Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Oesterreichischer Zionistentag in Bielitz
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 21 ,0k & WeU^ Seite 5 Karl Rezek (Prag), als S.Stellvertreter Dr. Ludwig Goldwa s s e r (Krakau), als Schriftführer Max Tauber (Kolin) Nathan Gross (Wien), Emanuel F a n t a (Olmütz), Dr. Wahrhaftig (Bielitz). Unter den Delegierten befand sich auch das Mitglied des grossen A.-C. Dr. Kornhäuser aus Jaslo. Nach der Eröffnungsrede des gewählten Vorsitzenden, welcher auf die Bedeutung des Parteitages für die österreichische Organisation hinwies und von den Delegierten sachliche, ernste Berathung mit Ausschaltung aller kleinlichen und persönlichen Momente forderte, wurde der starke Einlauf verlesen, in welchem sich gegen 1: 0 Zuschriften und Zustimmungskundgebungen befanden. Stürmischen Beifall weckte das Sehreiben des französischen Zionistenbundes und das Telegramm der zu gleicher Zeit tagenden deutschen Zionistenconferenz in Mannheim. •XJeber den Rechenschaftsbericht des L.-C, welchen Dr. Krenberger erstattet, entspinnt sich eine lebhafte Debatte. Del. Hickl bespricht die Stellung der österreichischen Zionisten innerhalb der österreichischen Judenheit und constatiert, dass sie durch ihr radicaies, mannhaftes Auftreten von den offiziellen jüdischen Kreisen in den Cultusgemeinden und Vereinen bereits als Factor anerkannt und respectiert werden. Es sprechen noch die Del. Gross, A. H. Reich, Braff, Leon Reich, Dr. Syrup und der Berichterstatter. Die Debatte bewegte sich fast ausschliesslich um die Verhältnisse in Galizien und die Thätigkeit der dortigen Organisationen. Der Rechenschaftsbericht wurde einstimmig angenommen, ebenso nach kurzer Debatte der Cassabericht des Del. S. Mohr. Der Referent über die technische Organisation, Doctor Egon Zweig, erörtert an der Hand des in diesem Blatte bereits veröffentlichten Organisationsstatutes für Oesterreich die Aenderungen, die sich im verflossenen Jahre als nothwendig ergeben haben. Der Aufbau der Organisation, wie er in Olmütz beschlossen wurde, wird principiell als richtig anerkannt. Im Anschlüsse an dieses Referat berichtet Delegierter Mohr über „Budget und Parteisteuer". Die Parteisteuer soll neuerdings in der Höhe von 1 Krone für jeden Parteigenossen bestimmt und eingehoben werden. Die anderen, gleichfalls schon veröffentlichten Anträge des Referenten behandeln die Art des Incassos und die Verrechnung mit dem L.-C, respective D.-C. Auf Grund eines Beschlusses wurden im Anschlüsse an dieses Referat die Referate über »Die nächsten Aufgaben der einzelnen Organisationen" erstattet und die Debatte hierüber gemeinsam geführt. Del. Hickl, der für den erkrankten Referenten Weissberger eingesprungen war, nennt unter den wichtigsten bevorstehenden Aufgaben zunächst die Heranziehung geschulter Arbeitskräfte und tüchtiger Agitatoren, die stete Fühlungnahme mit den Cultusgemeinden und intensive Pflege aller die Verwaltung dieser betreffenden Fragen, endlich die wirtschaftlichen Massnahmen behufs Schaffung einer Arbeitsgelegenheit und Unterstützung von Arbeitslosen. Das Armenwesen der Cultusgemeinden müsse von Grund aus reformiert und nach modernen Gesichtspunkten geregelt werden. Der Correferent Dr. Goldwasser stellt das Minimalprogramm der nächsten Verwaltungsperiode auf, verlangt in organisatorischer und agitatorischer Richtung vor allem die Pflege der Statistik des jüdischen Volkes und citiert N o r d a u s Worte über ihre Bedeutung und Notwendigkeit für die zionistische Bewegung. Als zweite Aufgabe erörtert er die Institution der Wanderredner und verlangt die rasche Durchführung der Vertrauensmänner- Organisation. In Bezug auf die geistige und körperliche Hebung der jüdischen Volksmassen und die wirtschaftliche Kräftigung der jüdischen Kleinhändler und Kleinhandwerker stellt Referent in sein Arbeitspräliminare des nächsten Jahres nur jene Institutionen ein, welche von den Zionisten derzeit in Agriff genommen und erfolgreich geleitet werden können. Die darauffolgende, stellenweise stürmische Debatte über die Parteisteuer bestritten fast nur die galizischen Redner, welche unter Hinweis auf die materiellen Verhältnisse der galizischen organisierten Zionisten die Höhe der Parteisteuer bekämpften und für ihre Organisationen die Aufhebung der obligatorischen Parteisteuer forderten. Es sprachen Leon Reich, Dr. Lehrfreund, Löwen herz, Dr. Wahrhaftig, A. H. R e i c h u. a. Es wurden die Referenten antrage angenommen, ebenso ein Antrag der galizischen Landsmannschaft, dass diese nur ein Drittheil der eingehobenen Parteisteuer von 1 Krone pro Mitglied dem L.-C. abzuführen habe. II. Vertiandlungstag. In der sehr sachlichen und interessanten Debatte über die nächsten Aufgaben der Organisationen wurde eine Fülle fruchtbarer Anregungen gegeben, durch deren Durchführung sich das L.-C. um die Vertiefung und Verbreitung des Zionismus in Oesterreich sehr verdient machen würde. Von den vielen Reden sei zunächst die sehr instructive Rede des Del. Nathan Gross über den Conditionslosenfonds und seine Bedeutung für die Organisation der arbeitenden Classe hervorgehoben. Del. Gross berührte auch das neue Gesetz über die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften und seine voraussichtliche Rückwirkung auf den jüdischen Zwischenhandel, besonders in Galizien. Del.Director We b er, ein anerkannter Fachmann in technischen und pädagogischen Schulfragen, besprach die jüdischen Schulverhältnisse und die Ausbildung jüdischer Taubstummen. An der Debatte betheiligten sich weiters die Del. Dr. Zweig, Gütig, Krepl, Lederer, Berkowicz, Herszlikiewicsz u. a. Resolutionen und Anträge : Antrag Dr. Zweig: Das L.-C. wird beauftragt, mit Benützung des während der letzten Wiener Cultuswahlen aufgestellten Cultusgemeinde-Programmes und der Referate Weissberger und Dr. Goldwasser ehestens ein ofncielles zionistisches Gemeinde-Programm auszuarbeiten und die Frage „Stellung der Zionisten zur Cuitusgemeinde" als eigenen Punkt auf die Tagesordnung des nächsten Parteitages zu stellen. Resolution Dir. Weber: Der Parteitag beauftragt den Zion-Verein in Wien, II. Praterstrasse, die Gründung einer Volksschule im jüdisch-nationalen Sinne ehebaldigst in Angriff zu nehmen. Resolution Herszlikiewicz: Der Parteitag fordert die Wiener zionistischen Studentenorganisationen auf, eine Commission einzusetzen zur Organisierung der Arbeiten für die Palästina-Bibliographie. Resolution Berkowicz : Das L.-C. wird beauftragt, dafür zu sorgen, dass in der nächsten Zeit eine Confereuz zionistischer Schulmänner stattfinde, um den jüdischen Religionsunterricht in seinen Principien festzustellen und das Cultusgemeindeprogramm vorzuarbeiten. Resolution Syrup: Das L.-C. wird mit Rücksicht auf eine eventuelle neuerliche Massenauswanderung rumänischer Juden aufgefordert, in allen grösseren Slädten Oesterreichs, in denen ein Durchzug der Auswanderer zu erwarten ist, für die Einsetzung eines Hilfscomites Sorge zu tragen. Resolution Leon Reich: Der Parteitag richtet an die Studenten-Organisationen die Aufforderung, im Einverständnisse mit der jüdisch-akademischen Jugend in Lemberg dahin zu wirken, dass in den Universitäts- Documenten die jüdische Nationalität officiell anerkannt werde. Zahlreiche wertvolle Anregungen und Resolutionen wurden dem L.-C. zur Berathung und Durchführung überwiesen. (Fortsetzung des Berichtes in der nächsten Nummer.)