Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Der Delegiertentag der deutschen Zionisten
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die jr> Welt** Mr. 21 Daher steht als erster Punkt auf der Tagesordnung die Neuorganisation der Zionisten Deutschlands, nachdem in Basel ein allgemeines Organisationsstatut beschlossen worden ist Sodann wird uns die für die Entwicklung unserer Bewegung überaus wichtige Frage beschäftigen, ob wir die Bildung von Sonder Organisationen innerhalb des zionistischen Ganzen fördern sollen, welche, ohne das Gesammtprogramm umzustossen, sich nach Grundsätzen und Ideen bilden, welche an sich nicht Gegenstand der zionistischen Bestrebungen sind. Wir hegen die Hoffnung, dass jene hochstrebenden Gesinnungsgenossen, welche hierfür unter dem Banner der Cultur eintreten, das Interesse des grossen Ganzen hoch genug stellen, um die Beschlüsse des Delegiertentages auch für sich als verbindlich gelten zu lassen, wenn er sich gegen die Bildung solcher Sondergruppen oder Fractionen aussprechen sollte. Auch an den Fragen, welche von Tag zu Tag an unsere Brüder die Noth der Gegenwart stellt, oder welche sonst für unsere Stammesgenossen von Interesse sind, seien sie von politischer oder socialer Natur, dürfen wir Zionisten nicht vorübergehen, ohne eine klare Stellung hierzu zu nehmen. Wir Zionisten sind sogar die einzigen, die dazu in der Lage sind, weil nur wir ein bestimmtes Programm und eine Weltanschauung besitzen, welche ein zielbewusstes Handeln zulässt. Wie die Assimilation, welche als die allgemeine Anschauung unserer Gegner sonst nur in Frage kommen könnte, selbst nur eine individuelle Lösung der Judenfrage anbahnen kann, so löst unter unseren Gegnern ein jeder diese Gegenwartsfrage auf seine eigene Weise, so dass von einem Zusammenwirken im öffentlichen Leben von dieser Seite gar keine Rede sein kann. Wie eine Thätigkeit unsererseits nach dieser Richtung stattfinden soll, darüber werden uns bewährte Gesinnungsgenossen berichten. Es ist daher auch nur eine Frage der Zeit, wann die Zionisten in allen diesen Angelegenheiten, so weit jüdische Interessen auf dem Spitle stehen, das ausschlaggebende Wort sprechen. Ein wichtiges Mittel hierzu bilden die Gemeindevertretungen, in die wir unsere Gesinnungserenossen als Wächter der Zukunft des Juden thums auch in Deutschland entsenden wollen. Auch dieser Gegenstand soll auf unserer diesjährigen Tagung erörtert werden. Sie sehen, meine Verehrten, wie gross die Aufgabe ist, die wir uns gestellt haben; und doch, wie winzig ist sie im Vergleichemit dem grossen Ziele, für das wir in Gemeinschaft mit unseren Brüdern in der ganzen Welt kämpfen. Zu gleicher Zeit mit uns tagt der österreichische Zionistentag in Bielitz, dem wir unsere besten Wünsche und freundliche Grüsse senden, und in einigen Tagen findet in Boston jenseits des Oceans ein Congress der amerikanischen Ziohisten statt, auf dem hundertfünfundzechzig zionistische Vereine aus allen Theilen Amerikas vertreten sein werden. Eine gleiche, grosse Sehnsucht erfüllt uns alle, die Sehnsucht, ein Haus, eine Heimat für uns alle zu schaffen, wo wir uns brüderlich die Hände reichen können, im Bewusstsein einer erfüllten Pflicht für unsere nothleidenden Brüder. Hier in Mannheim stehen wir auf einem Boden, der einst vor 300 Jahren den flüchtenden Niederländern zu einer Zuflucht und neuen Heimat diente. So wie diese Stadt nach einem bestimmten Plane und vorbedachtem System erbaut und begründet wurde, so wollen auch wir unsere Heimstätte nach einem bestimmten Plane errichten. Nichts soll überstürzt und voreilig unternommen werden. Eine tausendjährige Erfahrung wir;i uns davor, so Gott will, behüten,' die Fehler zu wiederholen, an denen unsere Väter zugrunde gegangen sind. Wenn unsere Pläne scheitern, so wollen wir uns frei von Schuld wissen. In diesem Geiste fordere ich Sie auf, auch heute an die Arbeit zu gehen. Bevor wir jedoch beginnen, wollen wir einer Pflicht der Dankbarkeit nachkommen, einer Pflicht, deren Erfüllung uns eine besondere Genugthuung und Freude bereitet. In ehrwürdigem, an unsere Erzväter gemahnendem Alter hat Seine königl. Hoheit der Gros^herzog Friedrich von Baden, Ihr allergoädigster Landesherr, und mit ihm das ganze badische Volk ohne Unterschied der Rasse oder Religion, das denkwürdige 50jährige Jubiläum seines Regierungsantrittes gefeiert. Unsere Stammesgenossen in Baden haben an ihm allezeit einen mächtigen Schutz und Hort ihrer Rechte und ihrer Ehre besessen. Ein unvergänglicher Ruhmestitel dieses erhabenen Fürsten wird aber die warme Antheilnahme sein, welche er unserer Sache gewidmet und die er uns in zahlreichen wohlwollenden Aeusserungen kundgegeben. Es erfüllt uns mit inniger Freude, dieser Empfindung heute auf badischem Boden unverhüllten Ausdruck geben zu dürfen, und bitte ich Sie, mit mir einzustimmen in den brausenden Jubelruf: Seine königliche Hoheit der Grossherzog von Baden lebe hoch! Ich erkläre nunmehr den 6. Delegiertentag deutscher Zionisten für eröffnet. * Nach der mit stürmischem Beifalle aufgenommenen Rede Bodenheimers erfolgte die Wahl des Bureaus. Auf Grund der Vorschläge der Permanenz-Commission wurden gewählt: Bodenheime r, Wolffs oh n und Dr. Moses zu Vorsitzenden, Dr. Kaufmann-Freiburg, Dr. Felsentha 1-Mannheim, Dr. K1 ee-Berlin und Doctor Friedemann zu Beisitzern, sowie Wiener-Leipzig, Lese m-Mainz und S i m o n-Mannheim zu Mitgliedern des Arbeits-Ausschusses. Nach Constituierung des Bureaus erhält Gronemann-Hannover das Wort zu seinem Referate über die Neuorganisation, den erstenPunkt der Tagesordnung. Die Hauptgrundsätze des Entwurfes sind: Eintheilung Deutschlands in Districte zur Agitation und Verwaltung, Centralisierung der Leitung und Decentralisieruiig der Arbeit. Dr. Klee, als Correferent, hat nur Bedenken gegen die Art der Beschaffung der Mittel, sowie gegen die Institution von Untercentralen. Die sehr ausgedehnte Specialdebatte ergibt schliesslich die Annahme des Gronemann'schen Entwurfes mit einigen Abänderungen und Zusätzen. Die genaue Formulierung des neuen Statuts wird in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Um 1 Uhr wird die Sitzung unterbrochen und um 3 Uhr von Dr. B odenheimer wieder eröffnet mit Bekanntgabe des Einlaufes. Es sind Telegramme eingetroffen vom engeren Actions-Comite, vom österreichischen Zionistentag in Bielitz, von den Zionisten Frankreichs, aus Köln, Bonn, Würzburg, Frankfurt, Magdeburg, Strassburg, Marburg, Zürich und vielen anderen Ort^n. Nach Annahme des Entwurfes der neuen Organisation wird sofort in den zweiten Punkt der Tagesordnung, die Besprechung der Fractionsfrage, eingetreten. Vorher wird ein von Trietsch vertretener Antrag der Ortsgruppe Berlin, diese Frage überhaupt von der Tagesordnung abzusetzen, abgelehnt gegen 6 Stimmen, nachdem Dr. Bodenheimer erklärt hatte, dass nur eine principielle Aussprache über die Zweckmässigkeit von Fractionsbildungen überhaupt geplant sei und nicht ein Eingehen auf die Bestrebungen der „Amcho"- Fraction. Dr. Friedemalin als Referent und Doctor Bodenheimer als Correferent wenden sich in längeren Ausführungen gegen die durch die Fractionsbildung hervorgerufene Zersplitterung der Kräfte und die dadurch hervorgerufene Hemmung der Agitation. Die Herren Eliasberg und Klausner vertheidigen die Berechtigung von Fractionsbildungen. Nach längerer Debatte wird mit grosser Majorität folgende Resolution des Referenten angenommen : „Der Delegiertentag verurtheilt jede Fractionsbildung ausserhalb der Congresse, erklärt die Bestrebungen, die auf Volksaufklärung, Pflege jüdischen Wissens und Erforschung der Lebensverhältnisse des jüdischen Volkes gerichtet sind, für Gemeingut aller Zionisten." Darauf wurde die Sitzung geschlossen. Abends fand ein von der Mannheimer Ortsgruppe zu Ehren der Delegierten gegebenes Fest statt. (Forsetzung des Berichtes in der nächsten Nummer.) Oesterreichischer Zionistentag In Bielitz. I. Verhandlungstag. Der mit zionistischen Fahnen und Emblemen geschmückte Verhandlungssaal bot ein interessantes Bild. Im Saale unten, in welchem die 95 erschienenen Delegierten, nach Landmannschaften gruppiert, Platz genommen hatten, herrschte erwartungsvolle Stille, und ein tiefer Ernst lagerte über der Versammlung. Auf den Gallerien drängten sich über 300 Gäste und schauten verwundert auf das kleine Parlament, welches arbeitsfroh an die Aufarbeitung des Verhandlungsstoffes gieng. Namens der Einberufer eröffnete Gg. Dr. Wahrhaftig den Parteitag. In das Bureau wurden gewählt: als Vorsitzender Dr. S. Kr enb erger, als 1. Stellvertreter