Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Bradford und Leeds
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. §1 „Die # Welt66 Seite 13 England. Bradford und Leeds, 12. Mai. In diesen &wei grossen Städten im Norden Englands hat der Zionismus viele enthusiastische Anhänger. In Bradford geben Männer von dem Caliber des Herrn Rabbiners Dr. S tr a us s und Herrn Friedensrichters, Jakob Moser dem Zionismus einen guten und gewichtigen Ton, und .nnn DK -»a n» K^T bvD vb ist hier anwendbar. In Leeds, mit der JEisenbahn 520 Minuten von Bradford entfernt, gibt es mehr als 1000 Zionisten. Es befinden sich hier drei zionistische Vereine: „Leeds Zionist Association" mit über 300 Mitgliedern, „YoungMen's Zionist Society" mit 500 und „Ladies Zionist Society" mit 220 Mitgliedern. Herr Dr. U m a n s k i ist der Pionnier des Zionismus in Leeds und er hat grosse Verdienste, ebenso seine Frau, die mit noch einigen Damen, wie Frau I s a a c s, Frau Goodman, Frau Schochet dem Damen vereine grosse Dienste erweisen. Auch Herr A. Cohen und HerrBaskin geben sich viele Mühe, um dem Zionismus Anhänger zu gewinnen. Die Frauen wetteifern mit den Männern» die Sache des Zionismus zu fördern. Am Chanuka und Purim werden Concerte und sonstige Unterhaltungen veranstaltet, um mit dem Reinerträgnisse Shares zu kaufen. Man hat jetzt in Leeds eine Toynbee-Halle, deren Vorsitzender Herr A. Cohen dieselbe mit gutem Erfolge leitet. Diese mit prächtigen zionistischen Motti und Bildern gezierte Halle wurde vor kurzem von Herrn Moser aus Bradford mit grosser Feierlichkeit eröffnet Letzten Sonntag hielt unser Gesinnungsgenosse Herr Rabbiner Dr. Strauss aus Bradford einen mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Zionismus und Messianismus4'. Auch eine jüdische Choral- Gesellschaft wurde neulich von dem Cantor Kahan in Verbindung mit der Toynbee-Halle gegründet und gewährt den Mitgliedern grosse musikalische Genüsse. Rumänien. Bukarest. Die Section „ A g i d a s Z i o nÄ in Verbindung mit dem Tempel „Vointza* und „Matzraiach Jesiu" haben zu Ostern 255 Kg. Mazzoth und 8U0 Kg. Kartoffeln an arme Leute vertheiit. Crajova. Das Coinite' der Section „Abraham Mapu" besteht aus den Herren Präsident Ä. J.Kaufmann, Vizepräsidenten M. D o r o s t e a n u und M. Rosenzweig, Cassiere H. S t e r n und S. C e r b e an u, Secretäre A. B. Natausohu, J.Kr ei dm a n n und Z. Petrean u, Controlor S. Barder, Archivar D. Schäfer, Beisitzer A. Grün bäum und A. Erlbaum. Trotz der derzeitigen Krise haben wir zusammen mit der Section , Jehuda Hanassi*' 500 Francs gesammelt, und es werden damit die beiden Seetionen ins goldene Buch eingetragen werden, Bttceeea Sonntag den 3. Mai 1. J. fand die von den Herren D. und L. Goldhammer in die Synagoge einberufene Versammlung statt. Das Thema, das Herr D. Goldhammer behandelte, war: „Wie kann den Juden geholfen werden?" Er zeigte, dass alle bisher gemachten Versuche, der Unterdrückung der Juden ein Ende zu machen, vergebens gewesen, und legte ihnen klar, dass der Zionismus, dessen Berechtigung er historisch begründete, das einzige Mittel sei, der unglückseligen Judenfrage eine endgiltige Lösung zu geben. Hierauf ergriff Herr L. Goldhammer das Wort, setzte das Wesen des Zionismus auseinander und forderte mit beredten Worten die Versammelten auf, mit Hand an das heilige Werk zu legen. Mit begeisterten Worten schloss sich den Ausführungen der beiden Redner Herr Wohlberg an. Der Erfolg, den die Beden zu verzeichnen hatten, war, dass sich ein Verein unter dem Namen „B n e i Zion Dr. Lippe" cönßtituierte, dem 34 Mitglieder beitraten. O e 1. Amerika. Providence. Dank der BemühuDg der Herren J. Gold, S. Harrisott, S. Robinson und D. Paiser wurde hier ein neuer zionistischer Verein gegründet unter dem Namen „Brothers o f Z i o n". Die Vereinsthätigkeit wurde mit einem geselligen Abend am 20. v. M. eröffnet, wobei 36 Mitglieder gewonnen und mehrere Shares verkauft wurden. Das reichhaltige Programm wurde im politischen und Unterhaltungsfeheile bestritten von den Herren Prof. D.A.P aisner, M. Tober, L. Haymann, J.Bloch, Ch, Brown, S. Harrison, J. Gold und den Damen J. Sil ver mann, E.Cohen, L. Grubinski, L Bermann, G. Feingo 1 d und schloss mit nationalen Liedern. Anwesend 600 Personen. Secretär S. Harrison. Palästina. Colonie Rischon-Ie-Zion. Gestern abends, am Sabbathausgang der Pessach-Halbfeiertage, fand im hiesigen Beth- Am (Gemeindehaus) ein zionistischer Abend statt. Schreiber dieser Zeilen eröffnete den Abend und sprach über den Zionismus vom Standpunkte derjüdischen Tradition. Sodaan sprachen die Herren B.Lubmann, D. Idelovitsch, Witkindune Japo. Das Orchester der Colonie unter Direction des Herrn K a p el m a n spielte zionistische Weisen. — Hier wurde eine Filiale der Londoner Share-Clubs eröffnet. A. M. Freymann. Der Roman eines Judenknaben. Von Dr. Julius Moses (Mannheim). Neulich bekam ich den Roman von Ephraim Frisch „Ein Verlöbnis" zu Gesichte. An dem Buche des mir unbekannten Autors reizte mich der Zusatz zum Titel „Geschichte eines Knaben" und ich griff darnach, weil ich einen Beitrag erwartete zu der von mir seit Jahren gepflegten Psychologie des Kindes. Bei der Leetüre verschmolz mir die wissenschaftliche Befriedigung mit der ästhetischen, die mir ans der Schönheitsfülle des Büchleins ward, zu einem selten harmonischen Geniessen. Dazu — der kleine Held der Erzählung ist ein Jude, jüdisch ist das Milieu, jüdisch ist und fühlt der Autor. Es fällt mir auch heute, wo ich einige psychologische Betrachtungen über das Werk anstellen will, sehr schwer, den in künstlerischer Hinsicht, wie m seinem jüdischen Empfinden dankbar Empfangenden hinter dem psychologischen Analytiker zu verbergen. Vor einigen Jahren Hess ich eine kleine Schrift erscheinen, betitelt „Vom Seelenbinnenleben des Kindes", in dem ich die Beichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit des bei vielen Kindern unter der Oberfläche des sich nach aussen kundgebenden Seelenlebens in den verborgenen Tiefen der Seele abspielenden Phantasielebens nachzuweisen und zu skizzieren suchte. Ueppig entfaltet sich ein solches „zweites Leben" (seeond life) bei solchen phantasiebegabten Kindern, bei denen das wirkliche Leben arm ist an frohen Ereignissen, bei schüchternen Kindern, bei Kindern ans social schlecht gestellten Kreisen, bei Kindern mit harter, unfreundlicher Erziehung. Die Vorstellungen von erdichteten Erlebnissen und Thaten der eigenen Person, welche ungern der Oeffentlichkeit preisgegeben werden, verdichten sich zu einem eigenen Binnenleben der Seele; die Phantasie schafft dort ein Paradies, wo das wirkliche Leben weit von einem paradiesischen Zustande entfernt ist. „Derartige Kinder, sagte ich dort, erscheinen nicht selten als problematische Naturen. Ihren Angehörigen werden sie entfremdet, weil sie bei ihnen vermissen, was sie in ihrem Traumleben finden." Eine solche problematische unverstandene Kindesnatur ist der Held des vorliegenden Eomans Leo Braun. Der zarte Knabe wächst auf, sein Leben theilend zwischen dem Besuche des Cheders und dem Aufenthalte in einem Hause, dessen Herr mit gewaltiger Strenge die speeifische Geistesdressur des Knaben überwacht und dessen unfreundliches Wesen den düsteren Ton im Hause schafft. Als ich obengenannte Abhandlung schrieb, legte ich ihr nur Erfahrungen zugrunde, die ich im Bereiche meines westeuropäischen, meist arischen Milieus gesammelt hatte. Seitdem Hessen mich viele der von Ost nach.West freiwillig oder unfreiwillig verschlagenen, nach Wissenschaft und Lebensschönheit dürstenden jüdischen Jünglinge durch Offenbarung ihres inneren Werdeganges ahnen, dass in der Ghetto- und Chederluft des Ostens oft Knaben heranwachsen, die, mit Phantasie begabt, die Schranken der dumpfen Lehrstube und der tristen Häuslichkeit mit dem kühnen Schwünge der Einbildungskraft überfliegen. Dem Dichter Ephraim Frisch war es vorbehalten, alle diese verhaltene Sehnsucht, dieses verborgene Träumen derer, die in jener freudelosen Sphäre aufwachsen, mit einem Meistergriffel zu zeichnen. Seine Worte muthen uns an wie ein Selbstbekenntnis, wie eine Offenbarung eigenen inneren Lebens und Erhebens. In einer virtuosen Kleinmalerei hat er die Entwicklung des