Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Aus der Colonie Petach-Tikwah
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 Die & Welt6" Nr. 21 Aus der Colonie Petach-Tikwah schreibt uns uaser Jafifaer Correspondent Herr Josua Beujaminsohn: Am Sab- .bath der Pessach-Haibfeiertage sprachen in der hiesigen Synagoge zwei Colonisten vor der versammelten Bevölkerung der Colonie und einigen auswärtigen Gästen über den Zionismus. Anwesend waren unter anderen auch zwei ausländische Gesinnungsgenossen, der eine aus England, der andere aus Polen, die die Colonisten zu ihrer stramm zionistischen Gesinnung aufs wärmste beglückwünschten. Die Colonisten von Petach-Tikwah sind nahezu ausnahmslos begeisterte politische Zionisten, die alle Parteipflichten getreulich erfüllen, den Schekel zahlen, Spenden für den Nationalfonds sammeln, Shares der Jüdischen Colonialbank zeichnen und mit ihren Segenwünschen die Thätigkeit der auswärtigen Zionisten verfolgen. Tiefgerührt war ich von der schlichten, tiefinnigen Religiosität, mit der in Petach-Tikwah das Pessachfest geleiert wurde. Das sollten unsere Protestrabbiner einmal mit ansehen, diese weihevolle Festesfreude, diesen Feierfrieden, der über die ganze Gemeinde milde gebreitet war und mir meinen jüngsten Aufenthalt in Petach-Tikwah unvergesslich machen wird. — Am Ausgange des Sabbath fand eine Gemeinderathssitzung statt, zu der aucn Gäste Zutritt hatten und in der über die laufenden Angelegenheiten der Colonie berathschlagt wurde. Ich gewann von dieser Versammlung einen überaus günstigen Eindruck. Die Berathungen wurden mit musterhafter Ruhe und Sachlichkeit geführt, und obgleich manche Punkte der Tagesordnung von sehr schwerwiegender Natur waren und Lebensinteressen mancher Colonisten auf dem Spiele standen, fügte sich die Minderheit willig den im Interesse der Gesammtheit gefassten Majoritätsbeschlüssen. Dies verdient umsomehr hervorgehoben zu werden, als die Lage der Colonie gegenwärtig äusserst unsicher ist und die Abgaben einzelner Colonisten für die Gemeindeinstitutionen weit über ihre Kräfte gehen. Die Colonie fmdetbeider „Ica" nicht die nöthige Förderung und entbehrt z. B. schon seit Jahren eines Bades, dessen sie dringend bedarf. Auch die Brunnen sind aus Mangel an Geldmitteln in schlechter Verfassung. Es wäre den biederen Colonisten von Petach-Tikwah zu wünschen, dass sich ihr Los günstiger gestalte. In London starb Mr. Asher J. Myers, der Herausgeber des Londoner „Jewish Chronicle", im Alter von 54 Jahren nach längerer Krankheit. An diesem frischen Grabe wollen wir uns nicht der mannigfachen Angriffe erinnern, denen unsere Bewegung in dem Blatte des Dahingegangenen ausgesetzt war. Den guten und grossen Manieren der englischen Publicistik konnte sich auch der „Jewish Chronicle" unter der Leitung Mr. Asher J. My ers nicht entziehen, und so hatte man oft genug Gelegenheit, in den Spalten dieses weitverbreiteten Blattes auch objective, ausführliche Berichte über unsere Bewegung zu lesen. Asher J. Myers war ein tüchtiger und talentierter Journalist- Sein Leichenbegängnis vereinigte Leidtragende aus den besten jüdischen Kreisen Londons. Todesfälle. In Jerusalem verschied dieser Tage der Rabbiner der dortigen vereinigten Chassidim-Gemeinden, Rabbi Senior Salomon Lädier, gewesener Rabbiner in Lublin im Alter von 72 Jahren. Der Verblichene galt als eine der bedeutendsten Koryphäen der Gegenwart auf talmudischem Gebiete. — In Paris starb vor kurzem Doctor med. Naphtali Theodor Klein, ein Führer der gesetzestreuen Juden Frankreichs und bedeutender Talmudist. * Die russischen Autoritäten und der Zionismus. Sehr geehrte Redaction! In Nr. 18 der „Welt* berichten Sie über ein Ihnen von gesinnungsgenössischer Seite aus Warschau zugegangenes Dementi, welches alle von einer gewissen Presse verbreiteten tollen Gerüchte über die Massenarretierung von Zionisten in dieser Stadt und die Beschlagnahme von zionistischen Schriften vollends zerstreut. Die hohe Wichtigkeit der hier nun einmal erörterten Frage über die Stellung der russischen Regierung, respective ihrer höheren Verwaltungszweige zur zionistischen Bewegung, wie auch der Umstand, dass das „vermeintliche Verbot" sich gerade um Warschau handeln sollte, veranlasst mich, an dieser Stelle folgenden Fall mitzutheilen : Der Herr Curator des Riga'schen Leh i bezirkes, Geheimrath Schwarz, der kürzlich auf denselben Posten nach Warschau zur Leitung des dortigen Lehrbezirkes berufen wurde (sein Vorgänger im letztgenannten Amte war der neuernannte Unterrichtsminister v. Wasnjew), hat nämlich in Vereinbarung mit dem Gouverneur von Kurland, Hofmeister K w e rb e j e w, im März d. J. unserem Gesinnungsgenossen Herrn Dr. phil. A. B. Nu rock (einem Sohne des bekannten Mitau'schen Rabbiners) auf sein Ansuchen officiell gestattet, einen Vortrag unter dem Titel: „Der Zionismus und der V. Zionisten-Congress in Basel" in den Städten Mitau und Bocuske zu halten. Herr Dr. Nurock, der auf dem letzten Congresse Delegierter der beiden erwähnten Städte war, fand es nämlich für angebrachter, anstatt des üblichen privaten Referates vor den „ Getreuen * (in der Synagoge) einen offici eilen, für die öffentliche Aufmerksamkeit gewisser Kreise berechneten Vortrag über den „Zionismus und den V. Congress" zu halten. Dieses Mittel erwies sich auch, wie aus der „Mitau'schen Zeitung" und der hebräischen Presse zu ersehen ist, als ein vorzügliches. Schon die Thatsache, dass officiell über den Vortrag annonciert wurde, dass derselbe in Mitau im grössten Saale (des Gewerbevereines) stattfand, von der besten jüdischen, wie nicht jüdischen Gesellschaft besucht war, und schliesslich, dass die von einem lutherischen Theologen geleitete „Mitauer Zeitung" einen langen redactionellen Bericht über den Vortrag brachte — dies alles hat gar viel zu sagen! Meines Wissens hat sich nur noch ein ähnlicher Fall in Jekaterin oslaw ereignet, wo unser Gesinnungsgenosse Herr Ingenieur Ussischkin die gleiche Erlaubnis erhielt Jedenfalls verdient der Umstand, dass gerade der Geheimrath Schwarz, von dem nur die Erlaubnis von jeglichen öffentlichen Vorträgen im Czarenthum Polen abhängt, es war, der einen officiellen Vortrag über den Zionismus gestattet hat, wohl ganz besonders hervorgehoben zu werden. Unsere Gesinnungsgenossen im Königreiche Polen aber mache ich hierdurch auf diese seitens des Geheimrath es Schwarz dem Zionismus gegenüber eingenommene Haltung aufmerksam. Ich will hoffen, dass sie nicht verfehlen werden, bei Abhaltung von öffentlichen Vorträgen von meinem Hinweise Gebrauch zu machen. Kurland. A. J. W«l^üb^i>ik- Das Handwerk unter den rumänischen Juden. Das in Berlin erscheinende Wochenblatt „Nation" erhält von einem „protestantischen Grossindustriellen, der zugleich in unserem öffentlichen Leben eine hervorragende Stellung einnimmt", eine Zuschrift, in der es heisst: „Als genauer Kenner des Landes kann ich nur bestätigen, dass sich dort das Handwerk zum grossen Theile in den Händen der jüdischen Bevölkerung befindet. Tapezierer, Buchbinder, Schneider, Maler u. s. w. sind in grosser Mehrzahl Juden, und in einer Anzahl von Orten würde man vergebens in manchen Gewerben einen christlichen Handwerker suchen. Es gibt deren noch unter den eingewanderten Oesterreichern, Ungarn und Deutschen, auch einige Italiener, aber die rumänische Bevölkerung betreibt in ihrer grossen Mehrzahl den Ackerbau, und nur in den grösseren Städten hat sie sich nach und nach dem Handwerke und dem Gewerbe zugewandt. Vor einigen Jahren hat man in Bukarest den Versuch gemacht, eine Industrie-Ausstellung zu veranstalten. Sie ist auch zustande gekommen, machte aber einen überaus kläglichen Eindruck — weil man keinen Juden als Aussteller zugelassen hatte. In einer besonderen Abtheilung stellten diejenigen aus, welche nach Rumänien lieferten, und zu dieser Ausstellung'wurden auch jüdische ausländische Firmen zugelassen. Ohne solche bedauernswerte Engherzigkeiten würde die Ausstellung ohne Zweifel ein weit besseres Bild der gewerblichen Thätigkeit des Landes abgegeben haben. Zu dem Fiasco trug dann ferner