Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Article
- Die Wahlen in Frankreich
- Date
- 1902-05-02
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Für das uvuugöfnöiöü ■ Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljahrig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 18. Wie», 2. Mai 1902. 6. Jahrgang Die Wahlen in Frankreich. Die Wahlen sind zwar noch nicht vollkommen durchgeführt — bei beinahe einem Viertel der Mandate müssen erst Stichwahlen die Entscheidung bringen —, allein der Nebel der Ungewissheit ist zerstreut, und die Umrisse der zukünftigen Kammer sind schon deutlich sichtbar. Das reine Saldo der Wahlen ist eine Mehrheit zugunsten des republikanisch-fortschrittlichen CabinetsWaldeck-Rousscau. Die „liberalen" Blätter aller Länder jubeln über den Sieg des fortschrittlichen Gedankens. Wir aber dürfen uns fragen: Haben auch die Juden in Frankreich und in der übrigen Welt wirklich Grund zu heller Freude? Freilich momentan ist der Ansturm der Finsternis- und Rückschrittsfreunde, der Judenhasses zurückgesehlagen, und das jetzige freisinnige Ministerium bleibt am Ruder. Aber die Juden haben in ihrer heiklen Situation die Pflicht, über den Augenblick hinaus auszuspähen und alle Begleiterscheinungen und Nebenumstände genau zu beachten — und da wird ihre Freude arg gedämpft und ihre Besorgnis aufs äusserste geweckt. Schon der Umstand, dass in allen Wahlbezirken des grossen Frankreich antisemitische Candidaturen angemeldet waren, wirft ein grelles Streiflicht auf die Lage der Juden in Frankreich, selbst wTenn nur ein Theil dieser Candidaturen von Erfolg begleitet war. Denn auch darüber besteht kein Zweifel, dass der Antisemitismus die Platform dieser Wahl war, auch wenn die antiministeriellen Candidaten sieh unter anderen Masken versteckten. Es gab ebenso socialistisehe wie royalistisehe Antisemiten . . . das war das Bezeichnende. Wenn auch nicht alle Antisemiten gewählt wurden, so wurden doch in sämmtlichen Wahlbezirken antisemitische Stimmen abgegeben, und die Summe der antisemitischen Stimmen ist erschreckend gross. Paris ist überhaupt fast ganz den Antisemiten zugefallen. Dieselben Blätter, die sonst Paris als Kopf und Herz von Frankreich rühmten, trösten sich heute damit, dass die Provinz diesmal „der Hauptstadt eine Lehre gegeben habe". Nun, das ist ein schwacher Trost, denn wenn irgendwo, ist in Frankreich die Hauptstadt factisch das Centrum des Landes. Paris ist auch jene Stadt, in welcher die überwiegend grösste Zahl aller in Frankreich lebenden Juden wohnt. Es wiegt also, der Umstand der antisemitischen Haltung von Paris für die Juden die Wahl der Provinz auf. Aber nicht das allein lehren die Wahlen. Wir haben es ja in anderen Ländern miterlebt: Es genügt schon eine antisemitische Minderheit in einem Vertreiwngshörper, um diesen nach der Richtung zu terrorisieren, dass die Mehrheit es nicht mehr wagt, judenfreundlicJie Gesetze vorzuschlagen; Juden in Aemtern und Würden zu fördern; die Juden so zu behandeln, wie alle anderen Staatsbürger. Man zählt bereits die Zahl der jüdischen Beamten, Lehrer, Ingenieure, Aerzte..... Auch eine nicht judenfreundliche Regierang wird sich aus Erhaltungstrieb hüten, Juden in auch nur halbwegs grösserer Zahl anzustellen. Von da ist nur ein Schritt zur ausgesprochenen Ausschliessung, zur Boycottierung der Juden. Die Liberalen freuen sich besonders, dass Drumont sein algerisches Mandat verloren habe. Abgesehen davon, dass für Drumont in Paris ein Platz frei gemacht werden wird, ist es wirklich glcichgiltig, ob Drumont in der Kammer sitzt oder nicht. Es kommt nicht auf die Personen, sondern auf den Geist an. Und da muss man leider constatieren — wenn man sich nicht selbst täuschen will —: dass der Antisemitismus in Frankreich immer weitere Fortschritte macht, dass Frankreich aufgehört hat, ein Asyl, ein Hort der Juden zu sein, und dass leider zu befürchten ist, dass es in nicht zu ferner Zeit sogar in die Reihe der Juden feindlichen und judenbedrückenden Länder treten wird. Immer enger wird der Raum, der den Juden auf der Erde frei zugänglich ist, und noch immer sind sie kurzsichtig genug, nicht daran denken zu wollen, sich ein eigenes Haus zu gründen, wohin sie, vor Verfolgungen und Anfeindungen geschützt, sich zurückziehen könnten.