Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Zweierlei Mass
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 ,Die & Welt6( Seite 11 bei, dass,die jüdische Bevölkerung sich von dem Besuche der Ausstellung gänzlich ferne hielt. Die Bedrückung der rumänisch-jüdischen Handwerker und die Erschwerungen, welche man ihnen bei der Ausübung ihres Gewerbes in den Weg legt, sind nicht nur ein schweres Unrecht gegenüber diesen üeissigen Menschen, sondern auch eine überaus kurzsichtige .Massregel, welche der ganzen Entwicklung des Landes nur schaden kann." Zweierlei Mass. Wir lesen in der »Ungarischen Wochenschrift": Die Cultusgemeinde in Wr.-Neustadt wollte einen neuen Tempel bauen und wandte sich um einen Betrag an Baron Albeit Both Schild. Er sandte fünfzig Gulden. Das schien ihr zu wenig, und sie wandte sich mit dem gleichen Ansinnen an seinen Bruder Nathaniel. Die Antwort war, die fünfzig Gulden des Baron Albert gelten für beide Brüder. Als Beitrag für die Elisabethkirche in Wien aber spendeten die Brüder Rothschild zehntausend Gulden. Das heisst, sie wollten sie spenden, wurden aber von der Fürstin Metternich noch rechtzeitig aufmerksam gemacht, dass hohenorts jüdische Spenden zum Bau dieser Kirche nicht genehm seien. Der holländische Dichter Hermann Heijermans, dessen Drama „Die Hoffnung6 in Berlin den Erfolg der Saison erzielte, und das jetzt durch die Mitglieder des Deutschen Theaters in Wien dargestellt wird und grossen Beifall findet, ist ein Jude. Er begann seine literarische Thätigkeit mit der Schilderung des Amsterdamer Juden vierteis. In seinem Drama „Die Hoffnung" verleugnet Heijermans das Judenthum auch darin nicht, dass continuierlich vom fünften Gebot gesprochen wird: „Ehre Vater und Mutter u. s. w.", welches bekanntlich in den christlichen zehn Geboten an vierter Stelle steht. Juden in Italien. Der neue italienische Kriegsminister Josef Ottolenghi war der militärische Erzieher des jetzigen Königs von Italien. J. O 11 o 1 e n g h i, der zuletzt ein Armeecorps commandierte, ist, wie wir bereits bemerkten, Jude. Er ist übrigens, wie die „Voss. Z.cc hervorhebt, nicht der erste Jude, der Mitglied eines italienischen Ministeriums wird; auch L u z z att i und W o 11 e m b o r g sind Juden. Die Zulassung der Juden zu den höchsten Staatsämtern Italiens ist auch keine Errungenschaft der jüngsten Zeit. In dem Lande, dessen Verfassung in ihrem ersten Artikel die ,katholische, apostolische und römische Religion" als einzige Staatsreligion bezeichnet, während andere Culte nur als toleriert gelten, hat schon von mehr als 40 Jahren der Graf C a v o u r Juden von hervorragender Tüchtigkeit in seine Nähe gezogen und ihnen Vertrauensämter im Bereiche des Ministeriums des Auswärtigen übertragen. Einer von ihnen war der spätere italienische Gesandte in Kopenhagen und Karlsruhe, Isaac A r t o m, den Vis conti- V e n o s t a später als Generalsecretär in die Consulta berief. Auch der gegenwärtige Inhaber dieses Postens, der Senator Malvano, seit Jahrzehnten die eigentliche Seele des Auswärtigen Amtes, ist jüdischen Glaubens. Die Familie O tt olenghi stammt aus Ettlingen im Würtembergischen. Ein Neffe des jetzigen Kriegsministers Advocat Ottolenghi ist einer unserer feurigsten Gesinnungsgenossen in Italien. Die Juden in Gibraltar. In der Stadt Gibraltar und ihrer Umgebung gibt es gegenwärtig 9400 Juden, darunter 7000 eingeborene Spaniolen und 2400 eingewanderte, zumeist rumänische Juden. Sowohl die eingeborenen, wie die zugewanderten Juden erfreuen sich materiellen Wohlstandes und aller Bürgerrechte. In der Stadt selbst wohnen 3000 jüdische Seelen. Die spaniolischen Juden üben auf die Verwaltung dieser englischen Besitzung einen bedeutenden, dabei überaus segensreichen Einüuss aus. In dem Stadtrath von Gibraltar befinden sich die Juden in der Majorität. Die jüdischen Auswanderer aus Rumänien, die an Gibraltar vorbeireisen, werden dort stets in ausgiebiger Weise unterstützt. Der Präsident des Comites zur Unterstützung der Armen, Banquier David C u b a, nimmt sich der wandernden Juden sehr liebreich an. Voriges Jahr sandten die spaniolischen Juden von Gibraltar für die in. der Türkei, in Aegypten und England befindlichen rumänischen Juden über 3000 Dollars nach Constantinopel und London. Die Zahl der Juden aus Russland beträgt in Gibraltar 96 Familien. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Die Mai-Nummer von „Ost und West" ist sowohl textlich wie illustrativ besonders glanzvoll. An erster Stelle steht eine Würdigung Jozef Israels* von Dr. G. Kutna, der in geistvoller Weise das Wesen und die Art des grossen Malers aus seiner Abstammung psychologisch erklärt. Das feinsinnige Essay wird durch eine grosse Zahl von Reproduktionen der besten Bilder des Meisters illustriert Sehr interessant sind ferner die Photographien yemenitischer Juden, welche der zum Judenthum bekehrte Hermann Burchardt seinem Artikel über die Juden in Yemen nach eigenen Aufnahmen beigibt. Dr. Franz Oppenheimer schreibt über „Die Anfänge des jüdischen Capitalismus", Mathias A c h e r über „Jüdische Statistik und ihren Wert". „Die Ersten", ein Gedicht von Berthold Feiwel, und ein Gedicht von Morris R o s e n fe 1 d, von Feiwel ins Deutsche übertragen, und eine von demselben aus dem Jüdischen übersetzte Geschichte: „Zwischen Vater und Mutter'' von dem jungen Autor H. D. Naumberg bilden den belletristisch-literarischen Theil der Nummer, die noch eine ganze Reihe kleinerer und lesenswerter Beiträge aufweist. „La vita internationale", eine populäre, italienische illustrierte Wochenschrift, bringt aus der Feder unseres venetianischen Gesinnungsgenossen Angelo Sullam eine eingehende und sehr hübsch geschriebene Abhandlung über den Zionismus, demReproductionen Lilien'scher Zeichn ungen als Illustrationen beigegeben sind. Die jüdische Armut in Odessa. Von L. Borodowskij, Odessa H)0->. Verlag von Halperin und Schweizer. 50 S. (Russisch,) Ein .düsteres Buch, das die erschreckende Lage der Juden in Odessa nach offiziellen Daten schildert. Von den 100.000 Juden, welche Odessa beherbergt, ist beinahe die Hälfte, 48.549 Personen, der drückendsten Noth und unmöglichen sanitären Zuständen der Wohnungen preisgegeben. Handwerker, Arbeiter, Taglöhner, Hausierer und kleine Krämer — die bilden die Armee der in unsäglichem Elende lebenden 48.549 Juden. - Auf einzelne Schilderungen dieses Elends und Jammers, welche Borodowskij entwirft, wollen wir nicht näher eingehen : sie sind herzzerreissend. Bemerken wollen wir jedoch, dass diese erschreckende Noth nicht das Los der Odessaer Juden allein bildet: die jüdische Masse auch der anderen Städte Russlands, in denen den Juden der Aufenthalt gestattet ist, steht unter dem Zeichen dieses Elends. Dr. L. Soloweitschik in seinem bekannten Buche „Un Proletariat meconnu" schreibt darüber wörtlich: „Die jüdischen Arbeiter in dem sogenannten Niederlassungsgebiete sind der grausamsten Noth preisgegeben. Ganze Familien von Arbeitern sind gezwungen zu betteln und wissen nicht, wo sie zur Nachtzeit ihr müdes Haupt niederlegen werden/ Borodowskijs Arbeit ist ein interessanter Beitrag zur Kenntnis der verzweifelten ökonomischen Lage unserer Stammesgenossen im heiligen Russland. $fas d«) \)ereii)ei>. Voranzeigen. Wien. (, Allgemeiner jüdischer Arbeiterv er ein", IL, Rembrandtstrasse 3.) Der für den 11. Mai d. J., 2 Uhr nachmittags angesetzt gewesene Ausflug nach Klostern euburg-Kierling musste infolge schlechter Witterung auf Sonntag den 25. d. (Abfahrt °2 Uhr nachmittags Stadtbahnstation Brigitta-Brücke) mit gleichem Programme verschoben werden. Karten h 15 kr. sind im Vereinsiocale und Cafe Steinschneider erhältlich. Im Falle abermaligen ungünstigen Wetters findet der Ausflug am nächstfolgenden Sonntag statt. Um zahlreichen Besuch bittet die Vereinsleitung. Wien. Die „Vereinigung zion istische r Hoc lisch ülerK beabsichtigt in nächster Zeit einen hebräischen Spracheurs ins Leben zu rufen. Wir bitten zu diesem Zwecke diejenigen Collegen, welche bereit wären, an dem Unterrichte theilzunehmen, sich baldigst bei uns zu melden. Zuschriften in dieser Angelegenheit bitten wir zu senden an jur. Josef M eis 1, I., Universität, und techn. Alfred H e r s z 1 i k i e w i c z, IV., Technik.