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Die Welt · 1902-05-16 · 20 (16.5.1902) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
20 (16.5.1902)
Article
Judenausweisungen in Rumänien
Date
1902-05-16
Page
10 (sequence 1)
Language
German
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Seite 10 „Die & Welt" Nr. 20 Judenausweisungen in Rumänien. Wie rumänische Blätter berichten, hat die rumänische Regierung sämmtlichen Präfecten des Landes Auftrag gegeben, alle diejenigen „Fremden*, die zur Auswanderung aus Rumänien aufreizen, unnachsichtlich des Landes zu verweisen. Bekanntlich verbietet die rumänische Regierung den Juden auch, öffentliche Versammlungen zur Berathung ihrer Lage abzuhalten. Mit derartigen Mitteln wollen die rumänischen Machthaber die Aus Wanderungsbewegung eindämmen. Rumänische Auswanderer in Wien. Nach einer längeren Pause, während welcher nur kleinere Partien rumänischer Emigranten Wien passierten, kam am 13. d. M. morgens wieder eine grössere Gruppe hier an, welche auf der Durchreise nach Canada für einige Stunden hier Aufenthalt nahm. Es waren mehr als 80 Personen, Männer, Frauen uud Kinder. Die Männer sind durchwegs kräftige und gesunde Handwerker. Misshandlung von Einwanderern in New-York. Der New- Yorker Correspondent der „Daily Mail" telegraphiert seinem Blatte: In der letzten Zeit giengen den ^Zeitungen Briefe zu, in denen über brutale Behandlung der in New- York landenden Auswanderer geklagt wurde. An manchen Tagen wurden tausende gelandet, und die wachehabende Polizei wird beschuldigt, diese Leute ans Land zu treiben und sie dort durch Stock- und Peitschenhiebe auseinanderzujagen. Selbst Frauen und Kinder wurden in brutalster Weise behandelt. Ein New-Yorker Schriftsteller, Mr. Pegram Dargan, sehrieb endlich an Mr. Roosevelt. Der Präsident hat sofort eine Untersuchung angeordnet, die gegenwärtig ihren Fortgang nimmt. Ein Zweckessen. Der „Mainzer Israelit" berichtet: „Am 15. April in Köln hier im Hotel Disch seitens des Central-Comites der „Alliauce isr. univers." eine internationale Conferenz statt. Anwesend waren die Herren: Grand-Rabbin de France Zadoc Kahn, Narcisse Leven, Präsident der „Alliance", Salomon R ei n a c h, Membre de Flnstitut, Jaq. Bei gart, Secretär der „Alliance" (aus Paris), Dr. Alfred Stern, stellyertr. Vorsitzender, als Vorstand der Cultusgemeinde Wien, Dr. Wahrmann (Wien), Mr. Hermann Landau, London, Dr. Paul Nathan und Dr. Heinrich May er-Cohn, Berlin, Sonnemann, Verleger der „Frankf. Ztg.", Schiff, Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Frank, Dr. med. Apfel, Köln. Von dem, was die Herren conferiert und beschlossen haben, ist vorerst nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen — doch etwas, sie nahmen das Diner im „Hotel Kaufmann* auf der Ruhr ein und äusserten sich sehr befriedigt darüber, dass in¬ Deutschland so vortrefflich für diejenigen gesorgt sei, die auf eine koschere Küche reflectieren." Die Nachkommen der Thermopylenstreiter. Vor dem Tribunal von Cairo gelangte kürzlich der Fall des Judenmädchens Malka Judassi zur Verhandlung, das den Griechen Anastasi Kostaki tödtete. Die vaterlose Waise ernährte die Mutter und zwei Schwestern als Arbeiterin in einer Tabakfabrik, von der sie spät abends heimkehrte. Dabei war sie wiederholt Belästigungen seitens junger Griechen ausgesetzt, was sie veranlasste, aus Furcht vor den immer grösseren Frechheiten eine Waffe einzustecken. Thatsächlich trat der Fall ein, dass einer jener Wüstlinge sie an den Armen festhielt und sie in ein berüchtigtes Versteck des griechischen Stadtviertels zu ziehen suchte. Als nun das Mädchen die Hand frei bekam, zog sie ihre Waffe, einen Dolch, und stach den Verbrecher nieder. Sie wurde verhaftet. Die Griechen Cairos, ausserstande wie gewöhnlich eine Blutbeschuldigung zu construieren, beschuldigten das Mädchen, dass sie einen Raubmord verübt habe, um das Geld des Todten zu erlangen, und stellten zur Bekräftigung zahlreiche falsche Zeugen vor das Gericht. Nichtsdestoweniger wurde die Angeklagte freigesprochen und die Verwandten des Getödteten wurden zur Tragung der Gerichtskosten und zur Zahlung von 10 Pf. St. an das Mädchen für die zugefügte Beleidigung verurtheilt. Der englische Consul hatte sich für den Fall sehr interessiert und die Wahrheit aufdecken geholfen. Die Juden Cairos sind ihm dankbar und stolz auf die tapfere Malka Judassi. Griechische Barbarei gegen Juden. In Tschorlou (Vilajet Adrianopel) ereignete sich folgender unerhörter Vorfall: Die dortigen Griechen cultivieren seit altersher den Brauch, eine künstlich angefertigte Gestalt als Judas Ischariot zu verbrennen. Oft ist es schon zu Ruhestörungen gegen die Juden seitens der fanatischen Menge gekommen. Diesmal hat der religiöse Wahn zu einer scheusslichen Barbarei geführt. Man begab sich zum jüdischen Friedhofe und holte dort aus einem Grabe den Leichnam eines am vorhergehenden Freitag begrabenen Knaben, Sohn des Josef Moreno Barokas, heraus. Man begoss ihn mit Petroleum, nagelte ihn auf ein Holzstück und verbrannte ihn unter dem Gejohle der Menge. Seit Jahren war im Orte bekannt, dass man am Charsamstag Knochen (Köpfe, Arme) am jüdischen Friedhofe herausgräbt und sie dann öffentlich verbrennt. Die geängstigten Juden wagten nicht, Klage zu erheben. Diesmal aber haben sie sich an die competenten weltlichen und geistlichen Behörden gewendet, und man hofft von der eingeleiteten Untersuchung, dass sie die Schuldigen der verdienten Strafe zuführen wird. Anlässlich dieser beiden Affairen erinnern wir die Leser der „Welt u an ein Vorkommnis vom Vorjahre. Vor den Sukkoth-Feiertagen war ein Aufruf der jüdischen Ackerbauer von Palästina erschienen, man möge die Ethrogim ihnen und nicht den antisemitischen Griechen abkaufen. Sofort fand sichern Rabbiner der Wiener Gemeinde, der rührselig beantragte, man möge den Griechen die kaufkräftige Nächstenliebe nicht entziehen. Wir gaben ihm damals die Antwort der Juden, jetzt hat er die der Griechen. Ein jüdischer Kriegsminister. Dem General Ottolenghi, Corpscommandant von Genua, wurde das Portefeuille des italienischen Kriegsministers angetragen. Der General ist Jude und es ist bekannt, dass er die Synagoge besucht. Mr. J. de Haas, der ausgezeichnete Gesinnungsgenosse und Propagator des Zionismus verlässt England, um sich nach Amerika zu begeben. Er wird zunächst am 20. d. M. an der Conferenz der amerikanischen Zionisten in Boston theilnehmen und dann eine auf sechs Monate berechnete Agitationstour in der Union und in Canada unternehmen, eventuell aber auch dauernd jenseits des Ozeans bleiben, wenn er eine ihm angebotene Stellung in der zionistischen Organisation von Nordamerika anzunehmen sich entschliesst. Jedenfalls begleiten unsere lebhaftesten Wünsche und Grüsse unseren liebenswürdigen und unermüdlichen Collegen auf seiner Reise, die unter allen Umständen dem Zionismus neue Anhänger erwerben wird. Wir erhalten von einem mährischen Gesinnungsgenossen folgende Zuschrift: Der „Nordmährerbund" ist eine Vereinigung von deutschen Vereinen in Nordmähren, die sich die Erhaltung des vom vordringenden Slaventhum hart bedrängten Deutschthums in Nordmähren zur Aufgabe machen. Trotzdem der Bund ca. 27,000 Mitglieder umfasst, kommt ihm wohl keine solche Bedeutung bei, dass wir nicht erst erklären und entschuldigen müssten, dass wir die Leser der „ Welt" mit Vorgängen innerhalb dieses „Bundes'' belästigen. Allein diese Vorgängs sind so charakteristisch für die Situation der „jüdischen Deutschen" in Mähren und für die Unempfindlichkeit derselben, dass es gleich begreiflich sein wird, wenn wir einen Augenblick davon sprechen. Nicht zum erstenmale tritt nämlich die Forderung auf: Ausschliessung der Juden aus dem Bunde. Nun sollte man meinen, dass schon der laut werdende Wunsch genügen müsste, um die Juden zum freiwilligen Austritt zu veranlassen. Weit gefehlt! 60—70 „jüdische Deutsche" klammern sich an ihre Mitgliedschaft. Man irrt aber, wenn man glaubt, dass sie sich dadurch die Anerkennung ihres Deutschthums sichern. Denn während ein Theil der Bundesmitglieder „die

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