Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Article
- Russische Auswanderung [Nachricht]
- Date
- 1902-06-06
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315983--32664-3321858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 J>ie s£ Welt* Nr. 23 Russlands sich befinden. Die Concurrenz nimmt in allen Zweigen des Handels stetig zu, und die Angebote übersteigen überall die Nachfrage bei weitem. Die schwere Arbeit der Handwerker wird wahrhaft erbärmlich bezahlt. Und zu alledem kommt der Mangel an Capital und Credit bei den Kaufleuten und Handwerkern. Soll in jüdischen Volksschulen das Hebräische unterrichtet werden? Diese Frage hat die Odessaer Section des „V ereines zur Verbreitung von Aufklärung unter den Juden Russland s" neulich verneint. Hundertfünfzig Mitglieder des Vereines hatten sich an den Ausschuss mit der schriftlichen Bitte gewandt, die hebräische Sprache möge in den Schulen des Vereines unter die Unterrichtsgegenstände aufgenommen werden. Dieser Tage wurde nun die Zuschrift dahin beantwortet, der Ausschuss halte den Unterricht im Hebräischen für überflüssig, da Volksschulen nicht dazu da seien, ihren Schülern philogischeKenntnisse(Ü) beizubringen.— Man sieht, es gibt auch noch in Russland ausgewachsene Prachtexemplare der Assimilation. Emil Zola. Wie wir von einer dem Dichter nahestehenden Seite erfahren, ist die Nachricht, dass Emil Zola in Jerusalem weilt und an einem Judenroman arbeitet, irrthümlich. Damit entfallen alle an die Mittheilung geknüpften Combinationen. Der Schweizer Zionistenverband versendet an die Schweizer Juden Circulare, in denen er zur Beitragßleistung für den Nationalfonds auffordert, nachdem er Zweck und Einrichtung desselben auseinandergesetzt hat. Antisemitismus in England. Der Antisemitismus ist in England im steten Zunehmen begriffen. Eine Londoner Zeitung gestattete einem ihrer Correspondenten die Behauptung, dass die continentale Ritualmord-Beschuldigung bona fide sei. Es ist erstaunlich und unerhört, aber ein zum Nachdenken sehr anregendes Zeichen der Zeit, dass eine englische Zeitung so was schreiben kann. Welt^bpooik. „Auf den Ruinen". In der jüngsten Nummer der vom Verlag „Achiasaf" in Warschau herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude" ist unter diesem Titel ein Artikel aus der russischen Tageszeitung „Biszowija Wjedomosti" abgedruckt, der an die Feuersbrunst in Bobruisk anknüpft und das Leben und Leiden unserer Brüder in den russischen Kleinstädten in ergreifender Weise schildert. „Bobruisk" — sagt der Artikelschreiber — „ist ein Typus für ungezählte andere Ghettostädte Lithauens. Zwei, drei Kirchen und Staatsämter, zahlreiche Synagogen und jüdische Bethäuser, hunderte von Kramläden und Warenlagern. Unwillkürlich fragt man sich : „Wozu sollen die vielen kleinen Geschäfte? Wer kauft in ihnen ein und wer braucht alles das, was hier feilgehalten wird?" „Eine Armeleutstadt", so nennt man Bobruisk. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht gibt es sinnverwirrenden Lärm, betäubendes Hasten und Drängen. Alles eilt vielgeschäftig umher, man rauft sich mit seinem Nebenmenschen um jede Kopeke, man ersinnt die aben"" teuerlichsten Erwerbsarten, erniedrigt seine Menschenwürde, heuchelt, schwört, flucht — um eines Verdienstes von 50 Kopeken willen, um ein Stückchen trockenes Brot für sich und seine Kinder. Für eine halbe Kopeke bekommt man hier Salz, für eine ganze Kopeke Petroleum. Dann begleitet man einen solchen Kunden unterwürfig bis zur Thür und dankt ihm für seine „Förderung des Handels" ... Zehn Kramläden geben sich Mühe, einander einen solchen Käufer „abzuringen". Geht man durch die engen Gassen, so erbieten sich die Fuhrwerksbesitzer der Reihe nach, den „gnädigen Herrn* für fünf Kopeken von einem Stadtende zum anderen spazieren zu fahren. Kleider, Stiefel verfertigt man hier — und zwar in recht guter Qualität — um ein Viertel oder ein Fünftel des Preises, der in grösseren Städten gezahlt wird. Für einen unglaublichen Spottpreis kann man hier eine gutgehende silberne Uhr kaufen und erhält noch einen kleinen Wertgegenstand als „Zulage". Die menschliche Arbeit — schwere, schweiss- und blutgetränkte Frohnarbeit — ist hier infolge des grossen Wettkampfes so wohlfeil, dass ein Handwerker, der vier Rubel wöchentlich verdient als wohlhabend angesehen und glücklich gepriesen wird. Frauenarbeit wird hier mit 8—10 Kopeken täglich bewertet. Selbst der Arzt begnügt sich mit 620 Kopeken als Honorar für einen Krankenbesuch. „Man muss handelnd ist hier die allgemeine Losung. Sonst kann man sich ruhig niederlegen und sterben. Und man handelt erbittert darauf los, ringt grausam mit der grenzenlosen? unbarmherzigen Noth, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Man würgt einander, fällt und reisst andere mit sich — und so geht's durch das ganze Leben ohne einen Schimmer von Hoffnung, dass es einmal besser würde . . . Und nun ist all das ein Raub des flammenden Ungeheuers geworden. Innerhalb einer Stunde waren zahllose Gassen und Gässchen mit hunderten von Häusern und allen Habseligkeiten, die darin von den Bewohnern durch jahrzehntelange Arbeit aufgehäuft worden waren, total eingeäschert. Die namenlose Mühsal von Jahrzehnten — in einem Augenblicke zunichte gemacht! Wie wahnsinnig rennen nun die meisten Leute in der kahlen Stadt ziel- und rathlos umher. Man sieht Frauen, die unter den Schutthaufen nach Resten ihrer Habe wühlen, die das Feuer möglicherweise verschont haben könnte. Seht ihr jenen Mann mit den eingefallenen Augen und dem abgehärmten, leiddurchfurchten Gesicht? Er geht stumm an euch vorüber, bittet euch um keine Gabe, aber ihr fühlt sein Elend in tiefstem Herzen. Ihr fühlt, dass nicht alles in ihm vernichtet ist . . . Er bringt es nicht über sich, euer Mitleid anzurufen . . . Die abgebrannten Einwohner von Bobruisk rufen nicht um Hilfe, ihr Unglück selbst bittet für sie. Seht ihr die Thränen der armen Kleinen, die zarten Kinderhändchen, die sich euch entgegenstrecken? Und seht ihr die unglücklichen, ohnmächtigen Eltern, die alles, alles, bis zum letzten Wäschestück verloren haben? . . So beschreibt ein Christ das Elend der jüdischen Abbrändler in Bobruisk. M. Z. Verlegung des jüdischen Sabbaths. Die Frage der Verlegung des jüdischen Sabbath von Samstag auf Sonntag war Gegenstand einer Rabbiner-Conferenz, welche am 7. und 8. d. M. in New-Orleans in den Vereinigten Staaten von Nordamerika statthatte. Grosse Reden wurden gehalten und die Geister ereiferten sich pro und contra. Doch wurde kein Besehluss gefasst, sondern der Antrag einer Commission überwiesen, welche der im Jahre 1903 stattfindenden Rabbiner - Conferenz ein Referat unterbreiten soll. Gleichzeitig aber, da dies im Süden der grossen Union vor sich geht, melden die Zeitungen, dass die Reform - Congregation in St. Louis im Norden beschlossen hat, den Sonntags-Gottesdienste aufzulassen und zum Samstags-Gottesdienste zurückzukehren. Colonel Goldsmld in Argentinien. Der bekannte englische Colonel G o l d s m i d, welcher seinerzeit vom Baron Hirsch die Mission übernommen hatte, die jüdischen Colonien in Argentinien zu leiten, weilt gegenwärtig in Buenos-Aires. Sein Besuch soll mit Privatangelegenheiten zusammenhängen, und ist es nicht sicher, ob der Oberst die H i r s c h'sehen Colonien besuchen wird, da er noch zur Königskrönung wieder in England sein will. Ein Project zur Verkeilung der Juden in England. Die auf Anregung des Sir Samuel Montagu einberufene Conferenz der englischen Synagogengemeinden hat am 11. Mai in London stattgefunden. Anwesend waren 150 Delegierte, welche zusammen 31 Provinzialgemeinden und fastsämmtliche Synagogen Londons vertraten. Auf Antrag der Ver-