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Die Welt · 1902-05-16 · 20 (16.5.1902) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
20 (16.5.1902)
Article
Zweierlei Juden
Date
1902-05-16
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 „Die $l Welt" Seite 15 Kugelwechsel, fünfundzwanzig Schritte Distanz, fünf zu fünf Schritte Avance, zehn Secunden Zielzeit." „Eine Mörderei, eine wahrhaftige Mörderei!" schrie Tulpenthal auf. „Sie wollen mir ihn umbringen; Gaston, sie wollen Dich umbringen. Und ich soll das erleben? Ich soll da zusehen? Gaston, wenn Du einen Funken Gefühl für mich im Herzen liasf, gehst Du nicht zu diesem Duell. Herr Rosenstein, Sie wissen nicht, wie viel ich ihn schon seit zwei Tagen bitte, er soll sich nicht erschiessen lassen. Hat er das nothwendig? Haben wir nicht ohnedies Unglück genug? Aber er will mir nicht folgen, um keinen Preis. Wo ist da die Gerechtigkeit? Muss ich mir auch den Sohn umbringen lassen von Leuten, die mir mein Geld gestohlen haben und . . . und . . „Sie dürfen nicht wähnen, dass ich meinem Vater von diesem Duell Mittheilung machte," bemerkte Gaston nonchalant. Nicht ich trage die Schuld, dass diese Affaire geradezu als eine Familienangelegenheit behandelt wird. Der Herr Verwalter konnte dem Drange Papas nicht länger widerstehen; er hat geplaudert." „Wann findet das Duell statt?" fragte Paul. „Morgen früh um neun Uln\ im Wäldchen, das an den Park des Ebersdorf er Castells grenzt.4' „Die Ursache?" „Ein von Beleidigungen strotzender und von zwei Zeugen unterfertigter Brief, den ich dem Grafen sandte," sagte Gaston. „Besitzen Sie Duell-Pistolen?" Gäston verneinte. „Dann bitte ich Sie, sich unbedingt zwei Paar anzuschaffen. Wenn hier keine zu bekommen sind, so senden Sie einen reitenden Boten nach 'der nächsten Stadt. Ihr Gegner wird zwar mit Pistolen versehen sein, doch ist er auf diese wahrscheinlich sehr gut eingeschossen und besitzt den Vortheil, mit geprobten Waffen zu schiessen, wahrend Sie diese Pistolen zum erstenmale im Leben in der Hand haben werden und demnach gegen ihn im Nachtheile sind. Entscheidet das Los für die Pistolen des Grafen, so lässt sich eben nichts ändern. Wenn aber auch Sie im Besitze von solchen Pistolen sind und das Los diese begünstigt, so entfällt für ihn der Vortheil." „Das ist vollkommen einleuchtend/' meinte Gaston. „Dann wollen Sie einen, dunkelgrauen oder nicht zu dunklen braunen Anzug anlegen," setzte Paul fort. „Keine helle Cravatte, keinen hohen, weissen Hemdkragen, die als, Zielscheiben benützt werden können. Ich rathe Ihnen ferner, wenn es möglich ist, den ersten Schuss zu thun. Nehmen Sie die Avance nicht in Anspruch, sondern schiessen. Sie. während der Graf auf Sie zukommt. Gelingt der erste Schuss, so ist die Sache erledigt, schiesst aber der Graf zuerst, so kommen Sie vielleicht . . ." „TJeberhaupt nicht mehr zum Schuss, wollen Sie sagen f lief Tulpenthal. „Und das muss ich mit anhören?! Rosenstein, ich sage Ihnen, auch Sie werden mir meinen Sohn nicht retten. Gut, ich werde auch dabei sein bei diesem Duell, ich werde dabei sein, und wefie dem Grafen, wenn er Dir ein Haar krümmt." „Errege Dich nicht unnützerweise," sagte Gaston zu seinem Vater. „Es ist lächerlich, dass Du dem Duell beiwohnen willst." „Und ich sage Dir, ich werde dabei sein." „Das wirst Du hübsch bleiben lassen." „Schon gut. Wir werden ja sehen." Damit erhob er sich und giong nach dem Schlosse, und nun verabschiedeten sich auch Gaston und der Verwalter, um die Duell-Pistolen zu besorgen. Paul blieb mit Gräfin Mary allein. Sie promenierten zusammen durch den Park, und da sie immer wieder von ihren Ahnungen sprach, vom Tode ihres Gatten, der bei einem Wettrennen verunglückte, von den geringen Freuden ihres bisherigen Lebens, versuchte er sie auf andere Gedanken zu bringen. Er sprach mit ihr von der Kunst von seinen Arbeiten, und wie eigentlich nur jener Mensch wahrhaft glüehlich genannt werden könne, der sieh* am allerwenigsten mit sich selbst beschäftige. Daher sind auch die Frauen viel unzufriedener als die Männer. Sie beschäftigen sich fast ausschliesslich mit ihrer eigenen Person, und die ist nicht imstande, ein ganzes Leben auszufüllen. „Sie sollten zu arbeiten versuchen, Frau Gräfin," sagte er. „Sie besitzen gewiss Vorfiebe für Musik oder Malerei. Widmen Sie sich ernstlich einem dieser Fächer, und Ihr Leben wird einen neuen Inhalt gewinnen." „Ich hege für nichts Vorliebe," erwiderte sie. „Ich musiciere, male, befasse mich mit Handarbeiten, doch alles dies langweilt mich. Meine. Erziehung war darauf angelegt, eine Salondame aus mir zu bilden, als ich jedoch ausgebildet war und meinen. Salon für mich hatte, da blieb ich darin allein. Sie wissen wohl warum?" „Nein, Frau Gräfin, ich weiss es nicht." „Aus dem einfachen Grunde, weil den erlesenen Aristokrätinnen gegenüber die ehemalige Jüdin nur die Jüdin bleibt, auch wenn sie Christin geworden ist und einen Grafen geheiratet hat. Sie mag sich von ihrer Familie lossagen, sie mag äusserlieh fromm werden, die besten Allüren besitzen und sich völlig für den Rahmen eignen, in den sie gestellt wurde, der exclusiven Aristokratie bleibt sie doch immer bloss die Jüdin." „Unglaublich! Sie, eine Frau, die Christin, die Gattin eines Grafen geworden sind, liess man Ihre Vergangenhet fühlen? Sollte es denn wirklich wahr sein, dass bloss die Künstler nicht nach Religion und Herkunft fragen und der Jude in allen anderen Kreisen Anstoss erregt? Aber es geschehen doch keine Anspielungen darauf, dass sie Jüdin gewesen?" „Unmittelbar nicht, doch war ich von vornherein vom Verkehre mit jenen Damen der Aristokratie ausgeschlossen, welche eine Rolle spielen, deren Gatten hohe Aemter bekleiden, die eine lange Ahnenreine besitzen und reich sind. Die Damen, welche sich bei mir einfanden, waren entweder verarmt oder wegen zu grellen unmoralischen Lebenswandels aus der exclusiven Gesellschaft ausgeschlossen. Die Herren nahmen es nicht so genau. Doch gestatteten sie sich entweder Vertraulichkeiten oder waren von übertriebener Höflichkeit. Und eben diese übergrosse Höflichkeit war verletzend, denn sie wurde bloss angewendet, um die Jüdin nicht merken zu lassen, dass man noch immer die Jüdin in ihr erblicke. Ich bildete eine Ausnahme, ich stand ganz allein. Die Herren hatten für mich nicht dieselbe Form des Verkehres, welche sie den geborenen Aristokratinnen gegenüber anwendeten, denn ich war die Jüdin, und man wusste niemals, wie man mich eigentlich behandeln soEte. Das kühlte meinen Ehrgeiz schliesslich sehr stark und ich gelangte zu der Ansicht, dass die Jüdinnen, weiche in der Aristokratie aufgehen', an Zahl ausserordentlich gering sein dürften. Ich wäre vielleicht glücklich geworden, wenn ich einem Manne meines Stammes die Hand gereicht hätte, doch ich konnte nichts dazu thun. Die Töchter der vielfachen jüdischen Millionärs werden stets darnach erzogen, von Aristokraten geheiratet zu werden. 0, ich habe in jüngster Zeit viel, ausserordentlich viel gelernt. Meine ganze Lebensanschauung ist eine andere geworden."' „Nun, Frau Gräfin, was Sie. versäumten, ist ja vielleicht einzuholen. Sie kennen das Leben, Sie haben Erfahrungen gesammelt sind jung und Ihre eigene Herrin . . . Sie gieng schweigend neben ihm einher. JSTach einer Weile blickte sie zu iHm auf.' „Ich möchte das Leben kennen lernen, wie es wirklich ist, unter gebildeten, ehrlichen, natürlichen Menschen. Ich möchte einen Mann zum Freunde, wie Sie sind, der das Schöne zu erfassen und zu gemessen versteht, der für das, was ich bisher erstreben zu müssen meinte, bloss ein verächtliches Lächeln besitzt." (Fortsetzung folgt.) Jüdischer Verlag. Modernes Verlags-Unternehmen auf Subscriptions-Basis zur Förderung jüdischer Literatur, Kuns und Wissenschaft. Leitendes Comite: Martin Buber, Berthold F e i w e E. M. Lilien, Dr. A. Nossig. Bureau: Berlin, SW., Cöthenerstrasse 33, I. Für den Garantiefonds des „Jüdischen Verlages" haben bis zum 15. April gezeichnet: Sigismund Veit-Basel M. 100, Heinrich Rosenbau m-London M. 100, Dr. Philipp Schreie r-Brünn M. 100, Gustav Schwab e-Varel M. 100, J. L. G o 1 db e r g-Wilna M. 100, Dr. E. S i m o n s o n-Schöneberg M. 100, Josef C o w e n-London M. 500, Dr. L. Katzenelsohn- Libau M. 200, Grigory L o u r i 6-Pinsk M. 100, J.Benj a c o b-Wilna M. 100, Dr. Theodor Z 1 o c i s t i-Berlin M. 100, D. W olffsohn-Köln M. 100, L. Schalit-Riga M. 100, Dr. Bergmann-Pardubitz M. 100, E.M.Lilien- Berlin M. 100, Israel Z a n g w i 11-London M. 100, Doctor Alfred Kl e e-Schöneberg M. 100, Prof. Dr. O. War bürg M. 100, Adolf Jarislowsk y-Berlin M. 100, L6on Perez- Warschau M. 100, A. W. P o dIi s c h e w sk i-Warschau M. 100, August Min ko w ski-Warschau M. 100, Michael Sz er eszewski- Warschau M. 100, Dr. S. Mintz- Warschau M. 100, Dr. N. 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