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Die Welt · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Article
Der rumänische Delegiertentag
Date
1902-05-23
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 21 ,iDie & Welt46 Seite 3 Der rumänische Delegiertentag. Am 23. und 24. April a. St. fand endlich in Focsani der von den Zionisten Rumäniens sehnlichst erwartete Delegiertentag statt. Wie sehr derselbe ein Bedürfnis gewesen, zeigte die ungewöhnlich rege Betheiligung. Nicht viel weniger als 100 Delegierte hatten sich eingefunden. Darunter zum erstenmale eine grössere Anzahl von Aerzten (Doctor Lip p e, Dr. Mo s c o vitz, Dr. Braun, Dr. Wölb er g, Dr. Pauke r, Dr. H o r o v i t z, Dr. Stern) und mehrere ausgezeichnete Vertreter der jüdischen Universitätsjugend wie zum Beispiel der Präsident der zionistischen Universitätsverbindung „Kadimah'6in Bukarest, Isac Leon, Herr Leon Grill, Drd. Friedmann u. m. a. Jeder wünschte einen engen Zusammenschluss der zionistischen Kräfte des Landes und dadurch eine Erstarkung der Bewegung im Lande. Die Hauptaufgabe des Delegiertentages war die Schaffung einer diesbezüglichen Organisation. Um keine der beiden führenden Gruppen zu verletzen, wurde ein neutrales Präsidium gewählt, und zwar die Herren: Dr. Niemirov er- Jassy,Dr.Nac ht-F o c s an i und Dr Wölb er g-B o 11 uschani.Essei bei dieser Gelegenheit anerkannt, dass die Herren, mit Takt und Energie die oft schwierigen Verhandlungen leiteten. Der erste Punkt der Tagesordnung war die Schaffung des neuen Organisationsstatutes. Drei Projecte lagen vor. Eines von Seiten des früheren C.-C, vertreten durch Herrn Schwarzfeld, eines von Dr. Moscovitz und das dritte von A. D.Rosen-?lo esci. Das Project Schwarzfeld basierte auf der Einführung von Regionalcomites, über das Project Rosen haben wir keine nähere Auskunft erhalten und wurde dasselbe zurückgezogen. Das Project Dr. Moscovitz wurde nach langwierigen Debatten als Grundlage für die Discussion acceptiert und mit einigen Aenderungen auch im Detail angenommen. Die einschneidendsten Aenderungen, die dieses Statut einführt, sind folgende: In dem alten Statut war Galatz als immerwährender Sitz der Centrale und das daselbst wohnhafte Mitglied des A.-C. als Präsidentdesselben bestimmt. Durch das neue Statut wird,bestimmt, dass das Centralcomite am Wohnorte des vom Delegierten tage gewählten Präsidenten seinen Sitz haben soll. Eine andere wichtige Aenderung besteht darin, dass die zehn Mitglieder des Executiv - Comites nicht mehr in Galatz ihren Sitz haben müssen, und es wurden für das nächste Jahr 5 in Braila und 5 in Galatz gewählt. Auch eine neue Form der Beitragsleistung für die Casse der Centrale wurde eingeführt Es soll nämlich jeder Verein verpflichtet sein, für jedes seiner Mitglieder 5 Centimes monatlich an die Centralcasse abzuführen. Der Autor des Statutes hatte 10 Centimes vorgeschlagen. Alle diese Punkte wurden heiss umstritten. Mit diesen Discussionen giengen die Verhandlungen hinter den Coulissen parallel, welche zu einen Zusammenschlüsse der zwei zionistischen Lager führen sollten. Beide Theile machten aber Zugeständnisse im Bewusstsein, dass eine Verständigung für die Kraft der Bewegung unbedingt nöihig sei, und die Thatsache, dass niemand die Verantwortung für eine bestehenbleibende Theilöng der Bewegung übernehmen wollte, war der Grund, welcher alle zum Nachgeben bewog. Als schliesslich der Delegiertentag die Verständigung vor seinen Augen sich vollziehen sah, erhob sich ein stürmischer Jubel. Leider hatten die Verhandlungen und Discussionen die ganze Zeit des Delegiertentages ausgefüllt, so dass die Beendigung der Wahlen in die Centrale erst um Mitternacht des zweiten Tages stattfinden konnte. Es waren mehrere sehr interessante Anträge in cultureller Richtung in Aussicht gestellt, die aber leider nicht zur Sprache kommen konnten. Besonders waren mehrere Lehrer erschienen, um einen gemeinsamen Lehrplan für den hebräischen Unterricht an den jüdischen Volksschulen in Rumänien festzustellen. Leider musste diese Frage unerledigt bleiben. Das einzige, was uns die Culturdebatte brachte, war eine grossangelegte Rede des Herrn Dr. L i p p e, die er um diese späte Stunde mit bewunderungswürdiger Frische vortrug. In die Besprechung der Lage der jüdischen Handwerker wurde nicht eingegangen, weil ein grosser Theil der Delegierten an dieser Frage nicht rütteln wollte. Betrachtet man die Arbeit des Delegiertentages, so scheint sie dem ferner Stehenden gewiss gering. Für uns aber ist das Resultat dieses Delegiertentages von der grössten Bedeutung — denn er hat uns die Einigung gebracht, die uns so sehr fehlte, er hat uns gezeigt, dass unsere Bewegung sehr stark geworden, und hat uns die Möglichkeit gegeben, die Organisierung dieser Bewegung in die Hand zu nehmen. Da alle Betheiligten es mit der gemeinsamen Arbeit ernst nehmen, so wird sie voraussichtlich gute Früchte zeitigen. Die neue Centrale hat bereits ihre Arbeiten begonnen und wird sie mit Eifer fortsetzen. Auf diese Art wird die Dissidenz, die scheinbar dem Gedeihen der Bewegung geschadet, das gebracht haben, was jede Revolution mit sich bringt, neues kräftiges Leben. Der Delegiertentag der deutschen Zionisten. Mannheim, den 19. Mai 15)02. Erster Tag. Am Abend vor Beginn der Sitzung versammelten sich die bereits angekommenen Delegierten, einem Rufe der Mannheimer Gesinnungsgenossen folgend, im „Hotel Kaiserhof' zu einer sehr angeregten Vorbesprechung. Am nächsten Tag um 10 Uhr vormittags versammelten sich in den in liebenswürdiger Weise dem Delegiertentage zur Verfügung gestellten Räumen der August Lamay-Loge (vom Orden Bnei'ßrith), die mit zionistischen Emblemen geschmückt war, 52 Delegierte aus allen Theilen des Deutschen Reiches. Unter den zahlreich erschienenen Gästen bemerkten wir die Herren grossherzoglichen Oberräthe Dr. Staad ecker und Kahn, sowie die Herren Rabbiner Dr. Oppenheim und Dr. U n n a. Dr. Bodenheimer eröffnete die Sitzung nach der Begrüssung der Delegierten mit folgender Ansprache : Verehrte Versammlung! Ich danke der August Lamay-Loge, die uns in liebenswürdiger Weise in ihren Räumen Gastfreundschaft gewährt, und deren würdigen Präsidenten wir die Ehre haben, als einen der Besten in unserer Mitte zu sehen. Die Mannheimer Loge des Ordens „B'nei B'rith* ist eine der ersten, deren Mitglieder sich davon überzeugt haben, dass zahlreiche Berührungspunkte zwischen dem Orden „Bnei B'rith" und der zionistischen Bewegung existieren. Diese Thatsache ist uns ein wertvolles Pfand für die Zukunft, wenn auch die Bestrebungen der Logen nur auf philanthropischen Beweggründen beruhen, während wir die sociale, sittliche und wirtschaftliche Nothlage unserer Brüder lindern wollen. Diese Ursache erblicken wir in der Ausnahmestellung, welche das jüdische Volk seit Jahrhunderten, einem äusseren Zwange gehorchend, eingenommen hat, nämlich in der Zerstreuung unter die Volker ohne eine nationale Heimstätte, ohne einen nationalen Mittelpunkt. Diesen Zustand betrachten viele unserer Brüder als einen natürlichen, obwohl die Erfahrung jedes Tages uns von neuem die grausamen Folgen desselben vor Augen führt. Wir wollen demnach durch einen öffentlichrechtlichen Tractat diese neue Heimat für das jüdische Volk in Palästina schaffen. Das ist der Kern des Baseler Programmes, das nicht dahin missverstanden werden kann, als ob wir eine Zurückführung auch derjenigen, die sich hier Wohlbefinden, beabsichtigen. Während nun die Congresse dazu dienen, eine Aussprache der Zionisten, welche über den ganzen Erdball zerstreut sind, herbeizuführen und die Wege zur unmittelbaren Durchführung des zionistischen Zweckes zu erörtern und zu bestimmen, ist es die Aufgabe der Landes-Organisationen, die Beschlüsse des Congresses auszuführen, das Programm im einzelnen auszubauen und den Anforderungen des Landes, die überall eigenartig und verschieden sind, anzupassen.

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