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Die Welt · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Article
Der Grossherzog von Baden über den Zionismus (Telegramm der "Welt")
Date
1902-05-23
Page
1 (sequence 2)
Language
German
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Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R 1J5, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Fres. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 21. Wien, 23. Mai 1902. 6. Jahrgang Der Grossherzog von Baden Uber den Zionismus. (Telegramm der „Welt".) Karlsruhe, 21. Mai. Der Grossherzog von Baden empfieng heute eine Abordnung vom Delegierten-Tage deutscher Zionisten, der in dieser Woche zu Mannheim abgehalten worden war. Die Abordnung bestand aus den Herren Dr. Bodenheimer (Köln), Dr. Friedemann (Berlin), Kaufmann (Freiburg i. Br.), Dr. Moses (Mannheim), Dr. Klee (Berlin) und Dr. Schauer (Mainz). Der Grossherzog sprach mit der Abordnung in einer ausserordentlich herzlichen Weise. Er äusserte seine lebhafte Befriedigung, dass bei den deutschen Juden die Missverständnisse über die zionistische Bewegung im Schwinden begriffen seien. Die Ziele unseres Führers Dr. H e r z 1 zu fördern, sei ihm stets eine werte Pflicht gewesen. Die Erfolge unserer Bewegung erfüllen den Grossherzog mit Freude. Die Audienz währte etwa eine halbe Stunde. Stimmungen unter den deutschen Juden. VTon Dr. Adolf Friedemann. Vor wenigen Monaten Hessen sich in Breslau etwa 30 Personen, Angehörige der besten jüdischen Gesell schaftsclasse, taufen. Nicht einzeln und verstohlen huschten sie hinüber ins Lager derer, die sie bisher bedrängt hatten, nicht furchtsam und scheu ward der Verrath vollzogen; trotzig und offen gieng man der Ehrlichkeit zuleibe. Dieser Vorgang beleuchtet die gegenwärtige Stimmung im jüdischen Lager in trefflicher Weise. Man beginnt sich in zwei Parteien zu scheiden, die sich schroff gegenübertreten. Auf der einen Seite die Zagen, Schwachen, die Feigen und die Streber, auf der anderen eine Sammlung der Elemente, die noch am Judenthum hängen, Ehrgefühl besitzen und die Lüge verachten, selbst wenn sie öffentlich geehrt einherschreitet Und weil die letzteren Kreise langsam, aber sicher an Boden gewinnen, weil sie zum Angriff gegen die Schwäche und Indolenz übergehen, sammeln sich die Fahnenflüchtigen. Weil dem Einzelnen auf dem Wege zum Feinde rings Bajonnette entgegengehalten werden, versucht man gemeinsam auszubrechen. Und somit ist es erklärlich, dass die Opposition in unseren Versammlungen immer gereiztere Formen annimmt, sich immer schärfer bethätigt. Je mehr unsere Gegner ihren Besitzstand bedroht sehen, desto heftiger treten sie uns entgegen. Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass es täglich für die Assimilanten schwieriger wird, ihren Standpunkt zu behaupten und zu vertheidigen. Von christlicher Seite erfahren sie keine Unterstützung mehr, im Gegentheil. Wenn wir es darauf ablegten, würden wir keine Schwierigkeit haben, eine christliche Philozionistenliga zu bilden, denn die Sympathien sind stets mit den Kämpfern, und nicht mit den Weichmüthigen, und die Notwendigkeit einer radicalen Lösung der Judenfrage wird nachgerade auch in philosemitischen Kreisen empfanden. So ist denn auch die EtatsberathunginPreussen vorübergegangen, ohne das geringste Eintreten für die überall zurückgesetzten Juden zu zeitigen. Das Centrum wird auch jetzt, nach dem Tode des uns geneigten und an Windthorsts Tradition festhaltenden Dr. Lieber, noch weit weniger als bisher für eine Interpellation zu haben sein, und die klägliche Ohnmacht der freisinnigen Parteien wird täglich offenbarer. Und an diese politischen Leichname klammern sich unsere Assimilationsjuden mit der Kraft der Verzweiflung. Nirgends zeigt sich die völlige politische Unreife der deutschen Juden so crass, wie in dem Umstände, dass sie noch immer auf den freisinnigen Reichskanzler hofftm und sich einbilden, am Tage, da R i c k e r t in das Palais an der Wilhelmstrasse einziehen werde, habe ihre Noth ein Ende. Das ist keine Uebertreibung. Thatsächlich kann man nicht begreifen, dass der Liberalismus für absehbare Zeiten völlig begraben ist und dass die Ehe mit dem Freisinn gelöst werden muss, weil wir ihm sonst in das Grab folgen werden. Unsere Juden können nicht fassen, dass man Todten wohl Denksteine setzt, aber den natürlichen Zerfall des todten Körpers nicht hindern kann und darf. Und wenn man sich hinter Redensarten von „Dankbarkeit" für geleistete Dienste u. dgl. verschanzt, so beweist man eben, dass man die eigenen Lebensinteressen nicht versteht. Schliesslich sind die freisinnigen Fractionen von heute nicht der Liberalismus. Die Kämpfer von 1848 würden sich sehr gegen eine derartige Ver-

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