Verfolgung nicht dem Wucherer und Blutsauger schlechthin, sondern den Juden im allgemeinen gilt, und da erwacht in jedem Juden das Gefühl der Zugehörigkeit zu seinem Stamme. Ja, dieses Gefühl erwacht endlich selbst im indolentesten Juden, wenn er ansonsten ein ehrlicher und charaktervoller Mensch ist, denn die Assimilation ist eine Chimäre, ein Hirngespinst. Es sind kaum einige Monate her. da trat er noch mit ganzer Seele für sie ein, er wollte den Unterschied zwischen Juden und Christen verwischt sehen, das alte Erbübel sollte ausgeti'gt werden, sie sollten sich verschmelzen für ewige Zeiten, die sich seit Jahrhunderten feindlich gegenüberstanden.' Es war ein Walmgebilde, denn die Assirnilierung wird nie erfolgen. Mit ruhiger Sicherheit auf seimem Wege fortschreitend, ob seines Judenthums niemals und von niemand angefeindet, sah er bereits die Zeit kommen, da die Religion zwischen Juden und Christen keine hemmende Schranke bilden werde, doch die Hoffnung war eitel, denn plötzlich kam es über ihn, als er es am wenigsten erwartete. Er wollte ein junges Mädchen in selbstlosester Weise von einer Leidenschaft heilen, und zum Danke nannte ihn ihr Vater einen lumpigen Juden, der nach reichen Gbristenmädchen angle; man verweigerte ihm, weil er Jude war, den Preis, der ihm für eine Schöpfung zugeurlheilt wurde, und der Baron Wiesenburg hiess ihn ein Judenjiingel und schlug ihm ins Antlitz, weil er nicht ruhig mitansehen wollte, wie man einen alten Mann prügelte. Und dieser alte Mann, dem ergieng es auch nicht besser. Die Aristokraten machten sich über ihn lustig, der Graf Brandt prellte ihn um sein Geld, brachte seine Tochter ins Unglück und wollte schliesslich seinen Sohn im Duell tödten. Wie soll da die Assimilation kommen? Sobald einer Jude ist, nimmt er eine verachtete Sonderstellung ein, und es wird nicht gefragt, ob dieser Jude ehrlich und treu sei oder ein Schurke wie der alte Tiüpenthal. Und da gibt es immer noch Juden, die an die Möglichkeit der Assimilation glauben! Und wenn sie schon einigen Tausenden gelänge, was wäre damit gewonnen? Gar nichts! Im günstigsten Falle wäre es der allerkleinste Theii der Juden eines Landes, der sich den Christen anschliessen düilte, alle übrigen Länder der Welt, die sieben oder acht Millionen, müssten doch dort bleiben, wo sie sind. Ja, da daran, dass die Millionen Juden Russlands jemals assimiliert werden könnten, gar nicht gedacht werden kann, ist jener Jude, der nach Assimilation strebt, überhaupt kein Jude, sondern ein verknöcherter Egoist, der bloss seine eigene Haut, seine eigene Bequemlichkeit im Auge hat, ein Mensch, der sich um seinen Stamm nicht kümmert,sich von ihm lossagt, denn für diesen Stamm selbst, für die Millionen armer und verfolgter Juden gibt es keine Assimilation, wird es nie eine geben. Sein Raisonnement erfüllte ihn mit Schmerz, der sich schliesslich in Wehnrath verwandelte. Vergeblich wähnte er lange Zeit, bloss Mensch zu sein, dem Judenthum ebenso fernezustehen wie dem Christenthum. Kein, er war Jude; heute war es ihm endgiltig klar, dass der tausendjährige Fluch auch auf seinen Schultern laste, und er wollte diese Last nicht mehr abschütteln, er wollte sie tragen wrie der arme Dorfgeher, wie der verhasste, verfolgte polnische Jude. Ein Band'war entstanden, das ihn mit seinem Stamme unlöslich verknüptte, und als er bei den ersten Häusern in Lobenstein zwei armen Juden begegnete, die mit ihren schweren Packen auf den Bücken keuchend einherzogen, da hätte er den Wagen verlassen und ihnen als guten Freunden, als Brüdern die Hände drücken mögen. Es war noch nicht Mittag, als er vor dem Hause seines Oheims anlangte. Beim Geräusche, welches das Herannahen des Wagens verursachte, war Clara auf die Gasse hinausgeeilt und gab ihm einen Brief. Er war von Mirjam. Obgleich er vor Neugierde brannte, las er ihn doch nicht sofort, sondern eilte in sein Zimmer. Er sperrte die Thüre hinter sich ab, und nun begann er zu lesen. Schon nach den ersten Worten presste er den Brief an seine Lippen, denn Mirjam hiess ihn ihren geliebten Gatten. Es wurde ihm warm ums Herz, so wann, dass er aller Unbill vergass, niemand grollte und die ganze Welt in rosigem Lichte sah. Mirjam schrieb, ihr Vater sei heute viel milder gestimmt. Gestern sei er so aufgeregt gewesen, dass er schliesslich in Thränen ausbrach, und das habe sie derart erschüttert, dass sie sich krank zu Bette legen musste. Heute morgens aber sei er freundlich an sie herangetreten und habe sie gefragt, wen sie leichter zu missen vermöchte, den Vater oder den heimlich angetrauten Gatten? Und als sie erwidert hatte, sie wäre zeitlebens unglücklich, wenn sie gleichviel welchen von beiden verlieren müsste, da habe er ihr lange in das Antlitz geblickt und sei dann schweigend in sein Zimmer gegangen. Nach einer halben Stunde s-ei er wiedergekommen, habe beide Hände an ihre Wangen gelegt, ihr eine Weile prüfend in die Augen geschaut und sie auf die Stirne geküsst. Gesprochen habe er noch immer nicht, aber nun wisse sie bereits, dass sich die Uniwandlung in ihm vollziehe, und vielleicht gibt er ihnen bereits in wenigen Tagen seinen Segen. Paul möge getreulich ausharren, so wie sie ausharre, und das heissersehnte Glück werde ihnen zutheil werden. (Fortsetzung folgt.) Personalnachrichten. Unser Gesinnungsgenosse med. Sabat A s e h e r o f f aus Bulgarien promoviert am 10. Juni zum Doctor der gesammten Heilkunde. — Unser GesinnungsgenosseDr. Gustav Aränyi aus Ungarn ordiniert in Karlsbad im Hause „Böhmische Krone" nächst dem Mühlbrunn. Briefkasten. S. 6. Bieiitz. Dr. Loewe Berlin, N. VV. Marienstrasse 18. Sz. Zs. in Pressburg. Wir wissen nicht, was Sie unter zionistische Aufführungen von Theaterstücken'' verstehen. Wollen Sie gefällig Ihre Frage präcisieren. Spenden. Für den jüdischen Nationalfonds: Verein „Neifess Zion", Gebrüder Marmorek in Odessa über Beschluss sämmtlicher Mitglieder in der Generalversammlung vom 26. Nisan des V. Congressjahres lüü Rubel zum Andenken an den seligen Dr. Josef, Sohn des Alexander Marmorek in Wien Kr. 252.—, J. Grosskopf, Zloczow, anstatt Telegramm zur Hochzeit des Adjuncten J. Mestel mit Frl. B. Haas, Zborow 1.—, Sammlung Richard Bauer. Wien 4.97, Paul Diamant, Wien 1.—, Sammlung Lewi Luft und Hirsch Nagelberg, Jarczowce auf Hochzeit Frl. Markus mit Josef Luft in Zborow: Brautpaar Josef und Bertha Luft

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