Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 20 (16.5.1902)
- Article
- Georg Brandes und der Zionismus
- Date
- 1902-05-16
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 „Die & Welt4* Seite 3 Artikel dankbar sein. Und doch fragt man sich unwillkürlich, was es ist, das wir in ihm vermissen. Die Antwort lautet: Es fehlt hier an einem festen Standpunkte der ethnischen Rubrik gegenüber, in welche die jetzt in der Zerstreuung lebenden Juden einzureihen sind. Denn einerseits will Brandes ja die modernen Juden als Glieder der Völkerschaften, unter welchen sie wohnen, betrachtet sehen. Daher sagt er nicht: die rumänischen Juden, sondern die jüdischen Rumänen; daher will er die Juden in nationaler Beziehung in die respectiven Völkerschaften aufgegangen wissen. Während er aber auf diese Weise die jüdische Nationalität in Abrede stellt und in Consequenz hievon sich dem Zionismus gegenüber kühl oder abwehrend verhält, lässt ihn andererseits sein guter Dämon, das heisst sein gutes nationales jüdisches Blut einige Zeilen weiter mit nicht unberechtigtem Stolze sich als Glied einer der zwei höchstbegabten „Völkerschaften" der Erde fühlen. Diese Unsicherheit gegenüber der Lebensfrage von Millionen — ^die hier nicht aus dem eitlen Triebe, den berühmten Kritiker kritisieren zu wollen, hervorgehoben ist — schliesst glücklicherweise aber die Hoffnung nicht aus, dass Georg Brandes, der in seiner Person die Kräfte vieler gewöhnlichen Menschen vereinigt, sich der mit Naturgewalt durchgebrochenen Erhebung anschliessen werde, die uns Juden gelehrt hat, dass wir ein Volk sind, und dass es eben daher „einfach schimpflich ist, mit den verfolgten Brüdern sich nicht solidarisch zu fühlen"; einer Erhebung, die — ohne die Ruckkehr nach Palästina von einem messianischen Wunder zu erwarten — selbst ein Wunder ist, ein Wunder durch die Urplötzlichkeit ihrer Erscheinung, die erstaunliche Schnelligkeit ihrer Verbreitung und die selbstlose Begeisterung jener bis dahin von jedweder Idealität verlassenen östlichen Ghettos, welche die Besten der westjüdischen Intelligenz so tief ergriffen hat; einer Erhebung endlich, die einzig und allein vermögen wird, dem jüdischen Volke ein besseres Schicksal zu bereiten, weil es diesmal das jüdische Volk selbst ist, welches die Leitung dieses seines Schicksales im Namen Zions in die Hand genommen hat. Das zersplitterte und misshandelte Volk der Juden ist annoch zu arm an opferwilligen Führern, als dass es einen Genius gleich Brandes entbehren könnte. Wird Herr Brandes, der den Durehbruch eines verjüngenden modernen Geistes in seinem Vaterlande Dänemark siegreich bis ans Ende geführt hat, der den unterdrückten Polen und Armeniern das Wort gesprochen hat wird sich Brandes der Renaissance des Judenvolkes gegenüber, das doch einstmals der ganzen Welt zur geistigen Wiedergeburt geholfen hat, ablehnend verhalten können? Die Stimmen des präzionjstischen Dreibundes D i s r a 61 i, Baron Hirsch und George Eliot sind verhallt. Die Stimme Georg Brandes', der durch fruchtbare Geistesarbeit eine grosse Autorität in der Welt des Geistes sich erworben hat — diese Stimme wird überall Gehör finden, wenn sie das Programm des Zionismus den Geistesaristokraten, i das heisst den fährenden Kräften der modernen Gesellschaft, zu denen er mit gehört, vor Augen hält, dieses einfach-grosse Programm, das sich in die wenigen Worte zusammenfassen lässt: Geistige und körperliche, ökonomische und sociale Hebung des nicht durch eigene Schuld, oder doch nicht allein durch eigene Schuld, verkommenden jüdischen Volkes; Auswanderungs- Möglichkeit der Unglücklichsten der Unglücklichen, unserer heimat- und rechtlosen Brüder Ost-Europas, nach einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte im Lande ihrer Väter, wo sie — berathen und geleitet von jüdischen Intelligenzen, die sich auf den Gebieten der verschiedenen menschlichen Fähigkeiten Bang und Namen erworben haben — ihre Arbeitswilligkeit und Arbeitsfähigkeit* bekunden und ihre Geschicke unbehindert durch feindliche Strömungen gestalten könnten. Dieses Programm ist so menschlich-edel, dass es jeder Mensch billigen und unterstützen sollte. Aus Brasilien. Dass ein thatkräftiger Mann selbst unter ausserordentlichen Verhältnissen Erfolge in der Propaganda der Idee erzielen kann, geht aus einem Briefe hervor, den Herr Mauricio Heissler, Rio de Janeiro, rua des Ourias 48, an uns richtet. Es gelang ihm nach kurzem Bemühen, 222 K Schekelgelder zu sammeln, und zwar von 40 Personen, die damit auch ausdrücklich ihre Zugehörigkeit zum Zionismus documentierten. Schwere Hindernisse eines Zusammenschlusses alier ortsansässigen Juden findet Herr Heissler in den stark differeneierten socialen Verhältnissen und in der Furcht vor dem Herandrängen gewisser scandalöser Elemente, deren Treiben wir in kürzester Zeit beleuchten werden. Unser Gesinnungsgenosse hat Agitationsschriften bestellt und hofft, das Resultat seiner Bemühungen mehrfach vergrössern zu können. Seine Erfolge bedeuten das Eindringen unserer Idee in ein neues Land, das bisher nicht nur vom Zionismus, sondern von allen Angelegenheiten des Judenthums unberührt war. Aus Sibirien. Herr Schapiro aus Tschitah berichtet: Auf der Heimreise vom V. Congresse hielt ich mich in 14 Städten auf, und zwar in Tschelabusk, Petropawlowsk, Dinsk, Tomsk, Marjinsk, Alschinsk, Krasnojarsk, Werchnendinsk, Petrowsk- Samowa und Stancion-Irulga und referierte überall über den Congress. In allen genannten Städten existieren bereits zionistische Ortsgruppen. Meine Vorträge hatten erwünschten Erfolg, ich gewann grossfe Kreise der Intelligenz und gründete neue Vereine. Viele derselben schickten bereits grössere Beträge an die Jüdische Colonialbank und verlangten Nationalfonds - Marken. Viele Vereine stehen in lebhaftem Briefwechsel mit Dr. Tschlenowin Moskau. Marken für Shares und Agitationsschriften verkaufte ich in jeder Stadt trotz sehr kurzen Aufenthaltes. Der Cassaausweis darüber geht nach London. Die Theilnahme an unsere Bewegung ist hier gross und ernst. Zur Hygiene Palästinas. Von Dr. Alexander Marmorek (Paris). Wenn die jüdischen Gegner des Zionismus alle ihre spitzfindigen und überklugen. Argumente gegen unsere Bestrebungen erschöpft haben, kommt als äussserster Trumpf die Versicherung, dass sie — die Voraussehenden — genau wissen, das Land unserer Väter werde nicht imstande sein, die vielen Millionen Juden -zu ernähren. Der Mangel an Wäldern, der Mangel an Wasser und Kohle, an Häfen und Strassen mache das Land, wie jene behaupten, für immer unbrauchbar zur ausgiebigen Gultur und Ausbeutung. Sie, die sich so gerne moderne Westeuropäer nennen hören, scheinen, sobald es sich um unsere Bestrebungen handelt, bloss die primitivste Gulturform und altvaterische Hilfsmittel zu kennen. Sie scheinen, sobald sie an den Zionismus denken, die gewaltigen Leistungen auf dem Gebiete der Nutzbarmachung von Boden- und Naturkräften zu ver-