Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Article
- Ein Dementi
- Date
- 1902-05-02
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Welt1* Nr. 18 L Allein das hat absolut keinen Bezug auf den Zionismus, über dessen Bestrebungen die Regierung wohl informiert ist und denen sie niemals und nirgends Hindernisse in den Weg legt. Es war eine Fahndung nach polnisch-patriotischen und socialistischen Propaganda-Schriften, wogegen die zionistischen Bücher und Schriften, die bei einigen der von der Revision Betroffenen gefunden wurden, völlig unbehelligt ihren Besitzern belassen wurden. Mit dem Zionismus hat daher die stattgehabte „Razzia" absolut nichts zu thun. * Das Central-Comite der „Alliance Israelite" in Paris hat seinen Beschluss, Neuwahlen am 11. Mai vorzunehmen, geändert. Diese dürften wahrscheinlich im Monate Juni stattfinden. * Judenkrawalle in London. InTottenham bei London sind letzten Samstag infolge Differenzen zwischen einigen englischen Arbeitern und einer Anzahl von Fremden, meist russischen und polnischen Juden, Streitigkeiten entstanden, welche dadurch verursacht wurden, dass die Juden sich zum Abladen von Zimmerwerk zu niedrigeren Preisen verpflichtet hatten, als sie an anderen Quais an dem Leafluss bezahlt wurden. Montag haben sich die Ruhestörungen wiederholt, indem eine angesammelte Menge die Umzäunung des Werkes, wo die Juden arbeiteten, durchbrach und mit den Zaunpfählen Thüren und Fenster einschlug. Erst die Ankunft einer starken Polizeimacht konnte die Ordnung wieder herstellen. Ein Zionist Cantonsrath in der Schweiz. Unser geschätzter Gesinnungsgenosse Herr Dr. D. Farbstein in Zürich wurde durch Volksabstimmung Cantonsrath, das ist Mitglied des Parlaments des Cantons Zürich. Er ist der erste Jude im Canton Zürich, der ein parlamentarisches Amt bekleidet und einer der ersten in der Schweiz. * Altneuland. Dr. Theodor Herzl hat seinen zionistischen Roman „Altn euland", an dem er seit Jahren arbeitete, beendigt. Das Werk wird gleichzeitig in mehreren Sprachen erscheinen. Pepsonalnacb^icblen. Mr. Gerschon J. de Sola, Sohn des verewigten Rev. Abraham de Sola, Chief-Rabbi der spanischen und portugiesischen Synagoge in Montreal (welcher Posten jetzt von dessen Sohn Rev. Meldola de Sola eingenommen ist) und Bruder unseres Gesinnungsgenossen Clarence J. de Sola, Mitglied des A.-C. für Canada, ist am 17. März in Montreal im frühen Alter von 41 Jahren gestorben. * Wien. Herr D. Rosenthal, der Vater des Obmannes der Ortsgruppe „Favoriten" des „Zion" Wien. Herrn Doetor Rosenthal, ein durch Gesinnungstreue und Liebenswürdigkeit gleich geschätzter Mitarbeiter, ist vorgestern hier verschieden. Er war Tempelvorstand im Bezirke und hat es seinerzeit gegen eine mächtige Clique durchzusetzen gewusst, dass man in seiner Synagoge für zionistische Zwecke spenden durfte. Sein Andenken in Ehren * In London ist Frau Nathaniel Montefiore, die Mutter von Mr. Claude Montefiore, im Alter von 83 Jahren gestorben. * Dem „Memeler Dampfboot* zufolge ist der erste Dr.-Ingenieur des Maschinenbaufaches, dessen Promotion an der technischen Hochschule zu Charlottenburg am 10. v. M. stattfand, ein Memeler, nämlich Herr Benno Rülf, der dritte Sohn des früheren Chefrpdacteurs des „Dampfboot" und vormaligen Rabbiners Dr. J. Rülf (jetzt in Bonn), unseres verehrten Gesinnungsgenossen und Vorkämpfers. Benno Rülf ist im Jahre 1871 in Memel geboren und seit mehreren Jahren als Ingenieur in Nürnberg thätig. Vtfelt-übFoniH. Eine Petition. Die Unterrichtscöminission'des deutschen Abgeordnetenhauses berieth über eine Petition von 115 Lehrern an jüdischen Volksschulen. Durch Erlass des Ministers der geistlichen etc. Angelegenheiten vom 16. September 1896 ist den staatlichen Lehrerseminaren das Recht verliehen worden, giltige Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst ausstellen zu dürfen. Die jüdischen Seminarien haben das Recht nicht erhalten. Da die jüdischen Seminaristen ein staatliches Seminar nicht besuchen können, so fühlen sich die jüdischen Lehrer hinter ihre christlichen College» umsomehr zurückgesetzt, als sie genau dieselbe wissenschaftliche Ausbildung erhalten haben und ihre Prüfung vor einer königlichen Prüfungscommission ablegen müssen. Sie bitten daher das Abgeordnetenhaus,, dafür eintreten zu wollen, dass die jüdischen Lehrerseminarien, die zur Abnahme der Volksschuilehrerprüfung und zur Ausstellung des Befähigungszeugnisses zum Lehramt berechtigt sind, auch das Recht zur Ausstellung des Befähigungszeugnisses für denEinjährig-Freiwilligen-Dienst erhalten. DieCommission beschloss, die Petition der Staatsregierung als Material zu überweisen. Gute Nacht! Anlässlich .der Wahlen wurden, wie die „Neue Freie Presse" meldet, im vierten Arrondissement von Paris grosse Placate in hebräischen Lettern angeschlagen. Es ist der Wahlaufruf des revolutionären Socialisten Bousquet, welcher die Stimmen der jüdischen Wähler erbittet und ihnen vorstellt, dass sie nur durch Verwirklichung des Programmes von Karl Marx glücklich werden könnten. Der Aufruf ist in hebräischer Sprache abgefasst. Ein englischer Geistlicher will in der Bibliothek von Augsburg einen bisher unbekannten Roman des berühmten englischen Dichters Milton (1608—1674) entdeckt haben, den er demnächst herausgeben will. Das Werk hat den Titel: „Die ideale Zions-Stadt." Jüdische Colonien. Aus Odessa wird gemeldet: Der vor einigen Jahren seitens der Regierung zum Pfleger der jüdischen Colonien des Gouvernements Jekaterinoslaw ernannte Agronom J. A. Kowalski (Christ) hat vor kurzem einen amtlichen Bericht veröffentlicht, in welchem er den 10.000 jüdischen Bauern ein überaus glänzendes Zeugnis ausstellt So äussert er sich u. a.: „Man muss selber längere Zeit in den jüdischen Dörfern sich aufgehalten haben, um die Tüchtigkeit, den Fleiss und die Sauberkeit der jüdischen Bauern des Gouvernements Jekaterinoslaw zu würdigen. Jedes jüdische Dorf macht auf den Fremden den Eindruck einer Musterwirtschaft; die Strassen zeichnen sich durch Reinlichkeit aus, und die Häuser sind mit Vorgärten umgeben, in denen die jüdische Bäuerin ihr Gemüse u. s. w. . hat. Kein Dorf besitzt eine Schenke oder eine Verkaufsstelle für Schnaps. Die Leute sehen gesund und blühend aus, und die jüdischen Recruten aus diesen Dörfern werden in der Regel zur Artillerie genommen. Die vielfach verbreitete Ansicht, dass die Juden sich für die Landwirtschaft nicht eignen, wird durch die jüdischen Colonien des Gouvernements Jekaterinoslaw gründlich widerlegt, Ich selbst bin bis vor wenigen Jahren dieser Ansicht gewesen, bin jedoch eines Bessern belehrt worden und davon überzeugt, dass unter gewissen Verhältnissen aus jedem Juden ein vorzüglicher Bauer werden kann.* Der Tabaksbau, welcher bis vor wenigen Jahrpn in Südrussland in hoher Blüte stand, ist seit dem Inkrafttreten des Gesetzes vom Jahre 1882, durch welches dem Bauer der Verkauf seines Proouctes sehr erschwert wurde, rapid zurückgegangen. Gegenwärtig liegt derselbe in den beiden Gouvernements Bessarabien und Podolien ausschliesslich in den Händen der Juden, deren kaufmännisches Genie selbst unter den erschwerten Umständen günstigen Absatz zu finden weiss. Während unsere Glaubensgenossen im Jahre 1864 kaum 27 Procent aller Tabakplantagen besassen, betrug das von ihnen bearbeitete Areal im Jahre 1886 bereits 62 Procent und umfasst jetzt nahezu 99 Piocent. Die Zahl der' jüdischen Tabakpflanzer beläuft sich gegenwärtig allein im Gouvernement Bessarabien auf 900; unter den von ihnen beschäftigten 4720 Taglöhnern sind 3431 92.3 Procent Juden