Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Article
- Noch einmal die Thätigkeit der "Alliance"
- Date
- 1902-05-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Die o Welt- Nr. 19 manifestiert sind, noch den Wünschen der grossen Majorität der Alliance'-Mtgjg^ ai,^o - Soviel über die „Älhance*4 als Biiaungsingiitut Dass die „Albane^ £ür die Hebung der Judennoth wenig gethari hat^ wird allgemein zugestanden; auch von ihr selbst. Man lese nur den ersten und den letzten von ihr herausgebenen Jahresbericht; die Lage der nothleidenden Juden wird im letzten Berichte als eine ebenso schauerliche beschrieben wie im ersten. . Sie wird aber auch auf dem bisher betretenen Wege für eine Hebung oder Minderung der Judennoth nichts thun können, weil die Mittel, die sie mit eiserner Consequenz anwendet, wertlos sind, und die, die ttatsächlich helfen können, von ihr so methode- und planlos angewendet werden, dass, in ihren Händen, ihr Wert vollständig illusorisch geworden ist. Die „Alliance" protestierte gegen die Judenverfolgungen — das Protestieren ist ihr zur zweiten Natur geworden. Der fortwährende Protest ist, wie Gross-Rabbiner 1 s i d o r im Jahre 1873 meinte, der Wassertropfen, der den härtesten Felsen durchbohrt. Eine 2000 jährige Erfahrung hat den Juden gezeigt, dass der Protest und auch der fortwährende Protest nichts nützt. Im Gegeritheile, trotz aller Proteste nimmt mit jedem Jahre die Judenbedrückung einen bedrohlicheren Charakter an. Die „Alliance* meint ferner, auf diplomatischem Wege die Lage der Juden zu verbessern. Auch durch ihre Diplomatie nützt sie den Juden nichts, weil nur der Diplomat Vortheile erreicht, der Aequivalente bietet. Die Diplomatie beruht auf dem Grundsatze des Do ut des: und diesen Grundsatz haben sich die Diplomaten der „Alliance" nie angeeignet. Hinweise auf die Menschlichkeit oder die Menschenrechte reichen nicht aus, um ein Volk oder eine Regierung zu veranlassen, die Grausamkeiten gegen die Juden einzustell »n. Der Hauptgrund der Judenverfolgungen der Neuzeit ist, wie schon von verschiedenen Autoren nachgewiesen wurde, die begründete oder vermeintliche Furcht vor der industriellen und intellectuellen Concuri enz der Juden. Und digeschickteste Diplomatie vermag den Völkern oder "ihren Organen, den Regierungen, diese Furcht nicht zu nehmen. Deshalb sind auch die negativen diplomatischen Erfolge der „Alliance" zu verstehen, deshalb ist auch die Befürchtung berechtigt, dass auch in Zukunft ihre Erfolge nicht glänzender sein werden. Die Auswanderungs- und Colonisationsbestrebungen der „Alliance" sind nicht deshalb allein als methodelos zu bezeichnen, weil sie die Juden in den verschiedensten Ländern anzusiedeln suchte, sondern weil man in ihr eine leitende Idee vermisst. Eine methodisch geleitete jüdische Auswanderungsbewegung tritt nicht erst während einer Katastrophe in Action, wenn die Juden, von Verfolgern gepeinigt oder vom Hunger gequält, blindlings losstürzen; sie bringt die Auswanderer nicht in irgend ein Land, das zufällig noch off^n ist, ohne vorher Garantien zu erhalten, dass es ihnen und ihren Nachkommen ein gastlich Obdach gewähren wird; sie setzt die Auswanderer nicht der Gefahr aus, nicht landen zu können oder keine Unterkunft oder keine Arbeit im fremden Lande zu finden; sie wählt auch nicht, um die Reisekosten nicht ins Unendliche zu steigern, die entferntesten Länder; sie wird auch nicht die Juden noch weiter in die Welt zu zerstreuen suchen — in der Zerstreuung keimte ihr Unglück; sie wird sie auch am allerwenigsten dort anzusiedeln suchen, wo sie mit den Nachkommen der Leute in Berührung kommen, die vor wenigen Jahrhunderten den grössten *fheil des jftdfö$tej|^ßt angines hingeschlachtet haben.- r rDiesen Principlien zum Trotz, die allein uns Gewähr bieten, dass Judenu ifait> Erfolg ein ferneres Land besiedein, trat die „AHinhce*- erit'Üäim lädt Eö:e%ie* > für die Auswanderung ein, wenn sie die Juden kiif der Flucht sah und sie eine Zufluchtsstätte für die Flüchtlinge finden musste; sie schickte die Auswanderer nach den Vereinigten Staaten, nach Ganada, ohne sich zu vergewissern, dass sie das Land betreten, dass sie in demselben lohnende Arbeit und Brot finden würden; sie hilft jetzt das Colonisationsw« rk in einem Lande weiterführen, das in den Antipoden liegt, unter einer Bevölkerung, die von jenen Spaniern abstammt, die durch Inquisition und Autodafes das furchtbarste Verbrechen am Judenthum begangen haben. Dass unter solchen Umständen das Colonisationswerk der „Alliance" weder in der Gegenwart noch in der Zukunft Früchte tragen kann, ist selbstverständlich. Wohl hat die „Alliance* selbst nicht die Mittel, Massen zu colonisieren; wohl haben die Juden noch nk-ht den Charter, der eine erfolgreiche Besiedelung des dnzigen Landes ermöglicht, das allen vernünftigen Anforderungen entspricht, Palästinas. Doch hat die „Alliance" die Mittel, auf die „Ica" zu wirken; drei der Administratoren der „Ica" werden von der „Alliance" gestallt. Sie . kann durch die „Ica" die financielhn Schwierigkeiten, die der Erlangung eines Chartersentgegenstehen, überwinden; sie kann durch dieselbe der Colonisation eine rationelle Basis geben. Hat sie mitgearbeitet, den Charter zu erlangen : und den bedrängten Juden eine Zufluchtstätte zu I schaffen,?o wird sie das Ziel, das ihren Gründern vor-! schwebte, erreichen, ohne Pressfeldzüge, ohne Proteste \ bei den-Regierungen, lauter Dinge, die wie die Flut das Erstaunen der Menschen erregen, urp nachher wie; die Ebbe in ein Nichts zu zerfliessen. Die österreichischen CuUusgemeinden und der Zionismus. Von Dr. Bergmann in Pardubitz (Böhmen). Auf dem zweiten Zionistencongresse wurde die Parole zur Eroberung der Cultusgemeinden ausgegeben, allein das Resultat ist noch nicht ein zufriedenstellendes. Das darf uns Zionisten jedoch nicht alterieren, denn es handelt sich ja nicht darum, dass an Stelle des X der Y im Cultusvorstande sitze, sondern darum, da^s wir den Alten unser Programm aufzwingen und den erbgesessenen -Vertretern den Begriff der socialen Verpflichtungen beibringen. Es entsieht deshalb die Frage, ob wir das thun können? Ich sage, dass wir österreichische Zionisten den Cultusgemeinden unsere Ideen theilweise aufzwingen können, und will als Paragraphenmenmensch diese Behauptung an der Hand des Gesetzes nachweisen. Zuerst sei es mir gestattet, kurz die historische Entwicklung . und den Inhalt unseres Cultusgemeide- Gesetzes zu schildern. Bis tief ins XVIII. Jahrhundert wurden die Juden als Fremde angesehen und noch unter Maria Theresia warden die Juden aus Prag ausgewiesen. Erst Kais r Josef IL ordnete an, dass die Juden als Nebenmenschen geachtet und den christlichen Einsassen gleichgehalten werden sollen. Der Leibzoll, die doppelten Gei ichtstaxen etc. wurden aufgehoben. Die Freizügigkeit wurde ihnen aber nicht gewährt. Diese erlangten sie, sowie das Recht, unbewegliches Eigenthum zu besitzen, erst im Jahre 1848. Voll-