Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Die "Ica" und die jüdischen Handwerker in Jerusalem
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Welt60 Nr. 22 Die „Ica" und die jüdischen Handwerker in Jerusalem, la Jerusalem werden gegenwärtig im Auftrage und für Zwecke der „Ica'' und der „Ailiance israelite" verschiedene Bauten aufgeführt. Das wäre doch eine günstige Gelegenheit, die an Arbeitsmangel schwer leidenden jüdischen Handwerker von Jerusalem zu beschäftigen, ohne die „so furchtbar in Anspruch genommenen Cassen" dieser Institutionen, die ja die Aufgabe haben, Juden zu unterstützen, zu belasten. Aber da kennt man die Leitungen dieser Institutionen schlecht. Es wurden die mehrere hunderttausend Francs betragenden Arbeiten durchaus nicht jüdischen Unternehmern und Gewerbsleuten übertragen. Warum? Ja, das kann ein gewöhnlicher Sterblicher schwer errathen. Ob die nichtjüdischen Unternehmer um einige Percente billiger waren oder ob die Herren Curatoren der „Ica'-' es „in heutiger Zeit" für opportun hielten, ihre „Objectivität" zu bekunden, trotzdem es notorisch ist, dass es in Jerusalem zu den seltensten Ausnahmen gehört, dass ein Jude von Nichtjuden beschäftigt wird — den Geist des Stifters, dessen Stiftungen zu verwalten ihnen anvertraut wurde, haben sie jedenfalls nicht erfasst. Dass die jüdischen Handwerker im heiligen Lande über diesen Vorfall tief entrüstet sind, wird man umsomehr begreifen, wenn man bedenkt, dass sie dem Verhungern nahe sind. Consul Simon aus Hannover, der verdienstvolle Gründer der Ackerbauschule in Ahlem bei Hannover, welcher gegenwärtig in Begleitung des Rabbiners Zuck ermann aus Hannover Palästina bereist, berief in Jerusalem eine Versammlung von jüdischen Notabilitäten ein, um ihre Ansichten über die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina zu vernehmen und sie zu gemeinschaftlichem Zusammenarbeiten anzuspornen. \Yenn auch ungeladen, erschien in der Versammlung eine Abordnung der jüdischen Hnr"'- werker und Arbeiter von Jerusalem, welche dem fremden Gaste die traurigen Zustände, in der sie sich befinden, darlegten und insbesondere über die Schädigungen, die sie durch die „Ica" erfaren, Klage führten. Diese richtet sich auch gegen die directeConcurrenz, welche die jerusalemitische Handwerke r-S chuie der Allianz ihnen macht. Die Schule ist natürlich in der Lage, die Offerte der Handwerker zu unterbieten. Aber dazu werden noch Lehrlinge von auswärts eingeführt und auch nicht jüdische Knaben unterwiesen und herangezogen, so dass das ohnehin bittere Los der armen Handwerker von Tag zu Tag erschreckender wird . „ . Scheint es nicht fast, als ob die „Icau und die „Allianz* auch die Handwerker von Jerusalem gleich den Arbeitern veranlassen möchte, das Land zu verlassen? Jeruschalmi. Tonis. Eine Anzahl von jüdischen Geschäftsläden, in dem Eingebornen-Viertel von Tunis gelegen, wurden von einer Rotte von Berbern geplündert. Die Intervention der Polizei verhinderte weitere Ausschreitungen. „Herbei, Ihr Geister . . . Nachdem die Mittel der Verdächtigungen und Verleumdungen, der Proteste und Lügen sich alle als unwirksam erwiesen haben, den Siegeslauf des Zionismus zu hemmen, und derselbe immer weitere Kreise in seinen Bann zieht, nachdem alle die irdischen Warnungen und Drohungen, die Predigten und Pilpulim gänzlich versagen, ist die antizionistische Presse auf ein neues Mittel verfallen, um die Lehre des Zionismus als „Irrlehre" zu stigmalisieren, ein Mittel, dem der Reiz der Neuheit und Originalität nicht abgesprochen werden kann: Die „Geister" werden heraufbeschworen, um gegen den Zionismus auszusagen. In der Nr. 20 vom 16. Mai 1. J. publiciert die „AUg. Zeitung des Judenthums* eine Biographie des kürzlich verstorbenen Dr. Sal. Mandelkern, in der erzählt wird, dass der verstorbene Gelehrte — „dessen einst so klarer Geist schon früher in das Reich der Ewigkeit eingegangen war" —ein eifriger und regelmässiger Besucher spiritistischer Sitzungen war. Von einer solchen, in der sich fünf Geister, darunter auch der Geist eines Juden Isaak Wetzel, zu gleicher Zeit manifestierten, erzählte der Verblichene: „Sie haben mich an Füssen und Hüfte betastet und auf meine Fussspanne so geklopft, dass es im ganzen Zimmer laut hörbar war. Dieselben haben mir manche religiöse Frage gelöst, biblische, dunkel gegebene Texte erklärt; ich habe von ihrem irdischen Leben Mittheilungen erhalten, und sie haben mir schlagende Beweise für ihre wahrhaften Aussagen in jeder Hinsicht dargebracht. Auf meine Frage: Wohin sollen meine verfolgten Stammesgenossen in Russland gehen, nach Palästina oder nach Amerika? erhielt ich die Antwort: W eder nach Pal ästinanoch nachAmerika. Sie sollen lieber in ihrer Heimat bleiben und geduldig ein besseres Schicksal erwarten!" Personalnachrichten. Am 28. d. M. feierte unser hochverehrter Gesinnungsgenosse Rev. Dr. Gustav Gottheil, Vater des Prof. Richard Gott hei], Präsidenten der Föderation Amerikanischer Zionisten, in voller geistiger und körperlicher Frische seinen 75. Geburtstag. Rev. Gottheil, der früher in Deutschland gelebt hatte, gründete in New-York den Tempel Emanu-el, dem er als Prediger vorstand. Er galt als der beste Prediger der neuen Welt, bis er sich vor einigen Jahren in den Ruhestand zurückzog. Wir schliessen uns der grossen Schar der Gatulanten an, welche dem allverehrten Manne noch lange Jahre der wohlverdienten Ruhe nach einem arbeitsreichen Leben und Wirken wünschen. * Todesfall. In Moskau ist dieser Tage der bekannte Dr. G. Ollenstein, welcher während der grossen Hungersnoth unter den Juden in Bessarabien die Hilfeleistung für die Hungernden organisiert und für die Linderung der Noth unserer Glaubensgenossen Unvergängliches geleistet hat, gestorben. Er starb in Erfüllung seines Berufes als Arzt, während der Behandlung der Typhuskranken in Tchernow erkrankte er selbst an Typhus und schloss seine Augen für immer. Dieser seltene und todesmuthige Mann hat nur ein Alter von dreissig Jahren erreicht. Welt-^bi'ooik. Das Erdbeben in Schemacha. Unter den durch das im Februar d. J. in Schemacha (Kaukasus) erfolgte Erdbeben schwer Heimgesuchten befindet sich auch eine grosse Anzahl kaukasischer Bergjuden, die sich nun an das in Baku gebildete Hilfscomite für die in Schemecha und Umgegend vom Erdbeben Betroffenen um Unterstützung gewandt haben. Eine kleine Revolution. Dem „B. T." wird aus New-York telegraphiert: In einigen jüdischen Stadttheilen der New- Yorker Ostseite sind seit Mittwoch Fleischkrawalle an der Tagesordnung, weil koscheres Fleisch eine unerschwingliche Preishöhe erreichte. Besonders die Frauen excedieren und leisten der Polizei passiven Widerstand. Trotz eines Aufgebotes von 1000 Polizisten können die boycottierten Schlächter ihre Geschäfte nicht weiterführen, weil das eingekaufte Fleisch allen Kunden unfehlbar abgenommen und mit Petroleum begossen wird. Das Publicum sympathisiert mit den Unruhestiftern. Die verhafteten Excedenten wrerden von den Gerichten meist nur mit leichten Geldstrafen belegt, welche wenig abschreckend wirken. Das jüdische Proletariat ist als äusserst friedfertig bekannt und demonstiert gegen den allgemein als unerträglich empfundenen Lebensmittelwucher. Ein jüdisches Gymnasium in Warschau« In Warschau soll ein jüdisches Gymnasium errichtet werden. Die neue Schule soll 75 Procent jüdische Schüler aufnehmen dürfen. Weshalb die Juden auf ihre Kosten 25 Procent christliche Schüler, die doch in jeder staatlichen Schule bereitwillige Aufnahme fmden, unterrichten sollen, hat folgenden Grund: Durch die Zulassung von christlichen Schülern in die von den. Juden errichtete und unterhaltene Schule wird es diesen unmöglich, jüdische Lehrer zu engagieren, da das russische Gesetz den Juden verbietet, Christen Unterricht zu ertheilen. Die „Berliner Neuesten Nachrichten''. Unsere Gegner, die Antisemiten, bezeichnen bekanntlich alle jene Publicationsorgane, welche Juden angehören, als Judenblätter und verdächtigen sie, im Solde des Judenthuras zu stehen. Dass gerade diese Presse „zur Wahrung der Objectivität" alles