Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Article
Der Grossrabbiner von Frankreich über den Zionismus
Date
1902-06-06
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315983-3321716--32644-3321856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 m® <rw«itp Nr. 23 Nachdem Se, Ehrwürden den Vorsitz übernommen hatte, ergriff das Wort Herr Jacobsohn, welcher den Curs über jüdische Geschichte gehalten hatte. Er legte die Entstehung und den Zweck der Volks-Hochschule dar. Es gibt in Paris gegen 40.000 jüdische Proletarier, welche von den besser situierten Stammesgenossen, insbesondere den französischen, ganz vernachlässigt werden. Sich diesen armen Brüdern zu nähern, ist der Zweck der Volks-Hochschule, und dass es ein richtiger Weg ist, der hierbei eingeschlagen worden ist, habe schon das erste Semester gelehrt Indem wir unseren Zuhörern die Sprache, die Sitten und Gesetze des Landes, in dem sie nun leben, erklären und beizubringen suchen, stärken wir sie in ihrem schweren Kampfe um die Existenz. Durch den Unterricht im Hebräischen und in der Geschichte heben wir sie moralisch, stärken wir sie, indem wir ihnen zeigen, dass sie sich ihres Volkes und ihrer Vorfahren nicht zu schämen brauchen. Die Herren Schlouchz und Schapira hielten, darauf elegante hebräische Ansprachen unter dem stürmischen Beifall des begeisterten Auditoriums. Dr. Alexander Marmorek, der unermüdliche Präsident der französischen Federation und der treue Freund der jüdischen Volks- Hochschule, hielt das Schlusswort. Er'sagte beiläufig Folgendes : Sehen Sie sich das Bild an, das diese Versammlung Ihnen bietet; Sie finden die verschiedensten Elemente der jüdischen Bevölkerung von Paris friedlich und brüderlich vereint: den jüdischen Studenten, den Kaufmann und Kleinbürger, den Handwerker und Hilfsarbeiter. Bis vor kurzem lebte jeder in seinem Kreise; misstrauischgemacht durch die schweren Kämpfe, die jeder von ihnen durchzumachen hatte, sah er in seinem Nachbar einen Feind ... Heute haben sich alle diese Einzelnen zu einer grossen Gesammtheit zusammengeschlossen, bereit, sich gegenseitig beizustehen, Freud und Leid miteinander zu theilen, ja mit Leib und Seele für ein gemeinsames Ideal einzustehen : für den Zionismus. Der Zionismus ist es, der dieses und noch so manche andere Wunderthaten vollbracht hat: Er schart unser ganzes Volk, das so mannigfaltig gegliedert ist, wie jedes andere Volk, um eine Fahne. Er ist im Begriffe, die Einheit unseres Volkes, diese seit 2000 Jahren so schwer vermisste Einheit, wiederherzustellen. — Mit diesen schönen Worten, welche einen lebhaften Wiederhall in allen Herzen fanden, endete der olficielle Theil der gelungenen Schlussversammlung des ersten Jahres der Volks-Hochschule von Paris. Professor Armin Vämbery Uber den Zionismus. Der berühmte Orientalist hat an Herrn Julius Gabel, verantwortlichen Redacteur der „Ungarischen Wochenschrift/, („Független Magyar Hetilap") in Budapest ein Schreiben in ungarischer Sprache gerichtet, das in deutscher Uebersetzung etwa lautet: „In Erwiderung Ihres an mich gerichteten Brief ergreife ich mit aufrichtiger Freude die Gelegenheit, ihr ehrenwertes Streben in vollem Masse zu billigen. Der Zionismus hat sich darin ein edles, menschenfreundliches Ziel gesetzt, dass er verfolgten, unterdrückten, aller Rechte beraubten Juden helfen will. Diese Weltbewegung verdient darum die wirksamste Unterstützung eines jeden guten Menschen, ohne Unterschied der Nationalität, Rasse oder Religion. Der Zionismus — dies ist meine unerschütterliche Ueberzeugung — widerspricht nicht nur nicht der patriotischen Auffassung, der nationalen Empfindung der Ungarn, sondern das Vorbild der magyarischen Ritterlichkeit ist es eben, das der ungarischen Judenheit zur entschiedenen Pflicht macht, die Sache ihrer Brüder zu unterstützen, ohne auf directen Nutzen für sich selbst zu rechnen, weil ja Ungarn zu jenen Ländern gehört, wo die Bürger jüdischer Confession sich der verhältnismässig grössten Freiheit erfreuen. Dies, geehrter Herr, ist meine Auffassung von der segensreichen Beschaffenheit des Zionismus. Ich begrüsse Sie als einen der emsigen und unermüdlichen Arbeiter an dieser grossartigen Bewegung und bin, Ihnen viel Glück, Ausdauer und Erfolg wünschend, Budapest, Tl. Mai 1902. Ihr Sie achtender Armin Vämbery. ^teibuiK. Palästinafahrt. Veranstaltet von der „Vereinigung zionistischer Hochschüler" in Wien* Aufruf! Das Streben nach Verwirklichung der Ideale unseres Volkes erheischt eine Weitung unserer Ausblicke. Die genaue Kenntnis des Landes unserer Erinnerung und unserer Sehnsucht ist in uns allen ein Stück Leben — ganz abgesehen davon, dass es nothwendig sein wird, Palästina durch Fachleute gründlich erforschen zu lassen. Indes werden sich sicherlich diesen grösseren Arbeiten, die nur eine Frage der Zeit sind, kleinere Zionsreisen anreihen oder dieselben vorbereiten. Die Ausrüstung einer solchen Reise hat sich das unterzeichnete Comite, das aus der Initiative der „Vereinigung zionistischer Hochschüler" hervorgegangen ist, zur Aufgabe gemacht und plant eine auf vier bis sechs Wochen berechnete Palästinafahrt, womöglich schon für die Sommerferien des Jahres 1903. Zwar hindert schon die Kürze der Reisezeit eine wissenschaftliche Arbeit irgendwelcher Art, aber immerhin kann diese Reise durch eine tüchtige und ernstwillige Theilnehmerschaft einen schönen Inhalt bekommen; sie kann eine anregende Studienreise werden in viel höherem als dem landläufigen Sinne — denn soviel auch über Palästina gesprochen und geschrieben wurde, wie lebendig und wahr, wie innig und gründlich werden wir da schauen, wo die Zukunft unseres Volkes erspriessen soll. Immerhin können wenig betretene Gegenden besucht, kann künftigen Studien eine ernste Anregung gegeben werden. Und den Theilnehmern wird Palästina ewig in Erinnerung bleiben, sie werden durch den innigen Verkehr mit unseren Pionnieren der Arbeit, den jüdischen Ackerbauern, ihre Hoffnungsfreudigkeit und ihren Arbeitsmuth stärken und ein Stück Palästina ihren Brüdern und Schwestern in die Heimat bringen. Der Aufruf richtet sich an diejenigen, die irgend eine Tüchtigkeit und Befähigung zu künftiger Arbeit in sich tragen, zunächst an Zionisten als an diejenigen, denen das Zukunftsland am meisten zu sagen hat, aber auch an alle jene Nichtzionisten, die sich zu einem lebendigen entwicklungskräftigen Judenthum bekennen, er richtet sich ferner zunächst an die Akademiker, als an die zum gründlichen Studium Palästinas berufenste Gruppe. Aber auch Theilnehmer anderen Standes sind uns herzlich willkommen. Das Maximum aller Reisekosten dürfte sich auf 4(30 Frcs. per Kopf belaufen; doch plant das Comite Unternehmungen, deren Ertrag einem gemeinsamen Reisefonds zuflLiessen und ärmeren Reisegenossen bedeutende Erleichterungen gewähren soll. Um einen Ueberblick über die Zahl der Reisenden, ihre Wünsche und Ansichten zu gewinnen und um darnach die Organisierung unseres Unternehmens durchführen zu können, fordern wir alle, die es mit der Palästinafahrt ernst meinen, auf, ihre Adressen, Wünsche und Anregungen bis 1. Juli d. J. an Dr. Egon Zweig, IX., Berggasse 8, IL St. Th. 11, bekannt zu geben, die zur Theilnahme Bereiten, eine Angabe von 10 Kr., 10 Mk., 10 Frcs., 10 Sh., 4 Rnb. beizuschliessen, die bestätigt, doch nur dann zurückgestellt wird, wenn die Fahrt gänzlich unterbleibt. Fernere Beiträge werden in noch näher zu präcisierender Weise das ganze Jahr hindurch ratenweise geleistet werden. Im Uebrigen wahrt sich das Comite das Recht der Zulasssung, respective Zurückweisung der Reisebereiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.