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Die Welt · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Article
Die märkischen Juden und ihre Zukunft
Date
1902-05-30
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr.-22 „Die # Welt4* Seite 3 reiche Jüdinnen begannen in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen, gestützt auf Moses Mendelssohn, versuchte man „reformierte'', d. h. Gemeinden zu stiften, die ihrem Wesen nach nicht eine Fortbildung des Judenthums von innen heraus anstrebten, sondern eine Annäherung an den herrschenden Protestantismus suchten. *) Und diese rein äusseiiiche „Reformierung" in religiöser Beziehung brachte es mit sich, dass man das Hebräische völlig vergass, die Mischehen für berechtigt erklärte und zum Schlüsse sich und die Seinen taufte. Dieser Entwicklungsgang hat auch auf die bürgerliche Entwicklung den entscheidenden Einfluss ausgeübt. Volksangehörige, die eben erst in einen fremden Volkskörper eintreten, vermögen ein berechtigtes Selbstgefühl nur aufrecht zu halten, wenn sie, ausser auf individuelle Eigenschaften, auch den Stolz auf ihren bisherigen geistigen Besitz, auf Cultur, Nationalität, Religion zu bewahren vermögen. Andererseits müssen sie in blinder Bewunderung des Fremden sich ergehen. Eine eigene jüdische Cultur war nun nicht vorhanden, das Ghetto hatte versteinernd gewirkt, man war weit hinter der Gegenwart zurückgeblieben. Die eigene Nationalität wollte man um keinen Preis bewahren, weil man sie mit dem deutschen Staatsbürgerthum für unvereinbar hielt. Alles Streben, auch auf dem Gebiete der Religion, gieng ja eben dahin, sich dieser Nationalität zu entäussern. Das hat Samuel H ol d h e im klar ausgesprochen. Nach ihm fallt Nationalität mit Staatswesen zusammen (ein grober juristischer Irrthum!), also musste mit dem Untergange des palästinensischen Staates auch die jüdische Nationalität beseitigt sein und das religiöse Band allein die Juden vereinigen. Und nun erklärte man auch diesen allein gebliebenen Besitz aus der alten Zeit, die Religion, für verbesserungsbedürftig! Notwendigerweise musste der Rest von Stolz auf die Ueberlieferungen verschwinden. Alle Werte wurden umgewertet. War es früher gut gewesen, das Judenthum stark zu betonen, so ward dies jetzt zum Unrecht. Die arischen Eigentümlichkeiten, auf die man im Ghetto als barbarisch herabgesehen hatte, erschienen plötzlich als nachahmenswert. Und was bisher schlecht gewesen war, die Ableugnung der jüdischen Eigenart, erschien nun als Pflicht gegenüber der mächtigeren und also offenbar besseren arischen Lebensführung und -Anschauung. Und so gieng man denn daran, aus dem bürgerlichen Leben alles angstvoll zu vertilgen, was an den Juden erinnern konnte; der Einzelne war stolz darauf, auch den letzten jüdischen Charakterzug unerbittlich auszumerzen. Dies ist thatsächlich in zahlreichen Familien der Entwicklungsgang gewesen. Wenige nur sind dem historischen Judenthum treu geblieben oder haben wenigstens genügendes Verständnis besessen, um auf dem beschrittenen Wege rechtzeitig einzuhalten.**) *) Während der Katholicismus und ebenso, das orthodoxe Judenthum Religionen für den Alltag sind, das ganze Leben mit ihrem geistigen Gehalt durchziehen und den Anspruch erheben, jede, auch die geringste Handlung schon äusserlich mit bestimmten religiösen Vorschriften in Verbindung zu bringen, sind Protestantismus und Reformjudenthum Religionen für den Feiertag. Am Wochentage bleibt Kirche und Tempel geschlossen. Es gibt keine Messe und kein Morgengebet, nur am Sonntag tritt der Priester in Function. Die Liturgie wird in den Reformgemeinden gelesen, nicht gesungen, wie bei Katholiken und Orthodoxen, ,.Prediger" ersetzen die Rabbiner, die deutsche Sprache füllt ausschliesslich das Gebetbuch, wie auch die Protestanten im Gegensatze zu den Katholiken das fremdsprachliche Latein verbannt haben. **) Sehr lehrreich ist die Feststellung des ungeheuren Pc rcentsatzes von Taufen der Nachkommen jener 31 Männer, welche, gewiss in bester Ueberzeugung, den Aufruf zur Gründung der Berliner Reformgemeinde vom 2. April 1845 unterzeichnet haben. Dieselben Männer, die, wie Levin („Die Reform des Judenthums", Berlin 1895, S. 99) meint, Man sah nur in die Gegenwart, man wollte sich dem Deutschthum assimilieren um jeden Preis. Und was war die Folge? Man schämte sich des Kampfes für die eigenen Interessen, man gab fast kampflos die politischen Rechte preis, als diese allmählich, auf dem Verwaltungswege, entrissen wurden. Wenn je ein starkes jüdisches Empfinden sich regte, wenn eine gemeinsame Action für die bedrohten gemeinsamen Interessen oder gar für die Juden des Ostens gefordert wurde, dann schrie man über Verrath am Deutschthum, fragte mit Emphase, ob denn die, welche das Judenthum so betonten, durchaus zurück ins Ghetto wollten, kurz benahm sich unwürdig. Da, wo man einige Grundsätze behielt und der grossen Lüge der Taufe fernblieb, trat doch eine ungeheuerliche Indolenz zutage. Wie viele in Berlin möchten noch nicht Christen, aber äusserlich nicht mehr Juden sein! Und diese Stimmung griff auch in die Gemeinde über, als sie den festen Boden der Tradition verliess und zu reformieren begann, um dem Zeitgeiste Concessioncn zu machen. Das Selbstgefühl sank sofort in ausserordentlichem Masse. Die Conservativen waren desorganisiert und gehörten überdies meist den unteren, einflusslosen Bevölkerungsclassen an, und so regierten denn die Liberalen schonungslos und mit der offenen Tendenz der Selbstvernichtung. Was jüdisch war, galt als unvornehm, nicht standesgemäss, die Gemeindeämter waren „Ehrenämter, wie andere eben auch", (so äusserte sich vor einigen Jahren ein Gemeindevorsteher) und jede Anregung zur inneren Kräftigung der Gesammtheit wurde bespöttelt. Man hat auch nicht eine einzige sociale Institution geschaffen, kein Lehrlingsheim und kein Vereinshaus, keine Jugendvereinigungen und keine Hilfscassen-Einrichtungen, wie sie ringsum von den christlichen Gemeinden eingerichtet wurden und für die nur durch „die volle Liebe zum Judenthum zu der Opferwilligkeit bewogen werden konnten, aus freiwilligen Beiträgen einen eigenen Cultus zu unterhalten", waren nicht imstande, die eigenen Kinder vom Taufbecken fernzuhalten. Die Söhne hatten die „volle Liebe" zum Judenthum schon verloren!! Und das war kein Wunder. Schon oben ist gezeigt, dass die Reform an sich das jüdische Selbstgefühl vernichten musste. Und die Art der Reformierung forderte geradezu in letzter Consequenz — wie David Frie dländer zielbewusst in Aussicht gestellt hatte — den „Eintritt des dogmenlosen und von Ceremonien befreiten Judenthums in das Christenthum''. Und welche Widerstandskraft konnte einem Ritus innewohnen, der sich selbst systematisch jeder Indu vidualität beraubte, der jedes an die nationalen Hoffnungen mahnende Wort sorgfältig aus der Liturgie verbannte und selbst die Erinnerung an die Thatsache, dass wir Söhne der Patriarchen seien, eifrig aus dem Gebetbuche auszumerzen suchte! Zacharias Frankel hat das alles vorhergesehen und deshalb auf der Frankfurter Rabbinerversammlung im Jahre 1845 folgende Erklärung abgegeben, die noch heute bedeutsam ist: „Um die Gegenwart des Judenthums zu verstehen und zu erkennen, müssen wir in die Vergangenheit blicken. . . . Wohin würden wir gelangen, wenn wir das innere Leben zerreissen und aus unserem Kopfe, wie Minerva aus Jupiters Haupte, ein neues entspringen Hessen? Zum Buchstaben der Schrift können wir nicht zurück. Sollen wir gar dem Geiste der Zeit Einfluss vergönnen? Der Zeitgeist ist veränderlich, wie die Zeit. Er ist ohnehin kait, mag wohl verständig erscheinen, wird aber nie das Gemüth befriedigen, trösten, beruhigen, beseligen; das Ju'lenthum aber ist stets wahrhaft begeisternd. Die Reform des Judenthums ist ferner nicht eine Reform des Glaubens, sondern der gesetzlichen Thätigkeiten. Diese leben noch im Volke und üben ihre Kraft. Wir haben nicht die Aufgabe, diesen Einfluss zu schwächen, sondern ihn vielmehr recht zu kräftigen. Auf einzelne, welche die Gebräuche nicht üben, haben wir nicht Rücksicht zu nehmen, wir sind nicht Partei, sondern haben für die Gesammtheit Sorge zu tragen. Wir . müssen Zerspaltungen Israels verhüten; nicht neue Parteien hervorrufen, sondern die vorhandenen versöhnen." Seine Worte verhallten un gehört.

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