Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Ein "Archiv für Zionismus"
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Die jfr Welte1 Seite 7 sich hilf- und rathlos benahm, sobald es sich nur um eine Frage handelte, die ausserhalb des Rahmens der alltäglichen Agitationsthätigkeit sich befand. Um nicht vorzugreifen, unterlasse ich es jetzt, eine ausführliche „Liste" dieser discussionsreifen und discussionsbedürftigen theoretischen Probleme aufzustellen» Möge die hier gegebene Anregung einstweilen genügen. Ein öffentlicher Meinungsaustausch über diese Angelegenheit wird wahrscheinlich nicht lange auf sich warten lassen. Dann werden auch die Details Berücksichtigung finden. Ich will nur noch einige praktische Bemerkungen hinzufügen. Was die Sprache des Archivs anbetrifft, muss dieselbe international sein. Das Golus, das so viel Aftergestalten in Zeit und Raum an das Tageslicht gebracht hat, hat es auch veranlasst, dass Juden über jüdische Angelegenheiten grösstenteils in nichtjüdischen Sprachen verhandeln müssen. Es ist eine Thatsache, mit der man rechnen muss. Da es also Juden, resp. Zionisten mit verschiedenen Sprachen gibt, muss auch das Archiv für den Zionismus Abhandlungen in verschiedenen Sprachen — hebräisch, deutsch, französisch, russisch und englisch — aufnehmen und veröffentlichen können. Diesen internationalen Charakter betrachte ich als eine Conditio sine qua non. Aehnliche Archive besitzen auch einige biologische Wissenschaften. Selbstverständlich wird jede Sprache ihren Redacteur haben. Ausserdem muss der Einheitlichkeit wegen von jeder Arbeit auch ein kurzes deutsches oder hebräisches Referat hinzugefügt werden. Wir Juden sind ja — Hebräisch ausgenommen — Polyglotten. Und wenn es nur wenigen gegönnt ist, in einigen Sprachen literarisch arbeiten zu können, wird es doch mit dem Lesen nicht so schlimm gehen, besonders in den gebildeteren Kreisen, für welche hauptsächlich das Archiv bestimmt ist. Dass Belletristik und Gedichte wie auch Philologie und alte Geschichte in dieses Archiv nicht gehören, bedarf ja keiner besonderen Erwähnung. Unser Archiv, den Gegenwartsproblemen des Zionismus gewidmet, soll sein Ziel mit streng wissenschaftlichen Mitteln, frei von allen pseudoästhetischen Alfanzereien, verfolgen. Wird unser Archiv diesen Charakter behalten, so kann es unbedingt auf einen zwar engen, aber treuen und wertvollen Leserkreis rechnen. Ja ich möchte sogar behaupten, dass das Archiv manchen, der der Agitationspresse gegenüber taub und unzugänglich war, uns näher bringen wird. Denn zum Zionismus kann man nicht nur durch das Herz, sondern auch — was freilich schwieriger ist — durch den Kopf kommen. Und nun — the last but not the least — komme ich zu der praktischen Ausführung. Gewiss bietet dieselbe manche Schwierigkeiten, sie werden sich aber doch leicht überwinden lassen. Wenn das Archiv jährlich 6 Hefte ä 8—10 Druckbogen herausgeben könnte, würde es dann jährlich ungefähr 600 Mk. benöthigen, was durch 300 Abonnenten a 20 Mk. sich leicht decken liesse. Man darf gerade kein zu grosser Optimist sein, um zu behaupten, dass diese kleine Zahl von 300 Abonnenten sich finden wird. Besitzen ia manche Specialfächer, deren Interessentenkreis im Vergleich mit dem des Zionismus verschwindend klein ist, ihre eigenen Archive mit voluminösen Beiträgen (Assyriologie, Roentgenographie u. s. w.). Und schliesslich beweist ja die grosse Frequenz der Congresse, dass es Hunderte von Zionisten gibt, die von der Ausgabe sogar einiger hundert Mark nicht zurückschrecken, wenn es sich nur um eine wichtige zionistische Angelegenheit handelt. Die materielle Basis für das Archiv wird sich leicht schaffen lassen. An geistigen Kräften wird es wahrscheinlich auch nicht fehlen, besonders wenn an der Spitze nicht nur die Namhaftesten, sondern auch die Berufensten stehen werden. Das Archiv wird freilich nicht rasch die Zahl der zionistischen Vereine vergrössern, aber selbstbewusster — sit venia verbo — zionistischer wird sie dieselben machen. Und das ist eben eine der wichtigsten Aufgaben der sogenannten Cultur-Commission. Warum die luden vorwärts kommen. Unter diesem Titel hat in „The New Liberal Review" unser grosser Gesinnungsgenosse Israel Zangwill einen in England vielbemerkten Artikel veröffentlicht. Der „Spectator", eine der vornehmsten englischen Wochenschriften, knüpft an den Artikel Zangwills interessante Bemerkungen, deren Hauptstellen wir nachstehend reproducieren: Diese so oft gestellte Frage beantwortet Mr. Zangwill, ein sowohl competenter, als auch beredter Fürsprecher seines Volkes, in der Mai-Nummer der „New Liberal Review" rasch und klar. „Sie kommen nicht vorwärts!" schreibt er, und er sagt offenbar die Wahrheit. Es gibt auf der Welt keine Rasse von ähnlichem Rufe, die so gänzlich Schiffbruch gelitten hat, die so jämmerlich arm ist oder unaufhörlich, täglich, ja beinahe stündlich so unterdrückt wird, wie die jüdische. Wie Mr. Z a n g w i 11 sagt, sin d „11 Millionen menschlicher Wesen ohne Zusammenhang in der Welt zerstreut, ohne irgend ein gemeinsames Territorium oder gemeinsame Macht, unfähig, ihre Kraft nach einer bestimmten Richtung hin zu concentrieren; ein Volk ohne nationale Kunst, und jeder zeitgemässen Literatur bar, selbst die alte Einheit seiner Religion in ein Dutzend Fragmente zersplittert, zur Hälfte in engen Bezirken in Russland eingepfercht, zusammengedrängt in Städten und unberechtigt, die Felder zu bebauen; hunderttausenden anderen Juden in Rumänien wieder werden beinahe die Rechte von Thieren weggeleugnet: selbst dort, wo sie unter scheinbarer Gleichheit prosperieren, wie in Deutschland und Frankreich, sind sie dem Wellenschlage des Antisemitismus ausgesetzt; selbst im freien Amerika sind sie vom allgemeinen, gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen — so sind die Juden nichts weniger als das Bild eines glücklichen Volkes, sondern die Sclaven der Welt." Die Hälfte aller Juden lebt in Russland und ihr üurchschnittsbesitz beläuft sich — offiziellen Angaben zufolge — auf weniger als ein Pfund Sterling per Kopf; in Rumänien ist der Durchschnitt sogar geringer; in Asien besteht die Mehrzahl des Volkes aus Bettlern; und selbst in London, wo die Juden vollkommen frei sind, lebt weitaus die Mehrzahl in überfüllten Zimmern bei täglich vierzehnstündiger schwerer Arbeit für einen geringeren Lohn, als die Christen ihn nehmen würden. Ihr Fleiss ist bewundernswert, sie sind frei vom Laster des Trunkes, ihre Klugheit macht sie bei ihren Nachbarn und Nebenbuhlern so gefürchtet, wie Zwerge bei den Riesen, das ist aber auch das ganze Endergebnis. Obwohl voll Fähigkeiten, haben sie niemals den kleinsten directen politischen Einfluss erlangt; als die halsstarrigste aller Rassen haben sie sich doch nie ihrer Unterdrücker erwehren können; trotzdem sie nach nützlichen Kenntnissen mehr als alle anderen Völker streben, sind sie nie erzogen werden; die eitelste Nation, haben sie sich in Ländern wie Deutschland oder Amerika, wo ihnen weder König noch Mob etwas anhaben können, einem socialen Boycott unterworfen. Zu diesem Zwecke stand ihnen der beinahe unbegrenzte Zeitraum von 1700 Jahren zur Verfügung; die ganze Welt lag offen vor ihnen, denn sie können ihre ausserordentliche Lebens-