Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Article
- Zum Wochenfeste
- Date
- 1902-06-06
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315983-3321713--32633-3321851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrlpte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction täglich von 1/2i2~I/2l Uhr. i Preise der Anzeigen: au t aufliegendem Tarif. Oer Inseratentheil wird Dianstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. gspreise: Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli, — .85 Nr. 23. Wien, 6. Juni 1902. 6. Jahrgang Zum Wochenfeste. Das Fest der Erstlinge . . . Wie der zarte Duft von Garben umfängt uns kosend sein linder Hauch. Die Stimmung des Buches Ruth mit seinem schlichten Frieden steigt herauf. Wir befinden uns im Tempel zu Jerusalem, und die Priester bringen dem Herrn unter Dankgebeten zwei Brote von der neuen Weizensaat als Opfergabe dar. Vergangene Zeiten! Die goldglänzenden Gebinde der Halmfrucht, sie schmücken längst nicht mehr die verödeten Gefilde Judäas, verklungen ist der Wechselsang der Schnitter und das fröhliche Sensenklirren auf den Fluren von Beth-Lechem, aus der sanften Ruth-Idylle von ehedem ist eine graue Leidensgeschichte geworden, die Geschichte des ewigen Wanderers unter den Völkern. Die sieben Wochen, die einstmals wohl in freudiger Erwartung kommenden Erntesegens von der Reifezeit der Gerste bis zur Weizenmahd gezählt wurden, sie haben sich in Trauerwochen gewandelt, erfüllt mit den schmerzlichsten Erinnerungen unserer Geschichte. S e f i r a h ... Und doch hat das Wochenfest unter allen unseren Festzeiten den heitersten Anstrich. Es hat gewissermassen einen ländlichen Zug aus den Tagen der Vorzeit beibehalten. Blumengewinde und grüne Blattpflanzen an geweihter Stätte, Blumenschmuck und duftende Gräser in den Wohnhäusern — ähnlich mag wohl auch zu Boas' und Ruths Zeiten das Erntefest in Israel begangen worden sein. * Es ist bezeichnend für den nationalen Grundzug unserer Feste, dass gerade für Schabuoth, das die Tradition als den Jahrestag der Gesetzgebung, der göttlichen Offenbarung bezeichnet, keinerlei symbolische Weihehandlung vorgeschrieben ist, wie etwa für das Pessachfest der Pflichtgemuss ungesäuerter Brote und bitterer Kräuter oder für Sukkoth das Verweilen in der Laubhütte und die Weihe der „vier Früchte". Wohl weisen auch diese und andere sinnbildliche Handlungen unseres Ceremonials — leider gibt es keinen besseren Ersatz für dieses hässliche und unzutreffende Wort — auf bestimmte Ereignisse aus der Urgeschichte des jüdischen Volkes hin, sind also insofern nationalen Charakters, allein als feste Satzung, als normative Vorschrift sind sie eben religiös. Man könnte wohl auch verallgemeinernd sagen: Eine jede symbolische Handlung hat etwas Religiöses an sich. Hingegen gilt für das Wrochenfest bloss das Gebot der Enthaltung von Werkarbeit ohne jeden Zusatz einer religiösen Weihehandlung. Schabuoth ist also mehr Feierals Festtag, ein Ruhe- und Freudentag des Volkes nach den mühevollen Wochen der Erntearbeit — daher der Name. „ . . . Und bringe einander näher unsere Versprengten aus der Mitte der Völker, und unsere Zerstreuten sammle von den Enden der Erde und führe uns nach Z i o n, Deiner Stadt, in Jubel und nach Jerusalem, Deiner heiligen Stätte, in ewiger Freude ..." „Und führe zurück Israel zu seinen Wohnsitzen, dort wollen wir wallen, vor Dir erscheinen und uns vor Dir verbeugen im Hause, das Du erwählt ..." Wieder werden diese innigen Sehnsuchtsworte unseres Festgebetes in allen Synagogen ertönen — wo nicht der Rothstift unserer „vaterlandsliebenden" Assimiianten vermessen gewaltet hat, Thörichte Vermessenheit! Wenn es den Verbesserern und Verwässerern unserer Gebete darum geht, alle nationalen Erinnerungen und Hoffnungen auszusondern, dann sollten sie gleich durch das ganze Gebetbuch eiaen dicken Strich ziehen. Sonst ist ihre Arbeit erbärmliches, unzulängliches Flickwerk . .. M. Z.