Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 21 (23.5.1902)
- Article
- Stimmungen unter den deutschen Juden
- Date
- 1902-05-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 .Die. Welt" Nr. M mengung der Begriffe verwahren. Thatsächlich ist atorauch nicht der Edel muth der Gesinnung die Ursache dafür, dass viele das Eintreten für die eigene Organisation ablehnen. Es ist recht häufig das gar nicht edle Gefühl der Feigheit, die nicht kämpfen will, weil sie Schläge befürchtet und die sich deshalb unter dem Deckmantel des „Radiealisrnus" verbirgt. Uns nennt man dann Utopisten. Aber wieviel grössere Utopisten sind jene, die täglich den Rückgang unserer Stellung im Lande beobachten können und doch unentwegt darauf warten, „dass sich die Verhältnisse bessern". Eben weil der Freisinn uns schwächt, weil er die Schwachen und Kurzsichtigen an sich zieht und sie verhindert, für ihre bedrohten Interessen zu kämpfen, weil er die eigene Organisation der Juden verhindert oder doch mit scheelen Augen ansieht, muss immer von neuem gelehrt werden: Los vonRickert und Richter! Eine noch grössere Enttäuschung ist den Deutscbthümlern in Bayern bereitet worden. Dort hat die Volksvertretung das preussische Princip, Juden im Justizdienste nur procentual anzustellen, dem Minister aufgezwungen, und das geschah, obwohl die Prinzen des königlichen Hauses, so weit sie dem Reichsrathe angehören, ostentativ gegen den Beschluss stimmten. Während so die Assimilanten Kummer erleben, ist für die Verfechter des bewussten Judenthums überall die erfreuliche Wahrnehmung zu machen, dass die kernigen Naturen aus der anerzogenen Indolenz zu erwachen beginnen. Selbst da, wo der Zionismus noch schwach ist, bleibt der Zug zur nationalen Idee unverkennbar. Wenn plötzlich die Conservätiven allerorten grosse Wahlerfolge erringen, in Berlin, der grössten Gemeinde, sogar den Liberalen eine vernichtende Niederlage bereiten konnten, so beruht das sicher nicht auf der Thatsache, dass die Massen ein plötzlicher Hang zur Orthodoxie ergriffen hätte. Man will nur in schärfster Form betonen, dass man noch Jude ist, dass man Gemeindevorstände satt hat, die nicht verstehen, für die Ehre des Stammes in der Oeffentlichkeit einzutreten. Man wendet sich von den „Liberalen", weil man erkennt, dass ihre Politik Selbstvernichtung bedeutet, und wendet sich zu denen, die doch immerhin wenigstens einzugestehen wagen, dass sie Juden sind. Die ältere Generation ist über diese Wandlung, die besonders scharf bei der Jugend sichtbar wird, sehr bekümmert. Sie versteht eben nicht, dass sich in den Söhnen, wenn auch noch unbewusst, das alte Nationalgefühl - regt, jenes Empfinden, das man begraben zu haben glaubte, als man die Erinnerung an Zion aus den Gebetbüchern strich. Für uns gilt es, dieses unbewusste nationale Empfinden zur bewussten Idee umzugestalten, dann wird uns der Erfolg nicht fehlen. Und noch ein zweiter Umstand bereitet uns den Ausblick in eine bessere Zukunft: Das ist die Stimmung, welche unter den Schülern der Rabbiner-Seminare herrscht. Dass sich am orthodoxen Berliner Seminar viele dem Zionismus ergebene Elemente befanden, war längst bekannt. Aber auch unter den Anhängern der liberalen Richtung gewinnen die Verfechter des lebendigen und lebensfreudigen Judenthums täglich an Boden. Vor kurzem hat sich an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums zu Berlin zum tiefen Schmerze der Protest-Rabbiner ein nationaljüdischer Hörerverein gebildet, der ans den besten und zukunftsreichsten Schülern der Anstalt besteht. Dass eino solche Gründung möglich war, ist, ein ßpweis dafür, dass eine lebhafte Begeisterung auch üVn rabbinischen Nachwuchs ergriffen hat. Denn Schwierigkeiten genug hat man der jungen Vereinigung in den Weg gestellt. Die junge Generation wird auch von der Kanzel h^rab wahres Judenthum lehren und dem Rabbinerstande die Stellung und das Vertrauen gewinnen, die ihm zukommen nnd die er heute leider durchaus nicht in dem wünschenswerten Umfange besitzt. Von jenen werden wir zum wenigsten nicht mehr hören müssen, dass Männer die ihre ganz% Persönlichkeit für das Gedeihen der Gesammtheit einsetzen, den „Unfrieden in die Gemeinde tragen". Die Begriffe klären sich und man begreift, dass das Recht auf Frieden nur besteht, wenn man für das Gute, für den Fortschritt gekämpft und das Schiechte zurückgedrängt hat. In diesem Sinne muss mit dem Schlagworte „Frieden um jeden Preis" gebrochen werden, denn es bedeutet die Versteinerung. Auch unsere Rabbiner sollen und werden das einsehen — wenn nicht die gegenwärtigen, denn doch die zukünftigen. Der Kampf wird nicht enden, bis wir der Idee zum Siege verholfen haben, bis nicht nur unsere Grossen, sondern jeder, auch der Aermste und Bedrängteste, die Zufluchtsstätte erlangt hat, wo er Ruhe findet vor tausenjähriger Verfolgung. Denn „das Ziel des Rechtes ist der Friede , das Mittel dazu ist der Kampf". Zionistische Parteitage. Das auf dem letzten Congresse angenommene Organisationsstatut hat die Landes-Comites zu Hauptstützen der zionistischen Bewegung gemacht. Für die Comites wurden einige Grundsätze zwar festgestellt, die Arbeitsbestimmung und die durch Landesgesetze und andere örtliche Bedingungen nothwendigen Massnahmen wurden ihnen aber überlassen. Zur Feststellung dieser Verhältnisse haben in jüngster Zeit die rumänische Landsmannschaft nach Focsani, die deutsche nach Mannheim und die österreichische nach Bielitz Delegiertentage einberufen. So weit deren Beschlüsse vorliegen, tragen sie deutlich die Bürgschaft des Erfolges; sie zeigen den festen Willen zur Einigkeit nach innen — der Stolz und die Kraft unserer Bewegung — und geben mannigfache Ansatzpunkte zur Arbeit. Der ru.manische Delegiertentag allerdings, im Rahmen der rumänischen Judenkrise abgehalten, konnte für eine unsichere Zukunft keine sicheren Beschlüsse fassen. Sein Erfolg war aber der Ausgleich in den Ansichten der beiden führenden Gruppen, deren bewährte Arbeitskraft durch die endgiltige Vereinigung eines durchschlagenden Erfolges sicher ist. Die deutsehen Gesinnungsgenosesn haben in fleissigem Aufklärungsdienste die Vorurtheile massgebender jüdischer Kreise zu zerstreuen gewusst und gehen jetzt gemäss den Anregungen früherer Congresse daran, sich Vertretungen in jüdischen Verwaltungskörpern zu schaffen. Der österreichische Parteitag brachte die Regelung der g alizischen Verhältnisse durch Schaffung von Arbeitscentren, die Abgrenzung gegen die zahlreichen jüdisch-politischen Gruppen und die Annahme von Leitsätzen der Propaganda für das von uns besprochene Project einer palästinensischen Ackerbauschule. Unsere Gorrespondenten werden die einzelnen Punkte näher beleuchten. Von den folgenden Berichten sind die beiden letzteren theilweise verspätet eingelangt und werden in der nächsten Nummer ergänzt werden.