Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Friedrichstadt (Gouvernement Kurland) [Nachricht]
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Die & Welt** Seite 13 Bibliothek als Förderer beigetreten. Die Bibliothek erfreut sich auch schon der lebhaftesten Frequenz von Lesern und Leserinnen. Archangelsk. Dank der Initiative des hiesigen Rabbiners hat sich hier unlängst, wie die „Buduschznostj" meldet, ein Zionisten-Verein gebildet, der von der gesammten jüdischen Bevölkerung der Stadt freudig begrüsst wurde. In den ersten Sitzungen des Vereines, welche äusserst zahlreich besucht waren, wurde einstimmig beschlossen, alle materiellen Opfer zu bringen, um die zionistische Bewegung zu fördern und die Bestrebungen des Zionismus zu unterstützen, Rumänien. Bukarest, 20. Mai. (Zionistische Versammlung.) Gestern Nachmittag fand im Jignitza-Saale eine zionistische Versammlung statt, an welcher mehr als 1000 Personen theilnahmen. Der erste Redner Herr Leon Grill sprach über die Bedeutung der zionistischen Bewegung, forderte die Juden auf, sich den zionistischen Vereinigungen anzuschliessen, und erstattete hierauf Bericht über die Arbeiten des zionistischen Congresses in Focsani. England. London. Die lange vorher schon angekündigte Versammlung des zionistischen Frauen verein es „B'noth Ziön Association" fand vorige Woche in Kings Hall, Commercial Road, statt. Die Versammlung war erdrückend voll. Mrs. Brill präsidierte, und Mr. Karl Lauer hielt einen mit grossem Beifalle aufgenommenen Vortrag über „Die Pflichten der jüdischen Frauen gegen die zionistische Bewegung". Leeds. Die „B'nei Zion Society" in unserer Stadt hat seit Beginn dieses Monats eine Radfahr-Section in ihrer Mitte. Mrs. P. H e a p s wurde zur Präsidentin (Captain), M. Myers zum Vice-Captain und R. Silmon zum Secretär gewählt. Am ersten Sonntag des Mai fand bereits der erste Ausflug nach Collingham statt. — Möge das Beispiel der Gründung zionistischer Sport-Vereine recht zahlreiche Nachahmung finden, da dieselben ausgezeichnete Sammelpunkte und Agitations-Centren bilden. (Die Red.) Coik. Die „Cork Chovevi Zion Association11 hielt am vergangenen Sonntag unter Vorsitz von Mr. J. S a y e r eine Versammlung ab, in der einstimmig beschlossen wurde, den Namen des Vereines ins goldene Buch des Nationai-Fonds eintragen zu lassen. Edinburgh. Letzten Sonntag fand in der „Junior Zionist Literatur-Gesellschaft" unier Vorsitz des Mr. S. S t u n g o eine contradictorische Versammlung statt. Es wurden alle denkbaren — und ach! so oft sich wiederholenden — Einwürfe gegen den Zionismus vorgebracht und darauf die Antwort ertheilt. Eine wahrhaft ethusiastische Debatte war das Resultat. Mr. Josef S y m o n (14 Jahre alt) gewann den neulich ausgeschriebenen Preis für das beste Essay über den Zionismus. Liverpool. Diesen Sonntag hielt Mr. M. Bloomfield in der „Zionist Hall" einen Vortrag über den Zionismus. Demselben wohnte ein grosses Auditorium bei. Londonderry. Der hiesige Zionisten-Verein hat Mr. D. Harris zu seinem Präsidenten gewählt. Manchester. Die Vereinigung aller zionistischen Vereine unserer Stadt ist nun vollzogen, indem der hiesige zionistische Arbeiter-Verein seine Zustimmung gegeben hat. Italien. Ferarra. Im „Circolo Fratellanza Israelitica" unserer Stadt hielt jüngst Signorina Bice N e p p i, Studentin unserer freien Universität, einen Vortrag über „Die Alliance israölite universelle und der Zionismus". Die junge Dame beherrschte das Wort mit grosser Verve und ist eine scharfe Logikerin. Nachdem sie die Geschichte der „Allianz" und ihre Verdienste skizziert hatte, bemerkte sie dass das Werk der „Allianz" als jüdische Institution eigentlich von dem Augenblicke an zu Ende war, wo die Erfahrung klar erwiesen hatte, dass die Idee der Assimilation, welche die „Allianz" direct oder indirect doch angestrebt hatte, eine Utopie ist. Die Jahrtausende alte Juden frage kann nur der Zionismus lösen, welcher allein alle Theile unseres Volkes zusammenfassen und alle befriedigen kann. Der Erfolg des geistvollen Vortrages zeigte sich in den zahlreichen Beitrittserklärungen zu unserem Vereine. Neapel. Am 18. Mai fand hier eine vom „Circolo Sionista* einberufene öffentliche Versammlung statt, für welche der Administrafeions - Rath des jüdischen Seminars den grossen Saal dieser Lehranstalt zur Verfügung gestellt hatte. Der Zweck der Versammlung war die Darlegung des Wesens des Zionismus und des Baseler Prograinmes. Den Vorsitz führte Advocat Dario Ascarelli. Die zahlreich und von den besten jüdischen Mitbürgern besuchte Versammlung war für den Zionismus ausserodentlich erfolgreich. Afrika. Aegypten. Samstag den 10. Mai fand in Alexandrien die Einweihung des neuen Locales der ersten Section des Zionistischen Vereines in Alexandrien unter grosser Betheiligung statt. Der Abgesandte der ägyptischen Landes- Centrale in Cairo, Herr Hornstein, eröffnete die Versammlung mit einer sehr beredten Darlegung der Lage der Juden in der ganzen Welt und einer Erklärung des Zionismus. Der Redner erklärte, dass der Zionismus durchaus nicht den Patriotismus ausschliesse, indem es sich ja darum handle, den Opfern tyrannischer Regierungsweisheit eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Den gleichen Enthusiasmus wie diese klare Rede erweckte dann eine arabische Rede des Alexandriners Kretschmar, der es besonders verstand, die arabischen Juden zu ergreifen. Es wurde von den zahlreichen Anwesenden der lebhafte Wunsch ausgesprochen, es mögen solche Verstand und Herz in gleicher Weise berührende Versammlungen des öfteren stattfinden, zum Nutzen der Sache, der alle Theilnehmer gewonnen wurden. Auf dem Wege. Da ward es licht. Der Tag der Freiheit kam. — In alle dumpfen Seelen strömte Weh, Das Weh der Knechtschaft, die sich selbst erschaut, Das Weh der Klarheit, die ins Dunkle ringt. Und ihre Blicke sahen Lichtesfluten, Dieweil ihr Herz geblendet war und stumpf. Sie wanderten durch Wüsten und durch Weiten — Und sterbend grüssten ihre Häupter Zion. Ernst Müller. Ein heisser Tag. Von Ignaz Kohn. Das war für den städtischen Civil-Ingenieur Kurt Steiner ein heisser Tag. Nicht vielleicht, weil diese Gerichtsverhandlung so voller Unannehmlichkeiten für ihn war, da er gerade sehr nothwendig über Land hätte fahren müssen, sondern aus einem ganz anderen Grunde. Als es nämlich zum Schwur kam, brachte ihm der Richter das Crucifix. War's aus Versehen, war's, um ihn zu ärgern — Kurt Steiner war sich darüber nicht ganz klar. „Bitte, Herr Zeuge . . Kurt Steiner schnürte etwas die Kehle zu; seine Stimme, die er zu einem Flüstern herabstimmen wollte, klang so belegt, so disharmonisch rauh. „Darf ich, Herr Richter, um die Bibel bitten?" Der Richter schien nicht recht verstanden zu haben. . „Wie meinen Sie?" „Ich bin--ich möchte um die Bibel bitten". „Ach so . . . Sie sind Israelit--—" Auf dem Wege nachhause dachte er über diesen Vorfall nach. Gott, wie ihm nun das in seiner Carriere hinderlich sein wird, wie es ihm schaden wird! Da hatten nun alle Leute geglaubt, er habe nichts mit---mit den Juden gemein, und nun — er ist selbst ein Jude. Was doch die Leute sagen werden, was sie nur sagen werden. So kommt das Verhängnis. Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht. Das Judenthum ist ein Unglück, der das gesagt hat, der hat recht gehabt. Ja noch mehr, eine Schande ist es, ein Schimpf, der Herr Ingenieur fühlt das, er musste das heute so recht am eigenen Leibe verspüren. Muss dieser alte verkrachte Gutsbesitzer diesen unseligen Grenzstreit ihm und sich selber auf den Nacken