Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1902-05-09
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr.. 19 „Die #k „Werde ich mir Awromele Kolin, mein Schwagerleben, mitnehmen; Warten Sie da, junger Herr und geben Sie mir gut Acht auf meine Birnen. Ich gehe zum; Awromele1nmd 'täif gl fcW wieder da." Damit gieng er «ili^vdavdn,, während sich Paul auf einem Ende der Bank! niederlies s,! als ob "nun er das Amt Motzels übernommen hätte. Es währte nicht zehn Minuten, da kamen sie angerückt. Awromele erschien in grosser Parade, den langen schwarzen Rock auf dem Leibe und den wildhaarigen Cylinderhut auf dem Kopfe. Motze! bat um eine Minute Geduld, denn nun musste er sich herausputzen. Vergeblich war Pauls Protest, er gieng doch in das Haus und kam lange nicht zum Vorschein. Er wichste seine Schuhe, legte die guten Kleider an, wich aber immer noch nicht yon der Stelle, weil er seine Birnen nicht ohne Aufsicht lassen wollte. Erst, als seine Frau die Kinder angekleidet und mit Frühstück versorgt hatte und sich nun auf einem kleinen Schemel "hinter der Bank niederliess, war er zum Aufbruch bereit. Paul gab jedem fünfzig Kronen und gieng dann voraus zum Wohnhause Heb Salme GoldnerSj während ihm die beiden in einiger Entfernung folgten. Es war .noch früh am Morgen, kaum die achte Stunde vorbei, doch als er zum Fenster kam, war Mirjam bereit» dort. Eine jähe Rothe schoss ihr bei seinem Anblick in die Wangen, sie blieb einen Augenblick wie gebannt sitzen, dann aber, als er die Hausthür geöffnet und leise, behutsam wieder geschlossen hatte, stand sie ihm bereits im Hofe gegenüber. Sein Herz begann heftig zu pochen, als er die Geliebte vor sich sah. Das Erröthen war auch von ihren Wangen nicht gewichen. Die Augen scheu zu Boden gesenkt, stand sie da, ohne Kran^ und Schleier und dennoch bräutlich geschmückt. Sie trug ein einfaches', bluten weisses Kleid und in ihrem Gürtel steckten drei dunkelrothe Rosen. Er streckte die Arme aus, und hätte das herrliche Mädchen an sieh ziehen und an sein laut pochendes Herz drücken mögen, allein, er musste sich beherrschen, denn das Thor wurde geöffnet und Motzel und Awromele traten ein. Rasch holte er den Zettel hervor, auf welchem er den Braut- Spruch notiert hatte, überlas ihn, ergriff Mirjams Linke, und während er ihr einen Ring an den Goldfinger steckte, sagte er feierlich: Hare" at mekudesches Ii betabaas su kedass moscheh wejisroel. „Masel tow! males tow!" kam es von den Lippen Motzel Krens und AVrom<»le Kohns, während Paul Mirjam in seine Arme zog und nunN^yjv Augen, ihre Lippen, ihr Haar mit Küssen bedeckte. Aber -, l^jite das „Masel tow" der zwei Zeugen zu laut gewesen sein /j§@r hatte er in der Stube vergeblich nach seiner Tochter gerufen, genug, Mirjam lag noch in Pauls Armen, als Saline Goldner auf der Thürschwelle erschien. Er blickte verwundert auf clie kleine Gruppe, dann eilte er auf seine Tochter zu und zog sie an sich. „Mirjam, begann er vorwurfsvoll, „so haben Deine Mutter, im G-an eden ruht sie, und ich Dich erzogen? Du, ein gutes, frommes Judenland, lässt Dich bei helllichtem Tage vor andern Leuten von einem jungen Menschen küssen? Von einem Schegez, der nicht weiss, wo Gott wohnt., der nicht den Schabbes heiligt und "Tiefe isst'f „Masel tow! masel tow!" riefen Kren und Kohn nochmals. „Masel tow?" fragte Goldher. „Seid Ihr in aller Frühe verrückt geworden?" „Reb Salme, von verrückt ist keine Rede," begann Motzel, „Mirjam hat den Ring am Finger, und vor uns zweien hat Herr Rosenstein das „Hare" at mekudesches" gesagt.'* „Mirjam?!Tr schrie Goldner. „So weit hast Du Dich vergessen? Ohne Wissen und ohne den Segen Deines Vaters hast Du Dich an diesen Mann gebunden? Dass ich auf raine alten Tage das habe erleben müssen! Diese Schande., dieses Unglück"! Jetzt will icli nichts mehr wissen, ich will nicht mehr leben, hinaus will ich mich tragen lassen auf den Guten Ort und meinem Weib will ich es klagen, wie undankbar unser Kind an mir gehandelt hat." „Herr Goldner," begann Paul, „Sie sollen Mirjam nicht kränken; wenn sie Vorwürfe erheben, so gebüren sie mir allein, denn ich habe Mirjam zu diesem Schritte verleitet. Verzeihen Sie uns beiden," Herr Goldner, .doch wir mussten so handeln. Unsere Liebe ist eine zu innige, als dass wir ohne einander zu leben vermöchten, und da Sie uns Ihre Einwilligung versagten, traute ich mich heimlich mit Ihrer Tochter. Zürnen Sie nicht; ich schwöre Ihnen, Mirjam wäre an der Seite eines anderen nie so glücklich geworden, als sie als meine Frau sein wird." „Nicht reden will ich mit Ihnen, ich gebe Ihnen keine Antwort/4 erwiderte Goldner. „Sie haben mir mein Kind verführt, Sie haben Unglück in mein Haus gebracht, ich verfi . . . ." „Nicht so, Vater!" schrie Mirjam auf und stürzte auf ihn zu und bedeckte seine Hand mit Küssen. „Du darfst ihm nicht fluchen, denn Dein Fluch fiele auch auf mein Haupt. Ich liebe ihn mehr als mein Leben, doch den schuldigen Gehorsam werde Weit6" Seite 15 ich Dir nicht verweigern. Ich bin Pauls Gattin, aber ich bleibe bei' iDiiv wenn Du unseren Bund nicht segnest."; £llfyyte "Mann will ich nicht mehr sehen. Er muss Dir clen. Scheidebrief geben." „Niemals!" sagte Paul. t f , „So wird'Mirjam ewig ohne Gatten sein." „Ich hin seine Frau, Vater, icb bin es bis zu meinem Tode, auch wenn ich ihn nie mehr wiedersehen sollte." „Und Ihr zwei habt Euch dazu hergegeben?" wandte sich Goldner an Motzel Stern und Awromele Kohn. „Schämt Ihr Euch nicht, mir solches Herzeleid zu bereiten? Habe ich nicht Gutes an Euch gethan, an Euch und Euren Kindern, so oft Ihr in Noth wart? Gott, wo i$t Deine Gerechtigkeit? Doch, ich will nicht klagen. Geht aus meinen Augen, damit der Zorn mich nicht hinreisse, geht und nehmt auch diesen jungen Menschen mit 'Euch, der mir mein Kind rauben will." Damit zog er Mirjam, die Paul nur noch einen Abschieds - blick zuzuwerfen vermochte, mit sich in die Wohnung, und die Aussenstehenden konnten wahrnehmen, wie er die Thüre hinter sich abschloss. Nun standen die drei im Hofe da: Paul mit gesenktem Haupte, und die Zeugen tief beschämt. Sie wären am liebsten wieder daheim gewesen, doch sie hatten die zweite Hälfte ihrer Zeugengebüren noch nicht erhalten. Erst als Paul aufblickte, erinnerte er sieh, dass sie Geld haben wollten, und er entlohnte sie rasch. Einige Minuten, nachdem sie aus dem Hause waren* gieng auch er, doch nicht mehr mit gesenktem Haupte. Auf seinen Lippen eischien ein Lächeln, in seinen Augen blitzte Hoffnung. Nein, der Zorn Goldners war nicht so stürmisch gewesen, wie er befürchtet hatte. Er liebt Mirjam aus vollem Herzen, und es wird ihm gelingen, ihn zu versöhnen, zu versöhnen nicht allein mit ihr .sondern auch mit ihm. XII. Daheim erwartete Paul die Botschaft, in das Schloss zu kommen. Herr von Tulpenthal habe bereits zweimal nach ihm fragen lassen. Doch er befand sich im Augenblicke in zu seliger Stimmung, als dass er den peinlichen Vorfällen in der Familie des Banquiers hätte entgegeneilen mögen. Er gieng in den Garten, Hess sich auf eine Bank nieder und träumte. Er war Mirjams Gatte, ja, er war es, zum mindesten im Sinne desjenigen, der dieser Verbindung am meisten trotzte. Das herrliche Mädchen, so schön, wie es die Phantasie kaum zu erdenken vermag, so duftig wie der lachende Frühling, sein, sein Weib. Sie ist sein eigen v.avh den Satzungen der jüdischen Religion, und jetzt, da ihm diese Religion das Glück gebracht, fühlte er sich von ihr selig angeheimelt. Ja, er gehörte mit Leib und Seele zum Judenthum, Mirjam war es, die das Gefühl der Zugehörigkeit zu seinem Volke mächtig in ihm geweckt hatte, und dann vielleicht auch die Beleidigung, die er durch den alten Baron Wiesenberg erfahren. Freches Judenjüngel! Es klang ihm abermals in den Ohren, und die Ueberzeugung erwachte in ihm, dass er bloss unter seinen Freunden und Genossen weder Jude noch Christ war, sobald er aber aus dem engen Rahmen trat, wurde er erinnert, dass er ein Anhänger des verpönten, verhetzten Volkes sei. Ja, er geil örte zu diesem Volke1, Reb Salme Goldner musste ihn zu den Seinigen zählen, und durfte ihm auf die Dauer den Segen nicht verweigern. Morgen wollte er ihn aufsuchen; bis dahin hatte vielleicht Mirjam das Friedenswerk zum grossen Theile vollendet, und wenn er nun kam und dem Alten betheuerte, dass er im tiefsten Herzen Jude sei, verflog vielleicht die letzte Spur seines Zornes. Dann bringt er die Eltern nach Lobenstein, lässt sich in der Synagoge, im Angesichte der ganzen Gemeinde trauen und reist.mit Mirjam nach Italien, in die heiligen Gefilde der Kunst, um ihren staunenden Blicken jene unendlichen Schätze vorzuführen, welche ihre Seele bloss geahnt, doch ihr Auge nie gesehen. Er fühlte sich heiter und glücklich, als er sich endlich aufmachte, um dem Rufe Tulpenthals zu folgen. Bei der ersten Biegung im Parke stiess er auf Gräfin Mary. Sie sass auf einer Bank und las. Beim Geräusch seiner Schritte blickte sie auf. Sie reichte ihm, wie einem guten Freunde, beide Hände und sagte, nachdem er sie begrüsst hatte: „Ich wollte die erste sein, die mit Ihnen spricht, deshalb postierte ich mich so nahe zum Parkthor. Die anderen wissen ja nicht, wie ich, dass Sie uns gut sind, dass zum mindesten ich einen treuen Freund gewonnen habe, der uns in dieser schweren Zeit zui* Seite stehen wird." „Frau Gräfin, so weit meine schwachen Kräfte reichen, bin ich Ihnen gerne zu dienen bereit. Zu meinem Leidwesen ist jedoch mit dem guten Willen wenig gethan. Es gibt Situationen, welche einen Eingriff von dritter Stelle kaum gestatten." „Ich habe so trübe Ahnungen", sagte die Gräfin. „Sie wissen nicht, wie schwer das Unglück auf mir lastet. Es ist ja geradezu, als ob alles zusammengetragen worden wäre, um uns zu demüthigen, uns ins Verderben zu stürzen. Und nun das Duell meines Bruders. Wenn er getödtet wird, sehe ich Scenen