Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1902-05-02
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die & Weit* Seite 15 ich liebe Dich ja tausendmal mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mit jeder Faser meines Herzens, ich liebe meine eigene Liebe, weil Du sie in mir entzündet hast, doch verhänge nicht, dass ich meinen Vater heimlich verlasse. Kr würde daran sterben und ich müsste ihm folgen." „BedenlTe, Mirjam, dass wir keine andere Hoffnung besitzen. Wenn wir unser Glück von Deinem Vater erwarten wollen, so könen wir darüber steinalt werden. Soll unsere Jugend in trostlosem Hangen und Bangen verrinnen? Ich habe geschworen, nicht von Deiner Seite zu weichen, aber ich sehe bereits, ich kimntc jahrelang liier verweilen und wir würden doch den Segen Deines Vaters nicht erlangen. Gut, bleibe bei ihm, doch er soll Dich nicht zwingen können, mir die Treue zu brechen. Wir beide müssen das Bewusstsein haben, untrennbar einander anzugehören, was immer sich ereignen mag, und deshalb will ich Dich in Gegenwart zweier Zeugen mir angeloben, Du bist dadurch nicht meine Gattin, allein nach den jüdischen Gesetzen kann Dich Dein Vater nicht mehr einem anderen zum Weibe geben." „Du willst mir einen Ring an den Finger stecken und den Trammgsspruch dazu sagen „Ja, das will ieh.<k „Mein Vater wird zürnen, wenn er davon erfährt, doch ich willige trotzdem mit Freuden ein. Darf ich mich doch dann im Sinne meines Vaters als Deine Frau betrachten, und schon dieser Gedanke allein macht mich unaussprechlich glücklich." „Mein gutes, geliebtes Kind! Sobald ich Dich mir angetraut, theile ich es Deinem Vater mit." „Wie, er soll es sofort erfahren?" „Gewiss! Vielleicht fügt er sich dann in das Unvermeidliche, wenn nicht, so soll er seinem Zorn in meiner Anwesenheit Ausdruck geben. Denke., ich wäre nicht in Lobenstein und er erführe die Geschichte! Du wärst allein und hättest niemand zu Deinem Schutze! Er würde Dich quälen und ich wäre in weiter Ferne." „Paul, Du gedenkst also dennoch abzureisen? Du hast geschworen, bei mir zu bleiben und willst Deinen Schwur brechen, Du willst mich verlassen?" Sie blieb stehen und noch bevor er ein Wort des Trostes zu sagen vermochte, liefen ihr die grossen, hellen Thränen über die Wangen. # Er ergriff ihre Hand. „Beruhige Dich, Mirjam, ich bleibe hier, zum mindesten noch lange Zeit. Aber wenn ich sehe, dass mein Verweilen aussichtslos ist, dann muss ich doch zuweilen zu längerem Aufenthalte nach der Hauptstadt zurück. Ich muss arbeiten, für unsere Zukunft sorgen, muss meine Verbindungen aufrechterhalten, und das wäre unmöglich, wenn ich immer hierbliebe." „Doch, einige Zeit bleibst Du unbedingt da." „Gewiss!" So will ich nunmehr versuchen, das Herz meines Vaters zu erweichen. Gib mir Deinen Ring, traue Dich mit mir, dann will ich vor meinen Vater hintreten und seinen Segen erbitten. Und wenn er meiner Bitte kein Gehör schenkt, so werde ich seine Einwilligung fordern."' „Du fordern, Mirjam? Doch ich sehe, Deine Thränen sind versiegt, und aus Deinen Augen leuchtet Muth, so müssen wir zum Ziele gelangen. Aber nicht allein sollst Du vor Deinen Vater hintreten; ich werde bei Dir sein. Wir wollen ihm die grosse Neuigkeit morgen mittheilen." „Aber vorher muss die Trauung stattgefunden haben?" „Natürlich! Am liebsten würde ich das sofort besorgen, doch woher in der Eile zwei Zeugen nehmen? Nun, heute ist es zu spät, allein morgen in der Frühe werde ich sie finden. Wenn Du mich morgen vor Deinem Fenster siehst, kommst Du auf den Hof heraus, dort vollziehen wir die Cereinonie, die ja bloss einige Secunden in Anspruch nimmt, und dann treten wir vor Deinen Vater hin." Sie drückte ihm zum Einverständnisse die Hand, und da sie sich vor einer dunklen Thoreinfahrt befanden und die kleine Gesellschaft weit voraus war, legte^er den Arm um ihre Taille und küsste sie rasch auf die Lippen. Sie stiess erschreckt einen leisen Schrei aus, dann aber ergriff sie wTieder seine Hand und hielt sie einige Secunden fest. Rasch eilte sie nun auf ihre kleine Gesellschaft zu, die, nachdem sie vollzählig war, sich zum Heimgang wendete. Erst wurden die Mädchen der Reihe nach heimgeleitet, dann kehrte Paul mit Clara heim. Am nächsten Morgen erhob er sich beizeiten, denn er müsste nach Zeugen fahnden. An Berl Heimann wagte er sich nicht heran, das war ein consequenter Mensch, der sich für Geld schwerlich herbeiliess, Reb Salme Goldner zu erzürnen. So schlenderte er auf gut Glück durch die Gassen, dem Zufall vertrauend!, der ihm die geeigneten Leute in den Weg führen sollte. Vorerst begegnete er bloss einigen Frauen, die ungekämmt und ungewaschen zum Bäcker liefen oder die Milch zum Frühstück besorgten. Bald zogen einige Dorfgeher, den schweren Sack auf dem Rücken, an ihm vorüber, doch er sprach sie nicht an, sie schienen, ihm für seinen Plan nicht geeignet. Wohl eine halbe Stunde lang wa.r er vergeblich umhergeschlendert, als ein Mann, eine hölzerne Bank tragend, aus einem Hause kam. Er stellte die Bank hin, gieng wieder in das Haus und kehrte mit einem Körbchen gedörrter Birnen zurück, die er auf der Bank in kleinen Häuflein sorgfältig auseinanderreihte. Paul stand in einiger Entfernung, rauchte eine Cigarette und sah dem Manne zu, wie er seine Arbeitverrichtete. Alfl. die Birnen in symmetrisch geordneten Häuflein aufgereiht waren, trat er auf ihn zu und fragte ihn um den Preis eines Häufleins. Der Mann blickte auf und grinste: „Zu was braucht der junge Herr in aller Frühe gedörrte Birnen. Der junge Herr trinkt in der Frühe Kaffee. Vier Stück kosten zwei Heller." „Zwei Heller? Und wie viele Häuflein zu vier Stücken sind hier?"' Der Mann begann zu zählen. Es gelang nicht zum erstenmal; er müsste nochmals daran. „Scchsimddreisig", sagte er endlich. „So kostet der ganze Vorrath zweiundsiebzig Heller! Und wenn der verkauft ist, haben Sie noch welche?"' „Nein, ich bin froh, wenn ich die bis zum Abend verkaufen kann/" „Wie heissen Sie, lieber Freund?* „Wie soll ich heissen? Motzel Kren heiss' ich/-' „Hören Sie, Herr Kren, ich gebe Ihnen zwanzig Kronen, wenn Sie mir einen kleinen Dienst erweisen, wenn Sie mir als Zeuge dienen." „Zwanzig Kronen? Als Zeuge? Wie kann ich als Zeuge gehen, wenn ich nichts gesehen habe?" „Sie sollen erst sehen. Sie sollen dabei sein, wenn ich einem Mädchen einen Ring an den Finger stecke und die Trauungsformel dazu sage." (Fortsetzung folgt.) Mitfheilungen des österreichischen Landes-Comites „Verband Zioii". Tagesordnung des II. österreichischen Zionisten-Tages. 1. Begrüssung durch die Einberufer. 2. Wahl des Bureaus.?> Rechenschaftsberi ht. ' 4. Organisation. a) Techuische Organisation. Ref. Dr. Egon Zweig, Wien. b) Die nächsten Aufgaben der einzelnen Organisationen. Referenten Dr. David Malz, Lemberg und Alfred Weissberger, Wien. 5. Agitation. Ref. Karl Rezek, Prag. 6. Stellungnahme zu den nichtzionistischen Gruppen in Oesterreich. Ref. Egon Le derer, Wien. 7. Eine nationale Ackerbauschule für Palästina. Ref. Cultusrath Isidor Ge witsch, Wien. 8. Presse. Dr. S. Kren berger, Wien. 9. Stellungnahme zu den Congressen. Ref. Max H i c k 1, Brünn. 10. Budgetierung. Bestimmung der Parteisteuer. Ref. S. Mohr, WTien. 11. Wahl des Landes-Comites. 12. Bestimmung des Ortes für den nächsten Parteitag. * Die Verhandlungen selbst finden im Saale des Hotel „Schwarzer Adler" in Biala statt. * Anträge und Anregungen zum Zionisten- Tag müssen bis 4. Mai uns schriftlich zugesandt werden. * Die Vorbesprechung der Delegierten findet am 17.Mai 8 Uhr abends im Restaurant Langer (Bahnstrasse) statt, wo rituelle Küche geführt wird. Der Preistarif ist vom vorbereitenden Bielitzer Comite geprüft. Die Verhandlungen selbst finden im Saale des „Hotel Kaiserhof* statt, wohin vom Bahnhofe directe Tramwayverbindung ist. Am 18. Mai 8 Uhr abends ist im Saale des Hotels „Schwarzer Adler" grosser Festabend. Am 19. Mai findet abends ein geselliger Ausflug der Delegierten mittelst Tramway in den Zigeunerwald und ein gemüthlicher Abschiedsabend bei Langer statt. Die Mitglieder des Empfangs-Comites werden am 16. und 17. Mai am Bahnhofe die Delegierten empfangen und durch eine weiss-blaue Schleife zu erkennen sein, Im ßreßchäftslocale des Harra Goidwurm in Bielifcz (Schloss)