Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Article
- Die märkischen Juden und ihre Zukunft
- Date
- 1902-05-30
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die £ Welt*6 Nr. 22 vom Antisemitismus in ihrer Existenz bedrohten Juden doppelt nothwendig gewesen wären. Weder für Ackerbau- Colonien noch für Hand werker-Schulen hat man einen Pfennig übrig gehabt. Man wollte ja eben keine Kräftigung von innen heraus. Das letzte und markanteste Beispiel blinder Assimilationsuud Selbstverniehtungswuth lieferte der letztjährige Kampf um die Sitze in der Berliner Repräsentanz. Damals verlangten die Liberalen sogar mit geradezu unbegreiflicher Naivität die Verlegung des durch tausendjährige Heiligung ehrwürdigen Sabbaths auf den christlichen Sonntag. Sie haben ihr Ziel freilich nicht erreicht, aber es ist bezeichnend für ihre Sinnesart, dass sie überhaupt den Muth hatten, mit einer derartigen Forderung an die Oeffentlichkeit zu treten. Auch die altberlinischen Familien haben der Zeit ihr Opfer gebracht, doch hat wenigstens ein Theil von ihnen die Tradition zu wahren vermocht. Sie sind naturgemäss am vollkommensten im deutschen Cultui leben aufgegangen, aber der historische Boden, den sie unter den Füssen hatten, bewahrte sie doch davor, ihre Individualität gänzlich zu opfern. Sie sind nicht nur Deutsche, sondern auch Juden, wenngleich in ihrer Art. Hier allein ist eine Umkehr möglich — eine Umkehr, die in der Erweckung des Ehrgefühls, des traditionellen Familienstolzes wurzelt. Hier allein fürchtet man nicht als undeutsch verlacht zu werden — hier ist das Deutschthum ja alter Culturbesitz. Wenn die Culturparvenüs aus Wronke und Mogilno und die naturalisierten Rabbiner sich über die antisemitischen Angriffe auf ihr Deutschthum erregen, lächelt man hier mit der Ruhe, die der Besitzer alten Reichthums bei dem Vorwurf empfindet, er sei ein armer Schlucker. Hier und in den orthodoxreligiösen Kreisen steckt unsere Zukunft — die anderen bedürfen einer vierzigjährigen Wüstenwanderung, ehe sie für die Freiheit reifen. Anders verhält es sich mit den weit zahlreicheren Scharen der in den letzten Jahrzehnten Zugezogenen. Dort kann man unter den Wohlhabenden etwa vier Typen unterscheiden, welche vier Generationen der Assimilation entsprechen. Der Urgrossvater kommt aus dem Osten hergewandert. Er ist sehr fromm, sehr wenig cultiviert, hält auf strenges patriarchalisches Familienleben und ist im allgemeinen ein gewissenhafter und zuverlässiger Mensch, der sich eine kleine Existenz schafft. Generation 2 spricht ziemlich gut deutsch, hat zwar zuhause noch Talmud gelernt, empfindet aber die Gesetze nur als Zwang, glaubt innerlich an nichts als an sich selbst, lebt aber der Eltern wegen rituell, wenigstens zuhause. Daneben ist Generation 2 von höchster geschäftlicher und gesellschaftlicher Rücksichtslosigkeit; sie wird infolge dessen wohlhabend. Die Kinder müssen studieren, durchaus nicht immer aus Begeisterung für die Wissenschaft, sondern oft genug, um eine bessere sociale Stellung zu erringen. Soweit nun diese „geistige Blüte" den Sinn der Eltern geerbt hat, ist sie mit ihrem crassen Materialismus, dem ausgeprägten Erwerbssinne und der bejammernswerten Streberhaft ig keit in Kleinigkeiten — denn grosse Carrieren sind den Juden in Preussen ja verschlossen — der Ruin jedes Standes, in den sie eintritt. Rechtsanwaltschaft und Aerztestand haben deshalb social schwere Schädigungen erlitten! Diese Classe, welche keine Pietätsrücksichten gegen fromme Eitern zu erfüllen hat, vom Judenthum nichts weiss, als was in den „Fliegenden Blättern" steht, im hohlsten Gesellschaftstreiben ein Ideal sieht, weil sie meint, sich so freierem christlichem Wesen anzupassen, lieiert auch einen grossen Percentsatz derer, welche Taufwasser auf ihr Haupt träufeln und so sich hinüberretten in die arische Gesellschaft, die um diesen Zuwachs wahrlich nicht zu beneiden ist. Daneben aber bringt diese 3. Generation wunderliche Idealisten hervor, stille Gelehrte von weltvergessener Verständnislosigkeit gegenüber dem Treiben um sie her, Männer, die allein Sanscrit und Raffaels Stanzen verstehen, Theoretiker des Socialismus, welche die Welt kaum kennen, Ethiker, die ihr ganzes Leben daran setzen, die Idee des Weltfriedens und des Kosmopolitismus zu pflegen und den socialen Ausgleich herbeizuführen. Merkwürdig gemeinsam ist allen diesen Männern der Zug zur Ideologie, verbunden mit Mangel an starker Eigenart. Sie flüchten in die Gesellschaft für ethische Cultur vor dem dröhnenden Schrittte des Lebens, dessen „Brutalität" sie verabscheuen. Es liegt etwas Decadentes, Müdes, dem gesunden Ringen der Kräfte Abholdes in diesen Menschen, deren Persönlichkeit oft sehr sympathisch ist. Die nationale Bewegung erscheint ihnen entweder — wie jede stark auf den Einzelnen wirkende Idee — als unvornehmer Fanatismus, vor dem sie, die zagen Schnecken auf der grünen Wiese des Lebens, eilig die Fühlhörner einziehen, oder aber sie betrachten die merkwürdige Erscheinung mit „psychologischem Interesse". Die Zumuthung, Partei zu ergreifen, erscheint ihnen vollkommen räthselhaft und indiscutabel. Wie kann man auch von ihnen, welche das Helldunkel in der Kunst wie im Leben lieben, von den stets Entschlussunfähigen, Thaten verlangen! So ist der Kreis derer zusammengesetzt, in deren Händen sich Geld und Einfluss befinden. Daneben leben tausende Kleinbürger höchst ungleicher Herkunft, Lebensweise und Entwicklungsart; sie sind meist religiös — conservativ, treten aber in der Oeffentlichkeit wenig in die Erscheinung. Dort gährt alles. In der mit märchenhafter Schnelligkeit aufgewachsenen Grossstadt ist naturgemäss eine höchst heterogene Menschenmasse zusammengeströmt. Einen irgendwie einheitlichen Charakter besitzt sie bisher nicht, und eine Zeichnung inrer Eigenart müsste sich in Kritik des Einzelindividuums verlieren. (Ein Schluss-Artikel folgt.) Aus Rumänien. Eine Gruppe von Auswanderern aus Bacau erlässt folgenden Aufruf: Jüdische Brüder! Da wir nicht mehr das Elend ertragen können, in dem wir uns befinden, und wir dem Hungertode ausgesetzt sind, weil wir nichts mehr zu verkaufen haben, um unsere Familien zu ernähren, und da uns andererseits die Gefahr droht, aus unseren Behausungeu verjagt zu werden und in den Strassen umherirren zu müssen, da wir die Miete nicht bezahlen können, so haben wir uns heute in einer Anzahl von 200 Familien, bestehend aus 800 Personen, vereinigt und eine Gruppe gebildet, die am 18. Mai zu Fuss wegziehen wird. Wir können nicht mehr das Stöhnen unserer Kinder ertragen, die von uns Brot verlangen. Jüdische Brüder! Helft uns, damit wir uns anderswohin begeben können und damit wir nicht mit den Unserigen Hungers sterben. Eine Gruppe von Auswanderern zu Fuss." Auch in Craiova, Galatz, Braila, Berlad und anderen Orten haben sich Gruppen gebildet, um auszuwandern, und viele jüdische Handwerker sind so fest enschlossen, den Boden Rumäniens zu verlassen, dass sie sich nicht einmal entsprechend den Bestimmungen des neuen Gewerbegesetzes einschreiben lassen wollen. Die Ausführungsbestimmungen dieses Gesetzes scheinen übrigens noch immer nicht erschienen zu sein. Zur Praxis der Judenaustreibungen aus den Dorfschaften Rumäniens wird von den sonst durchaus nicht