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Die Welt · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Article
Warum die Juden vorwärts kommen
Date
1902-05-23
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 m® & weint* Nr. 21 Fähigkeit überall, in Spanien und Schottland, in Bengalen und Pensyivanien beibehalten, was sie auch thun; aber niemals begründeten sie einen Staat, niemals haben sie sich zu einer Kaste Regierender aufgeschwungen, haben niemals das Joch weit tiefersteh ender Rassen von ihrem Nacken abgeschüttelt und ein regierendes Volk zu ihren beständigen Schutzherren gewonnen. Fürwahr, ein erfolgreiches Volk! Wahrlich, beim Lesen ihrer modernen Geschichte könnten wir beinahe in den lästerlichen Aberglauben verfallen, weicher eine corsische Vendetta für eine Strafe des Allbarmherzigen ansieht und sich einbildet, dass der Herr die Schuld, die unsere alten Vorfahren durch die Kreuzigung Christi auf sich geladen haben, ewig an den Unschuldigen rächt.Ä So weit erklären wir uns ganz mit Mr* Zangwill einverstanden; aber nicht so vollkommen befriedigt fühlen wir uns von der Erklärung des Erfolges einzelner Juden. Dieser Erfolg ist so ausserordentlich gross und anhaltend, besonders in der Anhäufung von Capital, dass durch Europa die lächerliche Wahnvorstellung verbreitet wurde: die Juden wären alle reich, was Anlass zum Sprichworte : „So reich wie ein Jude" gab, und wodurch auf dem Continente eine geheime, jedoch stark wirkende Furcht entstand, dass, wenn man nicht über die Juden den socialen Boycott und gesetzliche Einschränkungen verhänge, sie alle Berufe, alle Lehrstühle, alle Zeitungen und beinahe jede Vertretung in den Parlamenten ausschliesslich für sich in Anspruch nehmen würden. Das ist die Entschuldigung, die intelligente Russen immer für ihre entsetzlichen Ausschliessungsgesetze finden; die Deutschen erklären, der Monopolisierungsversuch der Juden sei im Fortgange begriffen und müsse aufgehalten werden, während die Antisemiten Frankreichs fluchend versichern, dass Frankreich, wenn es nicht sämmtliche Juden davonjage, ihnen binnen kurzem als Erbstück zufallen werde. Dieser panische Schrecken ist einfach lächerlich; denn die Juden haben im Kriege nichts, und auch nichts Besonderes in der Kunst, Literatur und den praktischen Wissenschaften geschaffen; und wie uns Mr. Zangwill zeigt, sind sie auch im Gelderwerbe von unempfindlichen Angelsachsen weit überholt. Jeder Jude kann in den Vereinigten Staaten so reich, als ihm beliebt, werden, ohne dem Banne oder der Lynchjustiz zu verfallen. Aber die amerikanischen Millionäre, die erst vor kurzem die Welt in eine kindische Aufregung versetzten, sind keine Juden. Mr. Rocke feller, Mr. Carnegie, Mr. Pierpont Morgan, die V a n d e rbilts und dieAstors sind alle keine Juden, selbst nicht entfernt mit ihnen verwandt und mindestens zwei von diesen Plutokraten nehmen im Besitze über sofort verfügbares Capital einen höheren Rang ein, als jedes einzelne Mitglied der grössten jüdischen Firmen. Jedoch haben viele Juden ganz besondere Erfolge aufzuweisen, und der Gegensatz zwischen ihrer Stellung und der ihres Stammvolkes ist merkwürdig genug, um zu weiteren Fragen Anlass zu geben. Mr. Zangwill beantwortet sie, indem er die allgemeinen ökonomischen Vorzüge der jüdischen Rasse reeapituliert. »Die Juden sind sparsam, nüchtern und im Gelderwerbe aufgezogen und deshalb einflussreiche Millionäre." Wir sehen das nicht ganz ein. Diese Eigenschaften erklären uns zum Theil die jüdischen Millionäre, dann aber erklären sie uns aber viel zu viel, denn wenn alle Juden fleissig, intelligent ehrlich und mässig sind und geneigt, den in derselben Schule Auf erzogenen zu vertrauen warum macht die ungeheure Majorität der Juden im Kampfe ums Dasein so offen Bankerott? „O!« sagt Mr. Zangwill, „das ist das Ergebnis der Unterdrückung von aussen." Das ist begreiflich. Aber unterdrückt man die fortkommenden Juden nicht ebenso wie die zurückbleibenden, welch erstere sich doch emporgearbeitet haben, mit der Aussicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Der Himmel weiss, dass die Juden in Whitechaple frei genug sind, und doch gibt es keine Gruppe menschlicher Wesen, die elender, überarbeiteter und niedergedrückter wäre. Wir möchten eher behaupten, dass in dieser Angelegenheit des Gelderwerbes ein Gesetz der Juden in Kraft ist, das in ihrer frühesten Geschichte zum Vorschein kommt und mit ihrer ganz besonderen anhänglichen Natur in Zusammenhang steht. Nie gab es eine Nation, in der Individuen so unverkennbar über die Masse hervorragten, niemals ein Volk, das mehr am Irdischen hieng und erhabenere Seelen schuf. Die Propheten* welche die Fackel des Monotheismus hochhielten, entsprangen einer Rasse, die immer den polytheistischen Glaubensbekenntnissen anderer Semiten nachhängen wollte. Das unpoetischeste Volk entwickelte die Dichter, deren Gesänge schon zum Tröste der Welt geworden waren, als das Christenthum ihre Abgeschiedenheit zerstörte. Die Masse der Juden befürwortete und drang auf die Hinrichtung Christi, aber aus ihrem Pöbel giengen zwei Juden hervor, die Christi Lehre in die Doctrinen kleideten, welche zu den endgiltigen Gesetzen der weissen Rasse wurden, die jetzt der Herr der Welt ist. Die jüdische Nation ist ein Morast, aus welchem unter Umständen, die der Naturforscher noch nicht gänzlich zu erklären imstande ist, mächtige Eichen emporwachsen können. Lesen wir die Geschichte des Judenthums, so ist folgende unbezweifelte Thatsache wunderbar: während die Masse der Juden Zeitalter hindurch kein Geld erwarben, zeigten einige ihrer Individuen eine erstaunliche Geschicklichkeit darin. Man würde es wahrlich nicht erwarten, dass Anselm Rothschild dem Frankfurter Ghetto entstammte; aber noch unglaublicher dünkt uns, dass Moses Mendelssohn aus einer Dessauer Schule kam, Heine aus den hoffnungslosen Philistern Hamburgs hervorgieng, die ihn wegen seines Singens gern erwürgt hätten. Es heisst: wenn man den Juden des Transvaals alle Bürgerrechte ertheilte, so würde jeder die Fähigkeit zeigen, Millionär zu werden. Es würde ihnen wahrscheinlich in der Freiheit*) missglücken, was ihnen in der Sclaverei missglückfce, mit Ausnahme einiger weniger, die sich vielleicht zu grossen Geschäftshöhen aufschwängen, möglicherweise selbst bis zur halben Höhe des holländisch-amerikanischen Rockefeller. Ausnahmsjuden kommen auf exceptionelle Weise vorwärts; der Grund aber, warum ihnen alles gelingt, ist der äusserst geringe Widerstand, den sie in ihrem Wirkungskreise finden. Die Angst über die Idee ihrer Gleichberechtigung, die selbst einige helle Geister gespensterhaft schreckt, scheint uns ganz grundlos. Einzelne unter ihnen mögen ja grossartig vorwärts kommen und zu ebenso sicheren Capitalreservoiren wie ein Rocke feller oder Vanderbilt werden; aber die ganze Rasse als solche wird eine gewöhnliche bleiben mit nur einer besonderen Eigenschaft: bedeutende Individualitäten zu schaffen. Herr Dr. A. Elias, Mühlhausen i. E., ersucht alle Vertrausnsmänner in den einzelnen Städten, ihm das Resultat der Alliance- Wahlen umgehend bekanntzugeben. * An die jüdische Studentenschaft aus den südslavischen Ländern! Einem lange empfundenen Bedürfnisse entgegenzukommen, wurde eine Vereinigung jüdischer Hochschüler aus den südslavischen Ländern „Bar Giora" gegründet. *) Unter Freiheit ist hier die Gleichberechtigung verstanden.

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