Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Article
Die "Berliner Neuesten Nachrichten"
Date
1902-05-30
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315982-3321529--32547-3321646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 22 ,Dle Weit60 Seite 11 Jüdische unterdrückt und gegen das Judenthum am ungerechtesten ist, ist lange bekannt. Ein crasses Beispiel hierfür sind die „Berliner Neuesten Nachrichten^', auch ein Judenblatt, über das die „Frankfurter Zeitung" in einem Rumänien-Artikel schreibt: .,Die gerade entgegengesetzte (Judenfeindliehe) Ansicht vertreten die „Berliner Neuesten Nachrichte n", die sich, ähnlich wie jüngst die „Kreuz-Ztg.", dahin aussprechen, dass Rumänien „in der Nothwehr" handle, „wenn es dem Berliner Vertrage entgegen 4 sich gegen die Gefahr einer Ueberflutung durch jüdische Elemente des westlichen und südlichen Russland schütze. Als wenn es sich überhaupt um eine E in Wanderung der Juden in Rumänien handelte! Von ebenso erstaunlicher Unkenntnis der Verhältnisse, welche das Berliner Blatt seinen Lesern klar zu machen sucht, zeugt folgender Satz: ,.Einem grossen Theile der eingewanderten Juden wird in Rumänien die Naturalisation verweigert, so dass sie allerdings als „Fremde" dieser Bestimmung unterworfen sind. Die Verfechter ihrer Sache betonen nun,/dass diese Juden den von ihnen verlangten Nachweis nicht zu erbringen vermögen, weil sie ein anderes „Vaterland" nicht besitzen. Es ist aber nicht Schuld der rumänischen Regierung, wenn sie ihre frühere Staatsangehörigkeit verloren haben, ohne in Rumänien naturalisiert zu sein". Das Berliner Blatt scheint gar nicht zu wissen, dass schon zu Zeiten Domitians Juden auf dem jetzigen Gebiete Rumäniens gewohnt haben und dass insbesondere im 13. und 14. Jahrhundert eine starke Einwanderung von Juden in die Moldau und Walachei stattgefunden hat. Nicht um neu einwandernde Juden handelt es sich jetzt, sondern um Mitglieder derjenigen jüdischen Familien, die seit langer Zeit in Rumänien wohnen und zum grössten Theile von den Bojaren herangezogen worden sind, die Steuern zu zahlen und die Militärpflicht zu leisten wie alle anderen Rumänen." Die Juden in Finnland. Der finnländische Publicist Dr. Axel Lille, der früher die vom Generalgouverneur Bobrikow im Jahre 1900 unterdrückte Helsingforser Zeitung „Nya Prassen" redigiert hat, veröffentlicht in der dänischen Zeitung „Politikenu vom 28. März einen warmgefühlten Aufruf an die jüdischen Gemeinden aller Länder, um sie auf die überaus schwierige Lage der Juden in Finnland zu lenken. In Finnland besteht noch immer das schwedische Gesetz vom Jahre 1782, welches durch eine Verordnung vom Jahre 1806 ergänzt worden ist; diesen Bestimmungen gemäss dürfen fremde Juden in Finnland nicht zugelassen werden. Die 800 in Finnland lebenden Juden sind nicht finnländische Staatsbürger, obgleich die meisten von ihnen (ungefähr 70°/0) im Lande geboren sind; sie leben „auf Pass", wie der Ausdruck lautet, und dürfen ausserhalb der ihnen zum Aufenthalt angewiesenen Städte nicht wohnen. In den betreffenden Städten dürfen sie nur von ihnen selbst hergestellte Waren verkaufen und Handel mit alten Kleidern betreiben. Auf verschiedenen Landtagen in den Siebziger¬ und Achtzigerjahren wurden Versuche gemacht, die Lage der Juden zu regulieren und ihnen staatsbürgerliche Rechte zu verschaffen; diese Versuche scheiterten indessen an dem Widerstande der Geistlichen und Bauern. Im Jahre 1887 wurde die finnländische Regierung bei dem Kaiser-Grossfürsten (Alexander III.) um eine Lösung der Judenfrage vorstellig, jedoch ohne Erfolg. Zwei Jahre später erliess die finnländische Regierung ein ganz merkwürdiges Decret, durch welches unter anderem bestimmt wurde, dass die in Finnland ansässigen Juden jährlich rund 30 Reichsmark für einen russischen Pass und für einen alle sechs Monate zu erneuernden Aufenthaltsschein zahlen sollten; die Juden sollten sich nur in gewissen Stadtvierteln aufhalten dürfen, und — das Merkwürdigste von allem — es wurde bestimmt, dass die Kinder der jüdischen Familien, welche ihre Heimat verlassen, heiraten oder russische Wehrpflichtige werden müssen, gleichzeitig das Aufenthaltsrecht in Finnland verlieren. Die finnländische Regierung hatte somit einen sicheren Weg gefunden, um allmählich die Juden aus dem Lande zu entfernen. Die öffentliche Meinung — es sei zur Ehre Finnlands gesagt — empörte sich indessen, und die unsinnigen Senatsbestimmungen sind in ihrer vollen Strenge nicht durchgeführt worden. Die Communalverwaltungen verschiedener Städte haben den Juden ihre Sympathien bezeugt, indem sie ihnen für Schulen und Synagogen Geld anwiesen. Dies genügt aber nicht; die finnländischen Juden sind sehr arm und die Finnländer brauchen zur Zeit all ihr Geld, um gegen die russischen Unterdrückungsversuche zu kämpfen. Judenauswanderung. Wie die Zeitschrift „Wjestnik Suga" (Bote des Südens) meldet, sind unlängst aus Jekaterinoslaw sechzig jüdische Familien theils nach Palästina, theils nach Argentinien ausgewandeit. Die Auswanderer sind lauter junge und arbeitslüstige Personen. Die Synagoge in Bone (Algier) beherbergt eineThorarolle, welche den aus dem Arabischen stammenden Namen Gueribah, die ,geheimnisvolle, Seltsame" führt. Dieses Sefer Thora erfreut sich der höchsten Verehrung bei den Arabern der Stadt, welche sogar in schwierigen Lagen ihre wunderthätige Hilfe anrufen und vor derselben Kerzen in der Synagoge anzünden. Natürlich hat die Gueribah ihre Geschichte, sogar in mehreren Versionen. Die eine erzählt: „An der Küste Algiers ereignete sich ein Schiffbruch, bei dem ein dem Ertrinken naher arabischer Passagier plötzlich einen geheimnisvollen Gegenstand auf sich zuschwimmen sah. Er ergriff ihn und erkannte, dass es ein Sefer Thora ist Da flehte er diese Rolle um Rettung an und gelobte, eine Synagoge zu erbauen, wenn er am Leben bleibe. Sein Gebet fand Erhörung, die Fluten trugen ihn an das Ufer von Bone, und zugleich mit ihm wurde auch das Sefer ans Land geworfen. Araber, welche sich am Strande befanden, wollten sich der Rolle bemächtigen; aber dieselbe wich immer wieder in das Meer zurück und näherte sich dem Lande erst, wenn die Araber vom Strande sich zurückzogen. Nun holte man Juden herbei, und diesen gelang es, das Sefer zu ergreifen und ans Land -zu ziehen. Der errettete Araber aber erfüllte sein Gelübde und baute eine Synagoge, in der das. wunderthätige Sefer aufbewahrt wird. — Die andere Version lautet folgendermassen: „In Bone haben Juden und Araber jederzeit in bestem Einvernehmen miteinander gelebt. Als eines Tages ein Araber die Pilgerfahrt nach Mekka machte, bat ihn die Gemeinde, für sie bei den Rabbinern von Jerusalem ein Sefer Thora zu bestellen, welche in eine plombierte Metallkiste eingeschlossen und versiegelt werden sollte. Der Araber führte den Auftrag getreulich aus; auf der Rückkehr von Mekka besuchte er Jerusalem und nahm dort die kostbare Kiste in Empfang. Aber das Schiff erlitt Schiffbruch, und der Araber sah sich dem Wellentode preisgegeben. Trotzdem liess er seinen Schatz nicht fahren, sondern hielt die Kiste fest. Er gelobte, eine Synagoge zu erbauen, wenn er in seine Vaterstadt zurückkehren werde, und er hielt sein Gelübde, als er, wie durch ein Wunder gerettet, heil und gesund nach Bone heimkam". Juden wie Araber wetteifern in der Verehrung der Gueribah, und alte Leute zeigen noch den Platz, auf dem die von dem Araber errichtete Synagoge gestanden hat. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Büchereinlauf. Bericht des Curatoriums über die von der Frau Baronin von Hirsch-Gereuth ins Leben gerufene Baronin Clara von Hirsch-Kaiser- Jubiläums-Stiftung zur Unterstützng von Knaben und Mädchen in Oesterreich für die Zeit vom 1. September 1<)00 bis 31. August 1901. — Wien 1902. Druck und Verlag von Moriz VVaizner & Sohn. Bericht des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung zur Beförderung des Volksschulunterrichtes im Königreiche Galizien und Lodomerien mit dem Grossherzogthume Krakau und im Herzogthuine Bukowina für die Zeit vom 1. September 1900 bis 31. August 1901. — Wien 1902. Druck und Verlag von Moriz W aizner & Sohn. Dolorosa: Conflrmo te chrysmate. (Gedichte.) Einband entworfen von E. M. Lilien. M. Lilienthal Verlag, Berlin 1902. 12°, 91 S. Preis Mk. 3.—. Moriz Hermann: Passah. Erlebnisse einer jungen Seele. — Leipzig H)02. Hermann Seemann Nachfolger. 12°, 160 S. Preis Mk. 2.—. Max Nord au: Die Krankheit des Jahrhunderts. Roman. 6. (billige) Auflage. Verlag B. E Iis eher Nachfolger. — Leipzig 1902. 8°, 200 S. Preis Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—. An Horebs Höhen. 10 Predigten zum Wochenfeste, gehalten in der Synagoge zu Lübeck von Rabbiner Doctor S. Carlebach. Mainz, Joh. Wirth'sche Hof buchdruckerei A.-G. - 1901. 8°, 124 S.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.