Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Die jüdische Orthodoxie
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3315982-3321513--32514-3321644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 22 Die £ Welt4* Seite 9 Tradition, ja, das tägliche Brot, das er verzehrt, soll in ihm nur die alte Tradition erhalten, was Wunder also, dass die Tradition in ihm zu Fleisch und Blut wurde, dass Jankel eine fleischgewordene Tradition bedeutet. Am nächstfolgenden Pessach-Tage sass Jankel im alten Beth-Hamidrasch und entwickelte mit frommem Eifer vor einer zahlreichen aufmerksamen Zuhörerschaft seine mit Midrasch- und Talmud-Stellen reichgespickten Ansichten über die historischen Leiden unserer Vorfahren in Mizraim, über die zehn Plagen Pharaos und über den wunderreichen Exodus. Inmitten dieser Haarspaltereien und talmudischen Spitzfindigkeiten, inmitten der nebelhatten Mystik, in die sich Jankel verstieg, um seine Zuhörer von dort mit Beweisen und Argumenten gleichsam zu. bombardieren, Hess sich eine helle, klangvolle Stimme vernehmen, die den leidenschaftlich Vortragenden unangenehm unterbrach. Es war Ben Zion, der „aufgeklärte" Bochur. „Reb Jankel" sagt er, „Ihr seid nicht reich, Ihr lebt weder von Renten, noch von einer staatlichen Pension, Ihr müsst vielmehr tagaus tagein Euren grossen Pack alter Kleider auf dem gekrümmten Rücken von Haus zu Haus tragen, um von dem kärglichen Ertrag die Familie kärglich zu ernähren. Und doch, wie schwer, wie unerträglich schwer wird Euch auch dieser wenig beneidenswerte Erwerb gemacht! Pfeile in Form brutaler Gesetze werden gegen Euch abgeschossen, die Euch und Eure Familie noch mehr niederdrücken sollen. Und wo die Gesetzgeber so human sind, dass sie sich mit Euch nicht befassen, Euch die Krume Brotes, die Euer sogenannter Erwerb abwirft, nicht entreissen, wie schwer, wie unmöglich macht Euch die Gesellschaft die Existenz! Wie oft werden Hunde gegen Euch gehetzt; wie oft werdet Ihr von rohen Knechten im Auftrage ihrer noch roheren Herren die Treppe hinuntergeworfen, bestenfalls grob abgefertigt! Alles das, weil Ihr das Unglück hattet als Jude geboren zu werden. Das Judenthum ist Euer Verbrechen, und was von Eurer Existenz im kleinen, gilt von der ganzen Stufenleiter jüdischer Existenzen unter allen Breiten- und Längengraden! Das Mitleid, das man ihnen hie und da entgegenbringt, gleicht elenden Brosamen einer opulenten Mahlzeit, die die gesättigte Gesellschaft hungrigen, winselnden, wedelnden Hunden grossmüthig zuwirft. Das hat etwas ungemein Demoralisierendes, Entmuthigendes, Deinüthigendes an sich! Während man unserem Körper auf erlaubte und unerlaubte, auf mögliche und unmögliche Weise die Nahrung zu entziehen sucht und auch entzieht, trachtet man dem jüdischen Geiste Fesseln anzulegen, ihn in Nacht der Unwissenheit zu erhalten. Man glaubt, es sei politisch nützlich, dass dreiviertel der Judenheit, die jüdische Orthodoxie nämlich, anstatt den Zeitfragen Aufmerksamkeit zu widmen, anstatt die brennende Wunde socialer Nöihe, an der der Organismus blutet, zu empfinden, einer Somnambule gleich auf den Gräbern der Vergangenheit dahinschleicht und statt des wirklichen Bodens, den Boden altjüdischer Geschichte mit blendenden Sophismen, und mondscheinartiger Mystik bearbeitet, ihn mit Thränen wässert. Die Hochgebornen, die über der Menschheit Höhen recte über der Menschheit Rücken schreiten, brauchen Gewürm unter ihren Füssen — weiches, kraftloses, stummes Gewürm, das sich windet, das sich krümmt, das aber nicht aufschreit! Was wir thun sollen, thun müssen, ist: vorläufig einzusehen, dass, da wir weder in der Vergangenheit, noch v^o n der Vergangenheit leben, wir logischerweise auch nicht ausschliesslich für die Vergangenheit leben können. Wir müssen unsere Augen öffnen, die wirkliche Welt um uns sehen! Ein bisschen weniger Phantasie und mehr Verstand, ein bisschen weniger Schwärmerei und mehr Lebensklugheit! Da wir gemeinsam leiden, müssen wir gemeinsam, einheitlich vorgehen. Laut und vernehmlich müssen wir unser schweres Leid vor aller Welt darlegen, Gerechtigkeit, Rechte, Menschenrechte für uns fordern; oder, was zweckdienlicher wäre, darnach streben, nicht mehr geduldete und ungern gesehene Eindringlinge zu sein, sondern in noch so bescheidenem eigenem Heim wieder freie Männer zu werden, gleich jenen edlen Pionnieren, den russischen Studenten, die ihr Stiefland verlassen haben, in das heilige Land unserer Väter gezogen sind, um den theuren, historischen Boden im Schweisse des Angesichts zu bebauen. Und nur dort, im Lande unserer Väter, könnte die jüdische Individualität sich wieder frei entfalten, erstarken. Die moderne jüdische Politik ist auf dem besten Wege zu diesem Ziele. Es ist keine Utopie mehr. Das Können geht mit dem Wollen Hand in Hand!" W7äre Ben - Zion wenigsten ein „schöner Jud", ein städtischer „Gwir" (reicher Mann), ein „Enkel" mit einem Stammbaum bis zum heiligen Ari (ein grosser jüdischer Gelehrter und Kabalist) oder dergleichen, seine eindringlichen, wuchtigen Worte würden sicherlich den gewünschten Eindruck gemacht haben. Da er aber bloss ein einfacher „aufgeklärter" Bochur war, hatten seine Worte diese „Wirkung" nicht, die er erwartete. Als er geendigt hatte, giehg ein Murmeln durch die Reihen, das nach und nach zu einem Sturm von Unwillen und Entrüstung gegen Ben Zion anschwoll, in dem die einzelnen verschüchterten Stimmen der Einsichtigeren, die Ben Zion rechtzugeben den Muth hatten, ungehört verhallen mussten. Jankel glättete endlich die hochgehenden Wogen, indem er salbungsvoll den Spruch aus Koheleth citierte: „AI Taan Ksil Keivalto", antworte dem Narren auf seine Narreteien nicht. Er lächelte spöttisch überlegen und die Menge lachte mit Das Lachen der Tradition. Aber die Sonne der Liebe vermag viel, und so beginnt auch das Eis der Tradition unter ihren milden Strahlen aufzuthauen. Welche unendliche Summen von Gemüth und Begeisterung, die bisher gebunden war, wird dadurch unserer zionistischen Bewegung zugeführt werden! ^i*ibäi)e. An Stelle des Gg Herrn Dr. Hen ist Herr E. Glyper Schriftführer des „Niederländischen Zionistenbundes" geworden. Alle Mittheilungen sind von nun an diesen unter der Adresse: Amsterdam, Nieuwe Prinsengracht 15, zu senden. * Ein Gesinnungsgenosse aus Pinsk möchte sich an einer Gesellschaftsreise von 15—20 Personen nach Palästina betheiligen. Anmeldungen sind an unsere Redaction zu richten und wird, wenn obige Zahl ereicht ist, die gegenseitige Verständigung von uns durchgeführt werden. * Samstag den 31.Mai 1. J. veranstaltet die „Vereinigung zionistischer Hochschüler" im Restaurant Wendlinger (Seegasse) einen Vortragsabend, bei welchem Bb. Jakob Schon über „Zionismus in R u s s 1 a n d" sprechen wird. Beginn 1jiH Uhr abends. Gäste herzlich willkommen. Jüdischer Nationalfonds. Das goldene Buch. Verein „Professor Hermann Schapiraw in St Petersburg 10 Pf. Sterl. Correspondenzen und Telegramme. Zur Lage der Juden in Russland. St. Petersburg. Auf Grund neuer Verfügungen der Behörden von Imsk, Sebastopol und Kiew hat die Polizei dieser Ortschaften die Ausweisung zahlreicher jüdischerFamilien angeordnet.DerGeneral-Gouverneur des Steppen-Gebietes GeneralS u c h o t i n,hatdieAusweisung von vierzig jüdischen Familien angeordnet, deren Mitglieder in Sibirien geboren und dahin zuständig sind. In Sebastopol hat der Stadthauptmann den Gemeinderath beauftragt, die Wohnrechte der Juden in Sebastopol zu controlieren, was zur Folge hatte, dass viele unserer Glaubensgenossen ausgewiesen wurden. Auch in Kiew wurden viele Juden von einer Ausweisungs- Ordre überrascht. Sogar auf dem Gebiete der Aufnahme von Juden in die professionellen Schulen Russlands wurden neue Beschränkungen geschaffen. So wurde die Verfügung getroffen, die Aufnahme von Juden in die Eisenbahnschule zu Odessa gänzlich einzustellen. * Aus Küstendil (Bulgarien) wird uns unter dem 25. Mai gemeldet: Zum erstenmaie wurde hier das Nationalfest des Schekeltages von den Zionisten durch feierliche Aufzüge in den Strassen gefeiert Am diesjährigen Genier Maifestzuge nahm auch eine selbständige zionistische Gruppe von ungefähr 50 Personen theil.