Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Der rumänische M. C. A. rührt sich!...
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 6 »Die Nr. 21 Das rumänische M. C. A. rührt sich!. .. Europa hat die Unverschämtheit gehabt, sich in die Angelegenheiten Rumäniens ein wenig einzumengen. Zwar hat es damit den hungernden rumänischen Juden nicht viel geholfen, dafür aber das rumänische M. C. A. erbost Und wenn das rumänische M. C. A. erbost ist — so haben es die rumänischen Juden zu fühlen, jahrelang zu fühlen und zu weinen — die Hinterbliebenen nämlich, denn die Getödteten, die wissen freilich nichts mehr vom rumänischen M. C. A. Die „Gazetta Conservatoare" schreibt; Infolge der Campagne, die die ausländische Presse gegen Rumänien führt, hat das M. C. A. (Mare Comitet Antisemit) beschlossen, eine grosse antisemitische Manifestation zu veranstalten. Es werden Volksversammlungen in allen grösseren Städten Rumäniens abgehalten werden : in Berlad, Roman, Focsani, Buzeu, Constantia, Ploesty, Crajova, Jassy und noch einigen anderen. Also das M.C, A. veranstaltet V o 1 k s v e r s a m mlungen gegen die Campagne der ausländischen Presse. Wenn ich Ihnen sagen werde, dass das M. C. A. dasselbe „Grosse Antisemitische Comitett ist, das die berühmten Volksversammlungen vom 16. Mai anno 1899, veranstaltet hat, so werden Sie begreifen, was diese harmlose Zeitungsnotiz enthält. Und wenn Sie erfahren werden, dass der Präses des M. C. A., Herr Noe Dimitrescu, hoher Beamter im Unterrichtsministerium des Herrn Ministers H a r e t ist, so werden Sie begreifen, was rumänische Politik ist. Nach aussen Dementis und Corruption, nach innen zuerst anonyme Liebeserklärungen und, wenn diese nicht helfen, Terrorismus des M. C. A. Das ist rumänische Politik. Gegen wehrlose Menschen, über deren Elend ganz Europa entsetzt war, die betrunkenen, bezahlten Pöbelmassen zu hetzen, um den Mund, der Gerechtigkeit verlangt, mit der Erde des Grabes zum Verstummen zu bringen. Noch sind diese Volksversammlungen des M. C. A. nicht gehalten worden, denn noch hofft Herr S t o u r d z a, die Anleihe zu bekommen, schreibt die „Gazetta Conservatoare". Aber jetzt, nachdem die Anleihe „dementiert" worden ist, jetzt, da die Regierungsklugheit des Herrn Stourdza ihm die nöthigen Gelder von den ausländischen Juden zu verschaffen nicht imstande war, was wird jetzt geschehen? Man weiss, dass die rumänischen Politiker wie Bankerottere raisonnieren. Man weiss zum Beispiel, dass das Regierungsblatt „L'independence Roumaine", den deutschen Blättern, die über die rumänischen Finanzen die Wahrheit sagten, nichts anderes zu antworten gewusst hat, als : „Wir (die Regierung) haben nichts zu verlieren, wir können höchstens genöthigt werden, in die Opposition zu treten, aber Ihr werdet verlieren, Ihr, die deutschen Creditoren, in deren Händen die durch ihre Berichte entwerteten rumänischen Wertpapiere sich befinden." So schreibt ein Regierungsblatt!! Nun, wird man sich da wundern, dass solche Politiker, wenn sie sehen, dass alles verloren ist, das sie die dementierte Anleihe wirklich nicht zustande bringen können, und dass sie sich wirklich zurückziehen müssen, ihrem Beamten Noe Dimitrescu die Ordre geben der ausländischen Presse durch Judenmassenmorde die Antwort zu geben? Das ist die nackte Wahrheit über die Lage der Juden in Rumänien: Würggesetze, Heuchelei und zuletzt Terrorismus des M. C. A. TicaPlehe. Ein „Archiv für Zionismus4'. (Vorschlag für die Mitglieder der Cultur- Gommission.) Von Dr. Z. Bychowski (Warschau). Wer auf irgendwelchem Gebiete der Natur- oder Socialwissenschaften selbständig arbeitet, kennt sehr gut den wesentlichen Unterschied z wichen einem Wochenblatte und einem Archiv. Während das erste den Interessen des Tages gewidmet ist und als solches von einem intermittierendem publicistischen Fieber durchzuckt sein muss, ist ein voluminöses Archiv für ernste, gut durchdachte und reif überlegte Abhandlungen bestimmt. Ein Wochenblatt, das verschiedene fortlaufende Parteiinteressen zu vertreten hat und au courant der Tagesereignisse und Journalistik sein muss, kann niemals umfangreichere theoretische Aufsätze beherbergen. Schon der sanguinische Ton, der in einem Wochenblatte herrscht und herrschen muss, schon die äussere Form eines Wochenblattes, welche nicht zulässt, einer Arbeit, und dazu noch einer theoretischen, viel Platz einzuräumen — macht die Veröffentlichung grösserer Arbeiten in demselben fast unmöglich. Denn dass eine ernste, einheitliche Abhandlung sehr viel von ihrem wissenschaftlichen Werte verliert, wenn sie im Laufe mehrerer Monate in kleinen wöchentlichen Dosen eingeschenkt wird, kann ja niemand bestreiten. Die Leistungen und Effecte eines publicistischen Wochenblattes wirken zwar prompt, sie verhallen aber viel zu schnell, während ein Archiv dauerhafte und tiefe Spuren in den Geistern zurücklässt, wenigstens zurücklassen kann. Die eben mitgetheilten Ueberlegungen veranlassen mich als Mitglied der in Basel letztens gewählten Gultur-Gommission, hier den Vorschlag zu machen, ein Archiv für den Zionismus zu gründen. Ueberblickt man unsere Bewegung und die von ihr geförderte Literatur, so ergreift den ernsten Denker nicht selten ein trauriges Gefühl von Oede und Dunkel. Ich will hier keineswegs die bisherige Thätigkeit der zionistischen Presse bemängeln und deren Verdienste verkleinern. Es ist entschieden nicht meine Absicht. Unsere Fachpresse hat während der ganzen Zeit ihre Pflicht treu und ehrlich erfüllt. Die glänzenden Erfolge, auf die wir mit Recht stolz sind, haben wir ja grösstenteils ihr zu verdanken. Der Zionismus aber hat sich schon aus den Windeln der Parforce-Agitation herausgearbeitet — ich behaupte nicht, dass er sie nicht mehr benöthige, allein ich glaube, dass sie nicht mehr ausreicht. In der gegenwärtigen Phase seiner Entwicklung bedarf der Zionismus einer Vertiefung und einer gründlicheren theoretischen Begründung, als es bis jetzt der Fall war. Es hat sich im Laufe der letzten Jahre eine ganze Reihe von höchst wichtigen principiellen Fragen und Problemen angehäuft, die man weder umgehen, noch mit einigen wohlklingenden Phrasen beseitigen kann und die, wenn auch nicht bald gelöst, doch ernst und wissenschaftlich sine ira et studio behandelt werden müssen. Und gerade denjenigen von uns, die seit mehreren Jahren, ja, wenn ich sagen darf, noch seit der urzionistischen Epoche auf diesem Gebiete thätig sind, drängen sich mehr und mehr verschiedene theoretische Fragen auf, gegenüber welchen man häufig ganz rathlos steht und über die man sich doch etwas Klarheit verschaffen muss. Der letzte Congress, dessen principielle theoretische Bedeutung noch bis jetzt viel zu wenig gewürdigt worden ist, hat besonders diesen Mangel an ernsten theoretischen Vorarbeiten an den Tag gebracht. Es war peinlich zu sehen, wie der grösste Theil der Gongressmitglieder